Si­gno­re Gas­pe­ro­ni, was soll­te der Brief?

tz - - SPORT - Alan Gas­pe­ro­ni Ex-NOK-Spre­cher San Ma­ri­nos IN­TER­VIEW: MIRKO CALEMME

Die De­bat­te um die Sinn­haf­tig­keit von Län­der­spie­len ge­gen Mi­ni-Fuß­ball­na­tio­nen wie San Ma­ri­no spal­tet auch den FC Bay­ern. Wäh­rend sich Ka­pi­tän Phil­ipp Lahm für ei­ne Bei­be­hal­tung ein­setz­te, kri­ti­sier­te Karl­Heinz Rum­me­nig­ge den WM-Qua­li-Mo­dus. „Jetzt spie­len wir ge­gen San Ma­ri­no, Gi­bral­tar, Ko­so­vo. Da fra­ge ich mich: Wie­so gibt es für sol­che klei­nen Län­der kei­ne Qua­li­fi­ka­ti­on?“, sag­te Rum­me­nig­ge der Sport Bild. „Wir ha­ben heu­te rund 40 Pro­zent mehr Län­der­spie­le als frü­her.“Rum­me­nig­ge zeig­te Un­ver­ständ­nis da­für, dass klei­neVer­bän­de­imGrund­satz nach wie vor eben­so gro­ße Rech­te hät­ten wie die Top-Na­tio­nen. Grund da­für sei, dass die Stim­me ei­nes Fuß­ball­zwergs im Welt­ver­band FIFA und in der UEFA „ge­nau­so schwer wiegt wie die deut­sche. Es geht im­mer we­ni­ger um Sport, son­dern im­mer mehr um Po­li­tik und Finanzen.“

Lahm sieht ei­nen An­reiz in Spie­len mit gro­ßem Klas­sen­un­ter­schied. „Es ist im­mer so, dass klei­ne Ver­ei­ne und auch klei­ne Län­der sich auf sol­che Spie­le freu­en. Ich glau­be, für San Ma­ri­no war es das größ­te Spiel in die­sem Jahr, wenn nicht in den letz­ten Jah­ren. Fuß­ball ist Freu­de, Sport ist Freu­de – und der soll­te im Vor­der­grund ste­hen.“

Und Tho­mas Mül­ler, der mit sei­nen Aus­sa­gen den of­fe­nen Brief aus San Ma­ri­no (sie­he oben) aus­lös­te? Der sag­te ges­tern, dass er „ver­sucht ha­be, bei­de Sei­ten zu se­hen. Aber da wer­de ich mich zu ge­ge­be­ner Zeit noch da­zu äu­ßern.“Über­rascht war er von der Hef­tig­keit der Kri­tik aus San Ma­ri­no – was Alan Gas­pe­ro­ni, der ehe­ma­li­ge Spre­cher von San Ma­ri­nos NOK zu der von ihm los­ge­tre­ten Dis­kus­si­on sagt, er­klär­te er der tz.

Si­gno­re Gas­pe­ro­ni, war­um ha­ben Sie die­sen Brief ge­schrie­ben?

Gas­pe­ro­ni: Weil ich ger­ne schrei­be und ein gro­ßer Fan un­se­rer Na­tio­nal­mann­schaft bin. Ich ha­be die Wor­te von Tho­mas Mül­ler ge­le­sen und war der Mei­nung, dass ich dar­auf ant­wor­ten muss­te. Das ha­be ich ge­tan, es auf Face­book ver­öf­fent­licht und da­nach bin ich mit mei­ner Frau aus­ge­gan­gen. Als wir heim­ka­men, war mein Brief schon um die Welt ge­gan­gen. Stel­len Sie sich vor, man hat mir so­gar Über­set­zun­gen ins Rus­si­sche zu­kom­men las­sen.

Tho­mas Mül­ler mein­te, mit pro­fes­sio­nel­lem Fuß­ball ha­be ein Spiel ge­gen San Ma­ri­no nichts zu tun. Was ge­nau hat Sie der­ar­tig in Ra­ge ver­setzt?

Gas­pe­ro­ni: Es wa­ren nicht sei­ne Wor­te, son­dern viel­mehr die grund­sätz­li­che Ein­stel­lung vie­ler Men­schen un­se­rem Fuß­ball ge­gen­über. Mül­ler war nicht der Ers­te. Es macht mich wü­tend, dass je­mand denkt, der Fuß­ball sei et­was für ei­nen aus­ge­wähl­ten Kreis. Oder dass je­mand, nur, weil er stär­ker ist, sich das Recht her­aus­nimmt dar­über zu ur­tei­len, wer Fuß­ball spie­len darf und wer nicht. Der Fuß­ball ge­hört al­len – und wenn es in mei­nem Land nun mal kei­ne Pro­fis gibt, weil wir nur 30 000 sind, ist das nicht un­se­re Schuld.

Ge­nau ge­nom­men hat Mül­ler aber nichts ge­gen San Ma­ri­no ge­sagt. Er hat nur sei­ne Zwei­fel über die­se Art von Spie­len zum Aus­druck ge­bracht.

