„Je­der kann ein Held wer­den“

-In­ter­view: Kri­mi­au­to­rin Char­lot­te Link und ihr neu­es Buch „Die Ent­schei­dung“

tz - - KULTUR + TV - IN­TER­VIEW: ANTONIO SEIDEMANN

Das Ers­te, was bei Char­lot­te Link (53) auf­fällt, sind die strah­len­den Au­gen. Und so je­mand schreibt Kri­mis, lo­tet die Ab­grün­de der Men­schen aus? Die Best­sel­ler­au­to­rin (Ge­samt­auf­la­ge über 20 Mil­lio­nen) ist auf Le­se­rei­se und si­gnier­te im Hu­gen­du­bel ihr neu­es­tes Buch Die Ent­schei­dung (Blan­va­let, 577 S, 20 Eu­ro). Wir tra­fen Link.

Beim Schrei­ben ver­ar­bei­ten Sie ei­ge­ne Er­leb­nis­se. Wie be­wusst ist Ih­nen, wäh­rend Sie et­was er­le­ben, dass Sie dar­über schrei­ben wer­den?

Char­lot­te Link: Sa­gen wir ein­mal so: Der Ge­dan­ke, dass ich schrei­be, be­glei­tet mich im­mer. Bei ne­ga­ti­ven Er­leb­nis­sen kann es ei­ne gro­ße Hil­fe sein. So ne­ga­tiv es auch ist, gibt es et­was Po­si­ti­ves, weil man es ja ver­wen­den kann. Man stellt sich ne­ben sich und ana­ly­siert das Er­leb­te.

Wur­de es Ih­nen schon ein­mal von je­man­dem vor­ge­wor­fen, dass Sie ge­mein­sam Er­leb­tes ver­ar­bei­ten?

Link: Manch­mal fra­gen mich Leu­te, ob ich sie ge­ra­de se­zie­re. Aber ich ha­be noch nie Men­schen eins zu eins in mei­nen Bü­chern be­schrie­ben.

Ei­ne Aus­nah­me dürf­te es ge­ben: Sie ha­ben 2014 ein Buch ge­schrie­ben über den Tod Ih­rer Schwes­ter.

Link: Ja, da gab es gar nichts Gu­tes. Na­tür­lich ge­winnt man aus al­lem Er­kennt­nis­se, aber der Preis ist viel zu hoch.

Wäh­rend der sechs Jah­re, die Sie Ih­re Schwes­ter bis zum Tod be­glei­tet ha­ben – hat­ten Sie da im Kopf, dass Sie dar­über schrei­ben wer­den?

Link: Nein, über­haupt nicht. Ich ha­be erst ein­ein­halb Jah­re nach ih­rem Tod da­mit an­ge­fan­gen. Ei­gent­lich woll­te ich mich gleich in die Ar­beit stür­zen, ei­nen Kri­mi schrei­ben. Ich muss­te aber im­mer wie­der ab­bre­chen. Es ging nicht, ich spür­te, dass es jetzt ein­fach um et­was an­de­res ging.

Wie ha­ben Ih­re Le­ser die­ses Buch auf­ge­nom­men?

Link: Es war über­wäl­ti­gend. We­ni­ger die Tat­sa­che, dass es auf Platz zwei der Spie­gel- Sach­buch­best­sel­ler­lis­te kam. Viel­mehr wa­ren es die vie­len Brie­fe, die ich von Le­sern be­kam, die mir ih­re Er­fah­run­gen mit Krank­heit und Tod schrie­ben. Es tat gut, zu spü­ren, dass ich nicht al­lei­ne war mit die­sen Er­leb­nis­sen.

Hat sich das Buch auf Ih­ren Schreib­stil aus­ge­wirkt?

Link: Na­tür­lich wirkt sich al­les, was man er­lebt, auf das Schrei­ben aus. Was sich be­son­ders im neu­en Buch Die Ent­schei­dung wi­der­spie­gelt, ist die­se Hilf­lo­sig­keit, die wir auch ge­gen­über der Krank­heit mei­ner Schwes­ter ge­spürt ha­ben. Die Haupt­fi­gur, Si­mon, ist to­tal aus­ge­lie­fert. Ich weiß ge­nau, wie sich das an­fühlt.

Das klingt ein we­nig fa­ta­lis­tisch. Sind Sie so?

Link: Nein. Wir ha­ben bis zu­letzt an der Sei­te mei­ner Schwes­ter ge­kämpft. Ich bin nach wie vor über­zeugt, dass man sein Schick­sal weit­ge­hend selbst be­stim­men kann. Im Buch schafft es Si­mon auch, aus der Ge­schich­te le­bend her­vor­zu­kom­men. Es ge­lingt ihm, bis­her un­be­kann­te Kräf­te frei­zu­set­zen.

Wenn man mit dem Rü­cken zur Wand steht …

Link: Dann wer­den oft ganz nor­ma­le Men­schen zu Hel­den, von de­nen man es vi­el­leicht nie ge­dacht hät­te.

Sie nut­zen bei Ih­ren Ro­ma­nen ak­tu­el­le The­men. Müs­sen Sie sie dann oft kor­ri­gie­ren?

Link: Ja, vor al­lem bei der Ent­schei­dung. Die Hand­lung spielt in Frank­reich. Ich war schon fast fer­tig, als die An­schlä­ge in Pa­ris ver­übt wur­den. Das gan­ze Land hat sich von ei­nem Tag auf den an­de­ren ver­än­dert. Da muss­te ich das Buch an­glei­chen.

Meis­tens ver­bin­det man die Pro­vence mit Son­ne und Hel­lig­keit. Bei der „Ent­schei­dung“ist es trüb …

Link: Wir ha­ben ein Haus in der Pro­vence. Die Som­mer sind da wirk­lich hell und son­nig, aber im Win­ter kann es ganz düs­ter wer­den. Da ist dann al­les braun in braun. Die Häu­ser, die Er­de, die kah­len Wein­fel­der. Und es ist kalt. Ich woll­te auch ein­mal die­se Sei­te des Sü­dens be­schrei­ben. Wenn ich de­pres­siv wer­den soll­te, dann in der Pro­vence im Win­ter (lacht).

Fo­tos: Frank A. Schmidt

Ge­dul­di­ge Au­to­rin: Char­lot­te Link si­gnier­te im Hu­gen­du­bel und un­ter­hielt sich mit ih­ren Le­sern

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