„Sonst lan­den sie bei den Dro­gen­dea­lern…“

tz - - SPORT - IN­TER­VIEW: M. HÖNEL

Um das Pro­fi­bo­xen in Deutsch­land ist es re­la­tiv still ge­wor­den. Ar­thur Abra­ham und Wla­di­mir Klitsch­ko sind ver­letzt. Mar­co Huck boxt am Sams­tag nur im zweit­klas­si­gen Box­ver­band IBO um ei­nen WM-Ti­tel. Do­mi­nic Bö­sel lau­ert schon ein Jahr auf ei­nen WM-Kampf, Fran­ces­co Pia­ne­ta ver­sucht in Mün­chen nach schwe­ren Nie­der­la­gen ge­gen Klitsch­ko und Tscha­ge­jew wie­der ins Ge­schäft zu kom­men. Fi­rat Ars­lan ist 46 Jah­re alt, Ta­lent Ty­ron Zeu­ge wur­de ge­ra­de Welt­meis­ter, muss sich sei­ne Po­pu­la­ri­tät aber erst noch er­ar­bei­ten, Jür­gen Bräh­mer schwankt zwi­schen Trai­ner und Pro­fi. Das tz- In­ter­view mit Star­trai­ner Ul­li Weg­ner (74).

Herr Weg­ner, ist das deut­sche Pro­fi­bo­xen in der Kri­se?

Weg­ner: Kri­se ist über­trie­ben, aber in das deut­sche Pro­fi­bo­xen müs­sen wie­der Struk­tu­ren kom­men. Jack Cul­cay und mit Ab­stri­chen auch Ar­thur Abra­ham sind Welt­klas­se-Bo­xer. Cul­cay kann im Halb­mit­tel­ge­wicht al­le schla­gen, egal ob sie aus Ku­ba kom­men wie La­ra oder aus Me­xi­ko wie Ala­va­rez. Jack muss nur die Chan­ce er­hal­ten, zu zei­gen, was er kann. Das trifft auch auf Ste­fan Här­tel, Le­on Bau­er oder Vin­cent Fei­gen­butz zu. Här­tel und Fei­gen­butz ha­ben sich bei Kars­ten Rö­wer gut ent­wi­ckelt. Sie müs­sen die Chan­ce er­hal­ten, im Fern­se­hen zu bo­xen. Ar­thur Abra­ham und Ro­bert Stieg­litz, si­cher zwei Klas­se­bo­xer, sind in ers­ter Li­nie durch das ARD-Fern­se­hen ei­nem brei­ten Pu­bli­kum be­kannt ge­wor­den.

Was ver­ste­hen Sie un­ter ge­ord­ne­ten Struk­tu­ren?

Weg­ner: In den ein­zel­nen Box­stäl­len müs­sen qua­li­fi­zier­te, aus­ge­bil­de­te Trai­ner ar­bei­ten. Bo­xen ist nicht nur hau­en. Bo­xen ist Kunst, die In­tel­li­genz er­for­dert, und Bo­xen ist Mut. Nur aus­ge­bil­de­te Trai­ner kön­nen die­se Ei­gen­schaf­ten ei- nem Ath­le­ten rich­tig ver­mit­teln. Da­zu brau­chen wir in Deutsch­land ei­nen sta­bi­len TV-Sen­der als Part­ner. Pro­fi­bo­xen ist oh­ne ei­nen Fern­seh­sen­der in Deutsch­land nicht mach­bar. Das Bo­xen för­dert die Per­sön­lich­keit ei­nes Men­schen. Ei­ne sol­che Sport­art mit gro­ßer er­zie­he­ri­scher Wir­kung darf doch nicht auf der Stre­cke blei­ben.

Ar­thur Abra­ham ist ver­letzt, wann se­hen wir ihn wie­der im Ring?

Weg­ner: So­bald er ge­sund ist. Die WBO hat für ihn ei­nen WM-Aus­schei­dungs­kampf ge­gen Ro­bin Kras­ni­qi vom Mag­de­bur­ger SES-Box­stall an­ge­setzt, den wol­len wir 2017 wahr­neh­men. Auf al­le Fäl­le bo­xen von mei­ner Trai­nings­grup­pe in die­sem Jahr noch Jack Cul­cay und ganz si­cher Ku­brat Pu­lev am 5. De­zem­ber in So­fia ge­gen Sa­mu­el Pe­ter.

Wie schät­zen Sie das Ni­veau der deut­schen Ama­teur­bo­xer ein? War­um fin­den so we­ni­ge zu den Pro­fis?