Gas­pe­ro­ni: Das Pro­blem ist, dass er gar kei­ne Zwei­fel äu­ßern darf. Wenn die Ver­bän­de und die UEFA ent­schei­den, dass San Ma- ri­no den Fuß­ball ein­stel­len soll­te, wer­den sie uns dar­über in Kennt­nis set­zen. Das ist aber we­der das Pro­blem von Mül­ler, noch von Löw.

Der Satz, Deutsch­land ha­be nicht von sei­ner Ge­schich­te ge­lernt, ist vie­len übel auf­ge­sto­ßen.

Gas­pe­ro­ni: Es tut mir leid, wenn sich je­mand da­durch be­lei­digt ge­fühlt hat. Deutsch­land ist ei­ne rie­si­ge Na­ti­on und ei­nes der we­ni­gen Län­der in Eu­ro­pa, das ak­tu­ell ei­nen gu­ten Mo­ment durch­lebt. Ich woll­te die Deut­schen nicht we­gen ih­rer Ge­schich­te an­grei­fen, son­dern ha­be nur Kli­schees ge­braucht, um Auf­merk­sam­keit zu er­re­gen. Das deut­sche Volk hat uns viel ge­ge­ben, schließ­lich hat un­ser Land vie­le deut­sche Tou­ris­ten will­kom­men ge­hei­ßen. Jetzt sind es we­ni­ger, aber vi­el­leicht ist das ja die rich­ti­ge Ge­le­gen­heit, um wie­der für uns zu wer­ben.

Und was soll­te das mit den wei­ßen So­cken?

Gas­pe­ro­ni: In den Sieb­zi­gern und Acht­zi­gern ist un­se­re Re­gi­on von den Tou­ris­ten über­rollt wor­den. Und die tru­gen nun mal wei­ße So­cken un­ter ih­ren San­da­len – ein Bild, das haf­ten ge­blie­ben ist. Je­des Land hat doch sei­ne Kli­schees! Als die Ita­lie­ner nach Deutsch­land ka­men, ha­be ich schlim­me­re Schlag­zei­len ge­le­sen.

Wie fie­len die Re­ak­tio­nen in San Ma­ri­no aus?

Gas­pe­ro­ni: Es ha­ben Leu­te an­ge­ru­fen und mich da­für ge­lobt, un­ser Land ver­tei­digt, und in ge­wis­ser Wei­se da­für ge­wor­ben zu ha­ben. Gut mög­lich, dass vie­le Men­schen über­haupt nicht wuss­ten, dass San Ma­ri­no ei­ne Na­tio­nal­mann­schaft hat. Dass wir exis­tie­ren und die­ser Art von Fuß­ball­spie­len wür­dig sind.

Sie ha­ben auch die Gel­der an­ge­spro­chen, die der

Ver­band durch die­se Spie­le be­kommt. Gas­pe­ro­ni: Ja, die sind näm­lich le­bens­wich­tig. Sie wer­den in den ge­sam­ten Sport un­se­res Lan­des in­ves­tiert. Wir bau­en da­mit Plät­ze und stel­len Mann­schaf­ten wie das Frau­en­team oder die Fut­sal-Trup­pe zu­sam­men und or­ga­ni­sie­ren sport­li­che Ak­ti­vi­tä­ten für die 1000 Kin­der des Lan­des.

Wür­den Sie ger­ne per­sön­lich mit Mül­ler spre­chen? Vi­el­leicht beim Rück­spiel?

Gas­pe­ro­ni: Selbst­ver­ständ­lich! Mül­ler ist Welt­meis­ter, ich kann nichts ge­gen ihn sa­gen. Ich bin zwar kein Ath­let, aber da­für Sports­mann durch und durch. Ich bin mir si­cher, dass ein ein­zi­ger Blick rei­chen wür­de und al­les mit ei­nem Hand­schlag er­le­digt wä­re. Und wo wir schon in Deutsch­land sind, könn­ten wir ja gleich ein Bier zu­sam­men trin­ken ge­hen. Er­war­ten Sie ei­ne Ant­wort des DFB?

Gas­pe­ro­ni: Nein. Ich bin nur ein Fan.

Zum Ab­schluss: Gibt es noch et­was, das Sie die Le­ser in Deutsch­land wis­sen las­sen wol­len?

Gas­pe­ro­ni: Ja. Dass San Ma­ri­no exis­tiert! Sie wis­sen das, schließ­lich ha­ben sie uns oft als Tou­ris­ten be­sucht. Und ich hof­fe, dass sie uns wei­ter­hin so re­spek­tie­ren, wie sie es ge­macht ha­ben, als sie ih­ren Ur­laub in un­se­rem Land ver­bracht ha­ben. Hof­fent­lich kom­men vie­le zum Rück­spiel in Nürn­berg – und feu­ern uns auch ein we­nig an.

Fo­to: Ima­go

Mül­ler ge­gen San Ma­ri­no: „Gib zu, Du warst sau­er!”

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