Der Mu­sen­sohn

tz - - KULTUR + TV - MAT­THI­AS BIE­BER

Sein Kör­per ist mit knapp zwei Me­tern fast so mäch­tig wie sein Geist. Er ist Ka­ba­ret­tist und Schrift­stel­ler, Schau­spie­ler und Re­gis­seur, Sport­mo­de­ra­tor und Box­kampf­rich­ter. Er ist Dok­tor der Phi­lo­so­phie und vor al­lem: mit 79 Jah­ren lei­den­schaft­lich in al­lem, was er tut und emp­fin­det. Ein klei­ner Ex­kurs am En­de des ein­stün­di­gen In­ter­views in die Welt der Oper („ Fal­staff ist schon im­mer mei­ne Lieb­lings­oper“) und Wal­zer („Der ab­so­lut schöns­te: Sphä­ren­klän­ge von Jo­sef Strauß, gibt’s un­er­reicht von Car­los Klei­ber“) zeigt end­gül­tig: Wer­ner Sch­ney­der ist – der Mu­sen­sohn. Doch pri­mär ging es um sein neu­es Buch. Dar­in tritt der Ös­ter­rei­cher mit sich selbst in Dia­log und lässt sein bis­he­ri­ges Le­ben mit Schmäh, Ernst und Hu­mor vor­über­zie­hen.

Herr Sch­ney­der, Ihr Ge­gen­über im Buch – al­so Sie selbst in Kur­siv­schrift – wi­der­spricht Ih­nen ja ger­ne. Ist das nicht ei­ne müh­sa­me Geis­tes­hal­tung?

Wer­ner Sch­ney­der: Ich hal­te es mit dem Phi­lo­so­phen Pop­per, der sag­te: Je­de The­se muss zu­nächst fal­si­fi­ziert wer­den. Ich mach das schon mein Le­ben lang: im­mer fra­gen, ob das auch stimmt, was ich tue und den­ke. Für die Bio­gra­fie dach­te ich mir, dass das ei­ne gu­te Ein­stiegs­mög­lich­keit wä­re.

Wo­her kommt die­se per­ma­nen­te Selbst­hin­ter­fra­gung?

Sch­ney­der: Die Fra­ge ha­be ich mir nie ge­stellt … Viel­leicht ent­stand das in der Pu­ber­tät, bei po­li­ti­schen Dis­kus­sio­nen, wo ich mich mit ei­nem sehr be­lieb­ten, hoch­in­tel­li­gen­ten ka­tho­li­schen Na­zi – da ist al­les drin, gell? – re­gel­mä­ßig ge­strit­ten ha­be. Wir ha­ben uns an­ge­brüllt. Spä­ter, mei­ne ich, ha­be ich das Ge­gen­teil bei mei­nen Ka­ba­rett­pro­gram­men auf den Gip­fel ge­trie­ben, wo ich sehr skru­pu­lös in je­der For­mu­lie­rung war. Ein paar Tex­te von vor 30 Jah­ren könn­ten ges­tern ge­schrie­ben wor­den sein.

Weil sich die Mensch­heit nicht än­dert?

Sch­ney­der: Die Mensch­heit kann sich nicht än­dern. Aber wenn sie auf­kom­men­de Kri­sen über­sieht, dann prü­geln sich ir­gend­wann al­le um ei­nen Platz auf der Ar­che Noah.

Ein Ka­pi­tel be­schreibt Ih­re „Kar­rie­re“als Fuß­ball­tor­wart. Wä­ren Sie rück­bli­ckend lie­ber Mit­tel­stür­mer ge­we­sen?

Sch­ney­der: Ich wür­de ger­ne Mit­tel­stür­mer ge­we­sen sein, aber hät­te ich die Wahl, wä­re ich wie­der Tor­wart. War­um? Sch­ney­der: Weil das ei­ne le­bens­lan­ge Lie­be ist.

Weil man, wie Sie schrei­ben, ei­ne Son­der­stel­lung al­lein schon durch das Tri­kot hat?

Sch­ney­der: We­gen der Ver­ant­wor­tung. Und weil man auch die Chan­ce hat, an­ge­nehm auf­zu­fal­len.

Wer hat im Buch meis­tens recht? Ihr Al­ter Ego in Kur­siv­schrift oder Sie?