Weg­ner: Ich ge­he oft zu klei­nen Ama­teur­ver­an­stal­tun­gen. Ich bin fest da­von über­zeugt: Wir ha­ben in Deutsch­land ein rie­si­ges Fun­da­ment an Ta­len­ten. Die Trai­ner bei den Ama­teu­ren ma­chen gu­te Ar­beit wie Wa­len­tin Shil­agi, Micha Timm in Schwe­rin, der Ber­li­ner Ralf Di­ckert oder die Strau­bin­ger un­ter Hans Buch­mei­er, um nur ei­ni­ge zu nen­nen. Die Trai­ner ent­wi­ckeln bes­tens aus­ge­bil­de­te Bo­xer. Wenn den­noch re­la­tiv we­ni­ge Ama­teu­re zu den Pro­fis wech­seln, liegt es auch dar­an, dass wir un­se­ren Pro­fi­bo­xern kei­ne Si­cher­heit bie­ten. Das trifft nicht nur auf das Bo­xen zu. Es kann doch nicht sein, dass im rei­chen Deutsch­land Olym­pia­sie­ger 20 000 Eu­ro er­hal­ten. Das ist welt­weit die ge­rings­te Olym­pia­sieg-Prä­mie über­haupt. Deutsch­land ist ein Sport­land, das dür­fen wir nicht ver­kom­men las­sen. Da­mit mei­ne ich nicht nur die Me­dail­len­aus­beu­te. Sport­li­che Er­fol­ge sind auch Aus­druck ei­ner ge­sun­den, in­no­va­ti­ven Na­ti­on. Wir brau­chen den Sport auch für un­se­re Ju­gend, da­mit sie nicht im Gör­lit­zer Park in Ber­lin oder an­ders­wo bei den Dro­gen­dea­lern lan­den.

Was macht ei­nen gu­ten Trai­ner aus?

Weg­ner: Er muss füh­ren kön­nen. Da­zu ge­hört ei­ne theo­re­ti­sche Grund­la­ge, na­tür­lich fach­li­ches Wis­sen und Kon­se­quenz. Gu­te Trai­ner müs­sen Er­fol­ge vor­wei­sen, sonst sind sie kei­ne gu­ten Trai­ner. Du musst als Trai­ner nicht be­liebt sein. Die Sport­ler müs­sen aber er­ken­nen, dass nur ein kon­se­quen­ter Trai­ner sie zum Er­folg füh­ren kann. Mein Vor­bild war im­mer die Eis­kunst­lauf­trai­ne­rin Jut­ta Mül­ler. Oh­ne Jut­ta Mül­ler wä­re Ka­ta­ri­na Witt nie und nim­mer Welt­star ge­wor­den.

Wenn un­se­re Ath­le­ten im olym­pi­schen Bo­xen so gut sind, war­um war das Ab­schnei­den in Rio mit ei­ner Bron­ze­me­dail­le­ziem­lich dürf­tig?

Weg­ner: Da­für gibt es ver­schie­de­ne Grün­de. Ar­tem Ha­ru­ty­un­yan hat mit sei­ner Bron­ze­me­dail­le ge­zeigt, was mög­lich ist. Er kam als Flücht­lings­kind nach Deutsch­land und hat sich hoch­ge­ar­bei­tet. Ich will nichts ent­schul­di­gen, na­tür­lich muss hart wei­ter­ge­ar­bei­tet wer­den. Doch das Bild von Olym­pia täuscht. Nicht um­sonst wur­den al­le Olym­pia­punkt­rich­ter von der AIBA zu­min­dest ver­warnt und zum gro­ßen Teil ge­sperrt. Un­se­re Bo­xer ha­ben dar­un­ter be­son­ders ge­lit­ten. Schon in den Qua­li­fi­ka­ti­ons­tur­nie­ren wur­de so

Weg­ner über Welt­meis­ter Ty­ron Zeu­ge Ul­li Weg­ner

man­cher ver­schau­kelt. Wenn die Ama­teu­re, al­so das olym­pi­sche Bo­xen, nicht so im Ge­spräch sind, liegt das auch am in­ter­na­tio­na­len Ver­band. Es gibt so vie­le ver­schie­de­ne Wett­be­wer­be, da blickt kein Mensch mehr durch. We­ni­ger ist mehr.

Wie se­hen Sie die Chan­cen von Ty­ron Zeu­ge, der im Früh­som­mer ge­gen Ar­thur Abra­ham bo­xen soll?

Weg­ner: Er muss in sei­ner Ge­wichts­klas­se hart ar­bei­ten, wenn er das Ni­veau und die Po­pu­la­ri­tät sei­ner Ge­wichts­klas­sen-Vor­gän­ger er­rei­chen will: Ich nen­ne nur Sven Ott­ke, Mar­kus Bey­er, Fe­lix Sturm, Ar­thur Abra­ham oder Ro­bert Stieg­litz. Aber Ty­ron hat ver­stan­den, dass nur har­te Ar­beit zum Er­folg führt. Er hat sich mit ei­ner Welt­klas­se­leis­tung ge­gen DeCa­ro­lis den WBA-WM-Ti­tel ge­holt. Wenn Zeu­ge so bleibt, hat er ei­ne gro­ße Zu­kunft.

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