Das Ge­heim­nis der Bron­ze­ku­gel

tz - - MENSCHEN - SA­BI­NE M. (26), STU­DEN­TIN DER KUNSTGESCHICHTE AUS MÜN­CHEN

Ich bin Stu­den­tin der Kunstgeschichte, aber die­ser Ta­ge stieß ich an mei­ne Gren­zen, was die Ei­n­ord­nung von Kunst­wer­ken an­geht. Im Nach­lass ei­nes Ver­wand­ten stie­ßen wir auf ei­ne Me­tall­ku­gel mit gut fünf Zen­ti­me­tern Durch­mes­ser. Die Ku­gel ist auf der ei­nen Sei­te plas­tisch ge­stal­tet. Nie­mand wuss­te da­mit et­was an­zu­fan­gen, aber ich er­klär­te mich be­reit, Nach­for­schun­gen an­zu­stel­len, was es da­mit auf sich hat. Ein Grund da­für ist auch, dass ich das Ge­fühl ha­be, ei­ne ähn­li­che Ku­gel schon ein­mal auf Fo­tos ge­se­hen zu ha­ben. Ken­nen Sie ei­nen Spe­zia­lis­ten, der be­reit und in der La­ge ist, mir wei­ter­zu­hel­fen?

In sol­chen Fäl­len schal­tet das Team des Bür­ger­an­wal­tes den Ju­ni­or-Chef ei­nes der äl­tes­ten Auk­ti­ons­häu­ser Mün­chens ein, näm­lich Andre­as Ruef. Als Sa­bi­ne M. ihm die Ku­gel zeig­te, war dem Fach­mann so­fort klar, dass es sich um ein Mo­dell der be­rühm­ten Ku­gel von Fritz Ko­enig han­delt, de­ren gro­ße Aus­ga­be bis zum 11. Sep­tem­ber 2001 zwi­schen den Twin Towers in New York stand.

Im Werk­ver­zeich­nis des Künst­lers ist nach­zu­le­sen, dass es sie­ben klei­ne Bron­ze­güs­se und sechs Sil­ber­güs­se des Ent­wur­fes gibt. Die von Sa­bi­ne M. mit­ge­brach­te Klein­plas­tik ist tat­säch­lich ei­ner die­ser Bron­ze­güs­se von da­mals – und das Mo­dell ist au­ßer­dem mo­no­gram­miert. Das heißt, die An­fangs­buch­sta­ben des Na­mens von Fritz Ko­enig sind deut­lich im Guss sicht­bar.

Das Ori­gi­nal, das die Ame­ri­ka­ner schlicht The Sphe­re nann­ten, dreh­te sich in 24 St­un­den ein­mal um die ei­ge­ne Ach­se. Beim An­schlag auf das World Tra­de Cen­ter wur­de die Ku­gel schwer be­schä­digt. Ko­enig, der Bild­hau­er aus Gansl­berg, war äu­ßerst er­schüt­tert, als er von dem An­schlag er­fuhr. Es gibt ei­ne Film­auf­zeich­nung, in der er sagt: „Sie ( die Ku­gel) war ei­ne Skulp­tur, nun ist sie ein Denk- mal. … Sie hat nun ihr ei­ge­nes Le­ben – ein an­de­res als das, das ich ihr ge­ge­ben ha­be.“

Auch tz- Le­se­rin Sa­bi­ne M., die uns um Hil­fe beim Lüf­ten des Ge­heim­nis­ses der Ku­gel ge­be­ten hat­te, war tief be­ein­druckt, als sie die­se über­ra­schen­de Aus­kunft be­kam. Na­tür­lich woll­te sie auch wis­sen, was die Plas­tik wert ist. „Das ist nicht ganz leicht zu sa­gen“, er­klär­te uns Andre­as Ruef, „aber so ei­ne sel­te­ne Plas­tik von ei­nem der größ­ten Bild­hau­er un­se­rer Zeit ist min­des­tens so viel wert wie ein Mit­tel­klas­se­au­to.“Da­mit er­gibt sich für die Kunst­stu­den­tin na­tür­lich ei­ne ganz neue Si­tua­ti­on – da­mit hat sie nicht ge­rech­net. Sie will jetzt mit ih­ren Ver­wand­ten re­den, um zu klä­ren, was mit der Klein­plas­tik ge­sche­hen soll.

Auf je­den Fall be­dankt sie sich herz­lich für die Hil­fe des Bür­ger­an­walts.

Fo­to: M. Wes­ter­mann

Wert­schät­zung: Sa­bi­ne M. mit Andre­as Ruef vom Auk­ti­ons­haus und Bür­ger­an­walt Diet­mar Gai­ser (l.)

Fo­to: Mau­ri­ti­us

Das Ori­gi­nal in New York – als die Twin Towers noch stan­den

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