Ein ab­sur­der Abend

Bay­ern­di­va (Sä­ge­brecht) trifft Opern­star (Kirch­schla­ger)

tz - - KULTUR + TV - BEA­TE KAYSER

Bon­bon-bunt und mit ex­tre­mem All­gäu-Ak­zent: Das ist Krebs’ vir­tu­el­ler Schla­ger­sän­ger mit dem „fro­hen Klang aus Nes­sel­wang“. Krebs-Fans ken­nen den blon­den Lie­bes­bar­den oh­ne Flir­tEr­folg schon län­ger – und er­le­ben jetzt den Meg­gy-Mon­ta­na-Wan­del mit. Er sagt: „Ich wer­de jetzt po­li­ti­scher. Ich sin­ge jetzt nicht mehr

son­dern Neu in Krebs’ Ka­bi­nett: der baye­ri­sche In­nen­mi­nis­ter. Wun­der­bar par­odiert in sei­ner Lang­sam­keit – und in­halt­lich fo­kus­siert auf den Schutz der Lan­des­gren­zen. Krebs-Herr­mann for­dert zum Bei­spiel: „Man muss die un­kon­trol­lier­te Zu­wan­de­rung aus Thü­rin­gen und Meck­len­burg-Voll­pfos­ten be­schrän­ken – auf ma­xi­mal 100 Man­dys und 18 Ron­nys im Mo­nat.“

Was macht ein „al­tes Dorn­rös­chen“(Selbst­zi­tat) mit ei­ner Sän­ge­rin der ers­ten Ka­te­go­rie? Wie kom­men Ma­ri­an­ne Sä­ge­brecht, die ans Gu­te glaubt und das ih­rem Pu­bli­kum un­ter Aus­brei­tung ih­rer ei­ge­nen Bio­gra­fie in­stän­dig emp­fiehlt, und An­ge­li­ka Kirch­schla­ger, die bei je­dem ge­sun­ge­nen Ton strah­lend übers Pri­va­te hin­aus­kommt – ja, wie kom­men die bei­den zu­sam­men?

Bru­tal ge­sagt: über­haupt nicht. Und wenn sie sich in der ge­schickt als Kon­zert-Raum her­ge­rich­te­ten Reit­hal­le ge­gen­sei­tig noch so hin­ge­ris­sen an­lä­cheln. Man wohnt ei­ner pri­va­ten Sym­pa­thie­kund­ge­bung bei, ge­gen die na­tür­lich kei­ner et­was ha­ben kann, die aber doch so pri­vat ist, dass man lie­ber nicht da­bei wä­re.

Die Sä­ge­brecht er­zählt, durch­aus nicht un­ei­tel, mehr über „Ma­ri­an­ne“, als man wis­sen möch­te, und die wun­der­ba­re Kirch­schla­ger ant­wor­tet im- Der ehe­ma­li­ge Mi­nis­ter­prä­si­dent („Stoib­mund Eder – ach, sor­tie­ren Sie sich die Buch­sta­ben doch sel­ber!“) ist Krebs’ Pa­ra­de­rol­le: ei­ne Freu­de zum Zu­hö­ren. Zum Bei­spiel, wenn er sagt: „Ich ken­ne min­des­tens fünf Po­li­ti­ker, die ei­nen zwei­fel­haf­ten Geis­tes­zu­stand ha­ben. Ich bin zwei da­von.“Die pas­sen­de Ver­ab­schie­dung ans Pu­bli­kum: „Sehr ge­ehr­te Dings, vie­len Bums!“ mer wie­der mit net­ten Künst­ler-An­ek­do­ten. Ein selt­sa­mes Paar, zu­sam­men­ge­spannt in dem Pro­gramm Cal­ling You (Pre­mie­re 2015 in Wi­en) vom Au­tor Tho­mas Kahry und für die­sen ei­nen Abend vom Gärt­ner­platz­thea­ter ein­ge­la­den. Wie weit ist er vom Ori­gi­nal ent­fernt, der par­odier­te Sö­der? Viel­leicht gar nicht so weit … Im­mer­hin stellt Krebs in der Rol­le des Mi­nis­ters fest: „Wir spre­chen von Fran­ken, al­so vom wich­tigs­ten Teil Eu­ro­pas.“Und wenn’s um CSU-Kon­kur­ren­tin Ai­g­ner geht: „Ich kann die Il­se nicht brau­chen. Die hilft mir nicht wei­ter.“

Die Sä­ge­brecht ha­ben wir am liebs­ten, wenn sie, al­ler Le­bens­weis­hei­ten ent­klei­det, streng ge­führt als Ori­gi­nal in ein paar gu­ten Fil­men zu se­hen ist. Und die Kirch­schla­ger mit ih­rer per­fek­ten Stim­me, ih­rer Darstel­lungs­ga­be, ih­rem wil­den Lo­cken­kopf und ih­rem stu­pen­den Charme ge­hört auf die Büh­ne.

Hier singt sie sich durch ein krau­ses Pro­gramm, scheint zu ant­wor­ten auf die Text­pas­sa­gen der Sä­ge­brecht. Aber wie gro­tesk ist der Ab­stand, wenn sie auf Ma­ri­an­nes Är­ger, nach ih­rem Kör­per­bau be­ur­teilt zu wer­den, mit Cla­ra Schu­manns Liebst du um Schön­heit re­agiert! Eng­lisch, Fran­zö­sisch, Brecht und Mu­si­cal, Mah­lers Rhein­le­gend- In die­ser Rol­le glänz­te Krebs auch schon auf dem Nock­her­berg. Täu­schend echt die Sprach­fär­bung, das La­chen. Und: Als See­ho­fer wird Krebs auch ver­gleichs­wei­se scharf. Zum Bei­spiel, wenn er fest­stellt: „Pe­ter Alt­mai­er ist das Sprach­rohr der Kanz­le­rin. Das ist ja auch ei­gent­lich nur lo­gisch – au­ßen rund und in­nen hohl.“Und wenn’s um die FDP geht: „Rös­ler und Brü­der­le – der ei­ne nicht ganz voll­jäh­rig, der an­de­re ganz­jäh­rig voll.“ chen oder Da un­ten im Ta­le von Brahms – al­les pol­tert – und per­fekt ge­sun­gen auch von der ge­nui­nen Di­seu­se Kirch­schla­ger – durch­ein­an­der, aber gut be­glei­tet vom Pia­nis­ten Ko­en Schoots.

Und dann kommt plötz­lich ei­ne Ha­ba­ne­ra von Bi­zet, die ei­nen vom Sitz reißt. Wann singt sie die Car­men am Na­tio­nal­thea­ter? Nie ei­ne bes­se­re ge­hört!

Ab­surd das Gan­ze – ein Abend der drit­ten Art.

Fo­to: Wie­be & Bun­ne­mann

Wenn die Bou­zou­ki weint in Mon­te­pul­cia­no,

Wenn die Ma­rim­ba weint in Wer­ni­ge­ro­de.“

Fo­to: Lif­ka

Ma­ri­an­ne Sä­ge­brecht (l.), An­ge­li­ka Kirch­schla­ger

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