Der Geist von Kreuth wird 40!

tz - - BAYERN -

Ein Geist geht um in der CSU – der Geist von Kreuth. Ob­wohl das Ge­spenst längst in die Jah­re ge­kom­men ist, prägt der Tren­nungs­be­schluss der CSU-Lan­des­grup­pe, der sich am Sams­tag zum 40. mal jährt, noch im­mer das Ver­hält­nis der Schwes­ter­par­tei­en. Zum ers­ten und bis­lang ein­zi­gen Ma­le wag­te die CSU an je­nem 19. No­vem­ber 1976 im seit­her le­gen­dä­ren Wild­bad Kreuth die gro­ße Re­vol­te und kün­dig­te die Frak­ti­ons­ge­mein­schaft mit der CDU im Bun­des­tag auf. Und mehr noch, der Plan von CSU-Chef Franz Jo­sef Strauß sah auch vor, künf­tig bun­des­weit bei Wah­len an­zu­tre­ten. An­ders als der seit über ei­nem Jahr an­dau­ern­de Zoff mit der CDU über die von der CSU ge­for­der­te Ober­gren­ze für 200 000 Flücht­lin­ge dau­er­te 1976 die Mut­ter al­ler CSU-Re­vol­ten nur 23 Ta­ge. Schon am 12. De­zem­ber wur­de der Tren­nungs­be­schluss wie­der zu­rück­ge­nom­men. Der Druck der CDU war ein­fach zu groß, der da­ma­li­ge Par­tei­chef Hel­mut Kohl hat­te dem Re­vo­luz­zer und CSU-Chef Franz Jo­sef Strauß of­fen mit der Grün­dung ei­nes baye­ri­schen CDU-Lan­des­ver­ban­des ge­droht. In der er­in­nert sich der CSU-Eh­ren­vor­sit­zen­de Theo Wai­gel an die­se Schick­sals­ta­ge sei­ner Par­tei.

Wel­che Er­in­ne­run­gen ha­ben Sie an den „Geist von Kreuth“?

Theo Wai­gel: Das war ei­ne ein­ma­li­ge Ge­schich­te, die 1972 und 1976 ei­ne Rol­le ge­spielt hat. Vie­le wis­sen ja gar nicht, dass Strauß schon 1972 ei­nen ers­ten Ver­such mit ei­ner klei­nen Grup­pe von Ver­trau­ten star­ten woll­te. Da­mals hat sich aber bald her­aus­ge­stellt, dass er nur we­nig Un­ter­stüt­zer fin­den konn­te. Da­bei wa­ren die Wah­l­er­geb­nis­se 1972 für die Uni­on noch viel dra­ma­ti­scher als vier Jah­re spä­ter. Wir wa­ren so­gar hin­ter die SPD zu­rück­ge­fal­len. Es sah wirk­lich düs­ter aus.

Und wie­so konn­te Strauß es dann 1976 doch um­set­zen, im­mer­hin hat­te die Uni­on un­ter Kohl ein bes­se­res Wah­l­er­geb­nis er­reicht?

Wai­gel:: Weil es wie­der nicht ge­reicht hat­te, die Mehr­heit zu ho­len. Kreuth be­gann nicht mit dem Wil­len, ei­nen Tren­nungs­be­schluss zu fäl­len. An­fangs gab es vie­le Kri­ti­ker, doch die wur­den von Strauß im Lau­fe der Sit­zung stär­ker at­ta­ckiert. Ich selbst ha­be am nächs­ten Mor­gen in Ab­we­sen­heit von Strauß – er hat­te sich ver­spä­tet – ge­gen ei­ne Tren­nung ge­spro­chen, wie schon 1972. Denn der Tren­nungs­ver­lust, da war ich mir si­cher, wä­re zu groß. Zwei Uni­ons­par­tei­en ne­ben­ein­an­der, mit fast de­ckungs­glei­chen In­hal­ten und Zie­len, das funk­tio­niert nicht. Die Theo­rie vom ge­trenn­ten Mar­schie­ren und ge­mein­sa­men schla­gen ist in der Pra­xis nicht mög­lich, ei­ne Il­lu­si­on.

War das The­ma nach 1976 end­gül­tig vom Tisch?

Wai­gel:: Nein, 1990 gab es Über­le­gun­gen in der CSU. Es ging um die Aus­deh­nung nach Sach­sen und Thü­rin­gen, auch das ha­be ich ab­ge­lehnt.

Wer ist denn im Rück­blick der Ge­win­ner der Re­vol­te von 1976?

Wai­gel:: Nie­mand. Die Dis­kus­si­on hat der Uni­on ins­ge­samt nicht ge­nützt, sie be­deu­te­te Ab­nut­zun­gen für CDU-Chef Hel­mut Kohl wie Strauß. Es gab ein­fach kei­nen Sie­ger. Für Kohl be­deu­tet sie, dass er auf sei­ne Kanz­ler­kan­di­da­tur 1980 ver­zich­te­te, Strauß konn­te 1980 als Kanz­ler­kan­di­dat ge­gen Hel­mut Schmidt (SPD) nicht ge­win­nen. Am En­de hat­te Kohl den län­ge­ren Atem und konn­te dann auch Kanz­ler wer­den.

War­um ist der „Geist von Kreuth“aber den­noch in der CSU so ein po­si­tiv be­setz­ter My­thos?

Wai­gel: Ein My­thos lebt von der Er­in­ne­rung. Es sind noch im­mer vie­le Fra­gen of­fen und wir ver­blie­be­nen Zeit­zeu­gen wis­sen, dass so man­ches von dem, was da­zu ge­sagt wird, nicht stimmt. So ist et­wa bis heu­te nicht ge­klärt, wer Kohl über den Be­schluss in­for­miert hat. Was in Kohls Bio­gra­fie dar­über steht, kann nicht stim­men.

Al­so hat die CSU sich am En­de ge­scha­det?

Wai­gel: Nein. Die CSU konn­te wei­ter­hin selbst­be­wusst auf­tre­ten, die Stel­lung der Lan­des­grup­pe in der Uni­ons­frak­ti­on hat sich ver­bes­sert. Das tat­säch­li­che Re­nom­mee der CSU im Bund hängt aber im­mer von den je­wei­li­gen Spit­zen­po­li­ti­kern ab. Was kann die CSU dar­aus ler­nen? Wai­gel: Die Stra­te­gie der Tren­nung war da­mals falsch und sie ist es heu­te noch. Die CSU braucht ih­ren ein­zig­ar­ti­gen Sta­tus aus Bay­ern für den Bund und Eu­ro­pa, für ih­re ein­zig­ar­ti­ge Po­li­tik in­ner­halb und au­ßer­halb Bay­erns.

Fo­to: SZ Ar­chiv

An je­nem le­gen­dä­ren 19. No­vem­ber 1976 es­ka­lier­te der Dau­er-Streit der bei­den Erz­ri­va­len Hel­mut Kohl (li.) und Franz Jo­sef Strauß: der CSU-Chef ver­kün­de­te in Wild­bad Kreuth, sei­ne Par­tei bun­des­weit aus­deh­nen zu wol­len (Fo­to von 1980)

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