Men­schen-Schlep­per

tz - - MÜNCHEN+REGION - ANDRE­AS THIEME

Ein Jahr und zehn Mo­na­te Haft – aber auf Be­wäh­rung. Am En­de hat Achmed O. (25, Na­me ge­än­dert) noch Glück ge­habt: Er durf­te das Land­ge­richt ges­tern als frei­er Mann ver­las­sen, ob­wohl er Flücht­lin­ge il­le­gal nach Bay­ern ge­schleust hat­te.

Es ist die Ge­schich­te von fal­schen Ver­spre­chen und ge­platz­ten Träu­men. „Ich ha­be al­le vier Fäl­le ge­stan­den, die ich in kur­zer Zeit be­gan­gen ha­be“, sagt Achmed. In der tz gibt er Ein­bli­cke in die Schleu­ser-Sze­ne – und schließt mit sei­nem al­ten Le­ben ab.

„In Ro­sen­heim wur­de ich von der Bun­des­po­li­zei er­wischt“, sagt er. „Mit zwei Sy­rern im Au­to. Zwei wa­ren Medizin-Stu­den­ten, die in Bay­ern an die Uni wol­len.“Sie hat­ten kei­ne Pa­pie­re, aber gro­ße Träu­me: Ein Le­ben in Frei­heit und Si­cher­heit. Von Bu­da­pest aus soll­te der Schlep­per sie an die deut­sche Gren­ze brin­gen. Der Lohn: 600 Eu­ro. Pro Pas­sa­gier.

„Sie sa­ßen ganz nor­mal auf den Sit­zen ne­ben und hin­ter mir“, sagt Achmed. „Ich ha­be die­se Men­schen nicht un­wür­dig be­han­delt. Sie sind vor dem Krieg ge­flo­hen – so wie ich selbst frü­her.“

Im Ja­nu­ar 2001 kommt Achmed nach Deutsch­land, lebt fort­an in Aa­chen. Macht sein Fach-Abi und ar­bei­tet bei der Post. „Ur­sprüng­lich woll­te ich den Flücht­lin­gen nur hel­fen“, sagt er. Aber die Fahr­ten sind auch ein lu­kra­ti­ves Ge­schäft. „Man muss Geld ha­ben, wenn man nach Deutsch­land will. Ich ha­be ei­ni­ge ge­se­hen, die hat­ten bün­del­wei­se Schei­ne in der Ta­sche“, sagt Achmed. „Ich bin frü­her auch durch Leu­te wie mich nach Deutsch­land ge­kom­men.“

Die Flücht­lin­ge, die er trans­por­tier­te, kann­te Achmed vor­her nicht. „Sie wur­den mir zu­ge­wie­sen, man lernt sich erst auf der Fahrt ken­nen.“Ge­zahlt wur­de nach der Lie­fe­rung. „Es gab ver­schie­de­ne Rou­ten: Nach Mün­chen, Pas­sau, Frei­las­sing oder Bad Rei­chen­hall.“Zu­nächst muss der Schlep­per die Stre­cke ein­mal al­lei­ne ab­fah­ren, um auch die Kon­trol­len ab­zuch­ecken. „Der Plan war, dass ich die Leu­te zur Gren­ze brin­ge und sie von dort aus selbst wei­ter­ge­hen.“Am En­de war die Bun­des­po­li­zei aber schlau­er und ver­haf­te­te ihn.

„Ich be­reue nicht, was ich ge­tan ha­be“, sagt er. „Ich bin nicht der ein­zi­ge Fah­rer ge­we­sen, es gibt vie­le an­de­re. Wir wur­den al­le er­wischt. Ich zu­erst. Die an­de­ren spä­ter.“Aber Achmed woll­te nie­man­den ver­ra­ten – und nahm da­für auch ein Jahr Un­ter­su­chungs­haft auf sich. Erst als auch sei­ne Kom­pli­zen im Ge­fäng­nis wa­ren, ha­be er al­les ge­stan­den und kam des­halb schon vor dem Pro­zess wie­der frei – so wie auch ein Ban­den­mit­glied. Für bei­de gel­ten nach dem Ur­teil stren­ge Auf­la­gen: Achmed darf das Land nicht ver­las­sen und muss sich je­de Wo­che bei der Po­li­zei mel­den. Den drit­ten Tä­ter ver­ur­teil­te Rich­ter Gil­bert Wolf zu drei­ein­halb Jah­ren Haft.

Achmed will jetzt bei ei­ner Si­cher­heits­fir­ma ar­bei­ten. „Wenn auch nur ein Mensch durch mich zu Scha­den ge­kom­men wä­re“, sagt er, „dann wä­re ich frei­wil­lig ins Ge­fäng­nis ge­gan­gen.“

Fo­to: Jantz Fo­to: Jantz

Im Pro­zess am Land­ge­richt wur­den auch zwei wei­te­re Ban­den­mit­glie­der ver­ur­teilt Achmed zeigt sei­nen Pass (re.). Von Bu­da­pest hat­te er Flücht­lin­ge nach Bay­ern ge­fah­ren

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