Schick­sals­fra­ge der Na­ti­on

tz - - GELD + MARKT - INT.: M. KNIEP­KAMP

Wie be­wer­ten Sie die Um­stel­lung von Pfle­ge­stu­fen auf Pfle­ge­gra­de?

Fus­sek: Es ist zu­nächst mal zu be­grü­ßen, wenn die häus­li­che Pfle­ge ge­stärkt wird und pfle­gen­de An­ge­hö­ri­ge mehr Geld be­kom­men. Trotz­dem be­fürch­te ich, dass die Eu­pho­rie bald ei­ner Er­nüch­te­rung wei­chen wird. Woran liegt das? Fus­sek: Zum ei­nen wird die zu Recht viel kri­ti­sier­te Mi­nu­ten­pfle­ge nicht ab­ge­schafft. Au­ßer­dem feh­len die Pfle­ge­kräf­te, die die­se zu­sätz­li­chen Leis­tun­gen dann er­brin­gen sol­len. Geld und Ge­set­ze pfle­gen kei­ne Men­schen!

Die­ses Pro­blem be­hebt die Re­form nicht …

Fus­sek: Nein, das kann sie auch gar nicht. Man muss es aber of­fen­siv an­spre­chen. Lei­der gibt es über die Pfle­ge auch kei­ne lei­den­schaft­li­che öf­fent­li­che Dis­kus­si­on – an­ders als bei The­men wie Maut oder Rechts­an­spruch auf Krip­pen­plät­ze. Die meis­ten An­ge­hö­ri­gen ha­ben re­si­gniert und sa­gen, das neue Ge­setz ist bes­ser als gar nichts.

War­um fehlt die öf­fent­li­che Dis­kus­si­on?

Fus­sek: Ei­gent­lich ist die Pfle­ge die Schick­sals­fra­ge der Na­ti­on, weil je­der Bür­ger frü­her oder spä­ter mal von die­sem The­ma be­trof­fen ist. Das ist al­ler­dings ei­ne un­be­que­me Wahr­heit, die wir als Ge­sell­schaft kol­lek­tiv ver­drän­gen. Und wenn es uns dann doch be­trifft, ist es zu spät.

Wel­che Re­form wür­de wirk­lich et­was brin­gen?

Fus­sek: Wir bräuch­ten ei­nen Rechts­an­spruch auf Ta­ges­pfle­ge, ähn­lich wie auf ei­nen Krip­pen­platz. Das wä­re ei­ne ech­te Ent­las­tung für pfle­gen­de An­ge­hö­ri­ge.

Müss­ten da­für die Bei­trä­ge mas­siv stei­gen?

Fus­sek: Nein. Es ist ge­nug Geld im Sys­tem. Al­ler­dings wird der Grund­satz Re­ha­bi­li­ta­ti­on vor Pfle­ge nicht prak­ti­ziert. Statt des­sen blei­ben die Men­schen durch schlech­te Pfle­ge pfle­ge­be­dürf­tig – das ist wirt­schaft­lich in­ter­es­sant! Des­halb wä­re es sinn­voll, Kran­ken- und Pfle­ge­kas­se zu­sam­men­zu­le­gen. Dann gä­be es ei­nen An­reiz, dass Men­schen mög­lichst lan­ge selbst­be­stimmt le­ben kön­nen.

Pfle­ge-Ex­per­te

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