Sch­ney­der: Das weiß ich lei­der nicht. Das muss der Le­ser ent­schei­den. Ich tra­ge bei Le­sun­gen mein Al­ter Ego je­den­falls mit tie­fe­rer Stim­me, lang­sa­mer, re­flek­ti­ver vor – und ein bis­serl auf­säs­si­ger.

Et­was An­de­res ist es ja , wenn man sich nicht selbst kri­ti­siert, son­dern das von Au­ßen­ste­hen­den kommt. Kann Kri­tik Sie ver­let­zen?

Sch­ney­der: Nein. Es sei denn, sie kommt von ei­nem Kon­sor­ti­um von Men­schen, für die man sich ent­schie­den hat. Der Ka­der, von de­nen man be­ur­teilt wird und mög­lichst nicht ab­ge­ur­teilt wer­den will. Falls das pas­siert, kom­me ich ins Schleu­dern.

Sucht man sich die­se Leu­te nicht auch un­be­wusst aus?

Sch­ney­der: Nein, das ent­steht im Lau­fe des Le­bens. Ich wä­re zum Bei­spiel trau­rig, wenn Ger­hard Polt nicht gut fin­den wür­de, was ich ma­che. Oder Kon­ny We­cker. Der hat neu­lich ei­ne Lau­da­tio auf mich ge­hal­ten bei ei­ner Preis­ver­lei­hung in Wi­en und al­lein durch Zi­ta­te mei­ner­seits be­legt: Der Sch­ney­der ist nicht ar­ro­gant und selbst­herr­lich. Gel­ten Sie als das? Sch­ney­der: Ja, das ha­be ich häu­fi­ger ge­hört.

Wol­len Sie mit Ih­rem neu­en Buch auch da­mit auf­räu­men?

Sch­ney­der: Nein. Ich möch­te die Leu­te un­ter­hal­ten und ha­be mich selbst un­ter­hal­ten – im dop­pel­ten Sin­ne. Ich un­ter­hal­te mich und bin un­ter­hal­ten. Das macht mich aber nicht zum Ego­ma­nen. Denn ich schrei­be über mich, weil ich mich am bes­ten ken­ne. Schrie­be ich über an­de­re, wä­ren das ja Un­ter­stel­lun­gen.

Ihr Le­ben zeigt, dass für Sie ganz klas­sisch Kör­per und Geist gleich­be­rech­tigt sind. Was ent­geht, sa­gen wir, Ka­ba­ret­tis­ten, die ih­re Pro­gram­me aus Zei­tun­gen im stil­len Käm­mer­chen bas­teln und nicht das pral­le Le­ben ein­at­men?

Sch­ney­der: Man be­raubt sich ganz ein­fach ei­ner Di­men­si­on. Der Mensch kas­triert sich, wenn er die­se Chan­ce aus­löscht. Wenn ich ein Bal­lett se­he, dann den­ke ich mir im­mer: Jetzt fangt halt das Sin­gen an …

Was macht für Sie Qua­li­tät aus?

Sch­ney­der: Qua­li­tät ent­steht, wenn man mit sei­nen ge­ne­ti­schen Ei­gen­hei­ten et­was an­fängt. Und selbst aus dem Ne­ga­ti­ven lernt. Ich ha­be al­le Un­tu­gen­den mei­nes Va­ters um­ge­legt und ins Ge­gen­teil ver­kehrt. Ein Bei­spiel? Sch­ney­der: Mein Va­ter hat­te ei­ne Ba­ri­ton­stim­me und er­reich­te bei Dein ist mein gan­zes Herz no­to­risch den Spit­zen­ton nicht. Ich dach­te mir, und dar­an hal­te ich mich mein Le­ben lang: „Ent­we­der du lernst den Spit­zen­ton oder du hältst die Goschn.“Ich ha­be nie et­was ge­macht, das ich nicht kann. Ich hät­te mich ge­niert.

Am 25. Ja­nu­ar wer­den Sie 80 Jah­re alt. Et­was Be­son­de­res?

Sch­ney­der: Die 80 ist Pflicht, der Rest ist Kür. Aber so­lan­ge man noch In­ter­views von mir zu ei­nem neu­en Buch will, soll’s wei­ter­ge­hen.

Die traf den un­er­müd­li­chen Wer­ner Sch­ney­der zum Ge­spräch im Hotel Ex­cel­si­or in Mün­chen

Fo­tos: M. Götz­fried

Sch­ney­der im Ge­spräch mit tz-Re­dak­teur Bie­ber

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.