Der Hass-Fahn­der

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Zu­erst plap­per­te Tay auf Twit­ter über sü­ße Hun­de­wel­pen, we­nig spä­ter schon klang das ganz an­ders: „Hit­ler hat­te recht. Ich has­se Ju­den.“Bald folg­ten Tay 95 000 Men­schen. Das Netz ist voll mit Men­schen, die ih­ren ge­dank­li­chen Müll ab­la­den. Bloß: Tay war kein Mensch. Tay war ein Soft­ware-Ro­bo­ter, der sich ver­hielt wie ein Mensch. Der Soft­ware-Gi­gant Mi­cro­soft hat­te Tay als Ex­pe­ri­ment pro­gram­miert, das den Ent­wick­lern bald zu ra­di­kal wur­de. Sie schal­te­ten es ab. Tay war weg – das Pro­blem blieb: Ma­schi­nen ver­brei­ten Hass im In­ter­net – und fast nie­mand er­kennt, dass Ma­schi­nen am Werk sind.

Si­mon He­ge­lich hat es sich zur Auf­ga­be ge­macht, die di­gi­ta­len Drecks­schleu­dern zu ent­tar­nen. Der Pro­fes­sor für Po­li­ti­cal Sci­ence Da­ta an der Hoch­schu­le für Po­li­tik der TU Mün­chen hat zum Bei­spiel her­aus­ge­fun­den, dass ein gan­zes Heer an Bots den Ukrai­ne-Kon­flikt mit fa­schis­ti­schen Äu­ße­run­gen im In­ter­net an­heiz­te. Im Auf­trag der Wis­sen­schaft ja­gen He­ge­lich und sein Team die Bots. Sei­ne Jagd­hun­de sind Al­go­rith­men, die er auf die so­zia­len Netz­wer­ke los­lässt. Ein schier aus­sichts­lo­ser Kampf: He­ge­lich schätzt, dass 15 bis 25 Pro­zent der ak­ti­ven Twit­ter-Nut­zer Bots sind. „Wenn ich frü­her et­was tau­send Mal ge- hört ha­be, konn­te ich da­von aus­ge­hen, dass es stimmt“, sagt He­ge­lich. „Das ist vor­bei. Din­ge, die in der al­ten Welt gal­ten, gel­ten heu­te nicht mehr.“

Und auch in an­de­ren Netz­wer­ken tum­meln sich Hass-Schleu­dern: He­ge­lich schätzt, dass auf Ins­ta­gram, ei­nem be­lieb­ten In­ter­ne­tDi­enst zum Tei­len von Fo­tos und Vi­de­os mit 500 Mil­lio­nen Nut­zern, je­der drit­te Bei­trag von Bots ver­fasst wird.

Mensch oder Ma­schi­ne? Für nor­ma­le Nut­zer ist die Un­ter­schei­dung fast un­mög­lich. Und So­ci­al Bots ler­nen selbst­stän­dig da­zu. Wie ge­fähr­lich Hass aus der Do­se ist, zeigt ein Blick auf ei­ne ty­pi­sche Dis­kus­si­on im In­ter­net. Bei­spiel Flücht­lin­ge: Ein Bot son­dert ei­nen ras­sis­ti­schen Post ab — „Flücht­lin­ge sind Ab­schaum“. Ge­mä­ßig­te Nut­zer ver­las­sen nach so ei­nem Satz die De­bat­te, er­klärt He­ge­lich. Fa­tal: Sie keh­ren der Dis­kus­si­on den Rü­cken, ih­re Ge­gen­stim­men und -ar­gu­men­te ge­hen so ver­lo­ren.

He­ge­lich: „Die in der Dis­kus­si­on ver­blei­ben­den Nut­zer le­sen jetzt nur noch ras­sis­ti­sche Bei­trä­ge – ihr Welt­bild wird be­stä­tigt und sie ra­di­ka­li­sie­ren sich zu­se­hends.“Ei­ne so­ge­nann­te Fil­ter-Bla­se ent­steht, Men­schen se­hen und hö­ren nur noch Din­ge, die in ihr Welt­bild pas­sen. „Bald ent­steht ei­ne Wa­gen­burg“, er­klärt He­ge­lich. Gleich­ge­sinn­te schot­ten sich von der Um­welt – und de­ren Ar­gu­men­ten – ab und rot­ten sich zu­sam­men. Die­se Schüt­zen­grä­ben-Men­ta­li­tät macht ei­ne sach­li­che Dis­kus­si­on fast un­mög­lich. Auch die Po­li­tik hat das Pro­blem er­kannt und dem Hass im Netz den Kampf an­ge­sagt. Do­nald Trump setz­te im US-Wahl­kampf mas­siv auf Bots. Laut ei­ner Stu­die der Ox­ford Uni­ver­si­ty wur­de ein Drit­tel der Trump-freund­li­chen Pos­tings auf Twit­ter von Bots ge­ne­riert, bei Hil­la­ry Cl­in­ton wa­ren es knapp ein Vier­tel. Die gro­ße Macht und da­mit Ge­fahr der so­zia­len Bots liegt in der „Ska­lier­bar­keit“, sagt He­ge­lich. „Das Pro­gramm, dass ein Pro­fil steu­ert, kann auch 10, 100 oder ei­ne Mil­li­on Pro­fi­le steu­ern.“Und hier schließt sich der Kreis: Was der Mensch tau­send Mal hört, glaubt er ir­gend­wann. Im Ver­hält­nis zu Auf­wand und Kos­ten sind So­ci­al Bots als di­gi­ta­le Pro­pa­gan­daMa­schi­nen nach Mei­nung von Ex­per­ten hoch­ef­fek­tiv. 1000 ge­fälsch­te Pro­fi­le sind im In­ter­net schon zwi­schen 50 und 150 Dol­lar zu ha­ben. Auch fer­ti­ge Sys­te­me las­sen sich im Netz kau­fen: Ei­ne fern­ge­steu­er­te 10 000 Bot star­ke Twit­ter-Ar­mee kos­tet rund 500 Dol­lar.

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