Die letz­te Run­de im Kult-St­überl

tz - - MÜNCHEN+REGION - TO­BI­AS SCHARNAGL

Im al­ten Schwa­bing, das heu­te Maxvor­stadt heißt, gibt es ei­ne lan­ge The­ke mit acht Ho­ckern, sie­ben sind be­setzt, ei­ner ver­waist. Es ist kurz vor Acht, als die Tür auf­geht und ein schma­ler äl­te­rer Herr her­ein­kommt. Er nickt in die Run­de, lä­chelt Kirs­ten, die Wir­tin, trau­rig an und lässt sich auf dem frei­en Ho­cker nie­der. An der Wand über ihm ein Mes­sing­schild: Vor­stands­vor­sit­zen­der a. D. Herr Al­brecht. „Wie im­mer, Herr Al­brecht?“, fragt Kirs­ten. Er nickt. Weiß­bier und Wod­ka. „Ein letz­tes Mal.“

Seit dem ers­ten Tag kommt der 73-Jäh­ri­ge ins St­überl Du & I in der Schleiß­hei­mer­stra­ße 45, al­so bald schon 20 Jah­re, heu­te zum letz­ten Mal. Wir­tin Kirs­ten sperrt zu. Aus, vor­bei, der Be­sit­zer hat ihr frist­los ge­kün­digt. „Scha­de“, sagt Kirs­ten, Münch­ner Kindl mit ös­ter­rei­chi­schem Pass, und klemmt ver­le­gen ei­ne Haar­sträh­ne hin­ters Ohr. „Ich ha­be al­les ver­sucht.“Sie woll­te das St­überl, ih­re Stamm­gäs­te, in gu­te Hän­de über­ge­ben. „Aber man möch­te hier kein Lo­kal mehr.“Sie selbst kann nicht mehr. „Pri­va­te Grün­de“, sagt Kirs­ten und stellt Herrn Al­brecht ei­nen damp­fen­den Tel­ler hin.

Herr Al­brecht ge­hört zum In­ven­tar, er ist der Ein­zi­ge hier, der ei­nen Nach­na­men hat, die an­de­ren Du & I. an der The­ke hei­ßen Pe­ter, An­ge­la, Mar­tin oder Gert. Herr Al­brecht be­kommt je­den Abend ei­ne war­me Mahl­zeit. „Aus­nah­me­re­ge­lung vom KVR“sagt Kirs­ten mit ei­nem Au­gen­zwin­kern. „Sonst wür­de er gar nichts es­sen.“Die Schank­stu­be ist nicht grö­ßer als ei­ne Im­biss­bu­de, an den ge­tä­fel­ten Wän­den hän­gen Ja­mes, Bri­git­te, Ma­ri­lyn und El­vis, im win­zi­gen Sé­pa­rée steht ei­ne al­te Ju­ke­box.

Das Herz des Lo­kals aber ist die The­ke: dunk­le Räu­che­rei­che, drei Me­ter lang, Knick an der Tür. Dort sitzt Herr Al­brecht. Die The­ken­plat­te ha­ben die Stamm­gäs­te Kirs­ten zum Drei­jäh­ri­gen ge­schenkt. Da­hin­ter steht die See­le, Kirs­ten, mon­tags bis frei­tags von sechs bis „Open End“. Oder bes­ser: stand.

Die Stamm­gäs­te an der The­ke sind recht rat­los. Mar­tin, ehe­ma­li­ger Kri­poMann mit Le­der­ja­cke, schüt­telt den Kopf: „Das ist brutal.“Pe­ter, hier um die Ecke auf­ge­wach­sen, sagt: „Scha­de, wo man so lan­ge zu­sam­men war.“Gert schüt­telt lan­ge den Kopf. „Wo sol­len wir denn hin?“Al­les ha­be zu­ge­macht, nir­gend­wo sonst sei es so ge­müt­lich. Ei­ne Wir­tin wie Kirs­ten ge­be es so­wie­so kein zwei­tes Mal. „Ei­ne Wir­tin muss auch schwei­gen kön­nen“, sagt Ag­nes mit gro­ßem Ernst. „Und Kirs­ten konn­te das.“Herr Al­brecht seufzt: „Tja, das war mein Wohn­zim­mer.“Kirs­ten muss das Lo­kal bis 30. No­vem­ber räu­men. Vie­les wird sie weg­wer­fen, man­ches ver­kau­fen. Die The­ken­plat­te be­hält sie. Ih­re Stamm­gäs­te müs­sen oh­ne sie aus­kom­men. Die Lis­te der ge­stor­be­nen Kn­ei­pen ist lang: Das le­gen­dä­re Nes­si in der Maxvor­stadt gibt’s nicht mehr, das Hei­lig­geist­stüberl am Vik­tua­li­en­markt von Wir­tin Bob­by mach­te 2015 zu. Nicht übe­r­all be­deu­tet der Ab­schied auch ei­nen Neu-An­fang: Im­mer häu­fi­ger wol­len die Haus­be­sit­zer kei­ne Gas­tro­no­mie mehr in ih­ren Ob­jek­ten. Zu viel Lärm, zu viel Är­ger, hört man oft. Ein paar der al­ten, ur­ge­müt­li­chen Kn­ei­pen ha­ben den­noch über­lebt: Das Kn­ei­pen-Klein­od Land­haus im Her­zen der In­nen­stadt (Ma­ri­en­stra­ße 2) zieht im­mer noch Gäs­te aus der gan­zen Stadt an. Im in­mit­ten von West-Schwa­bing wird im­mer noch je­der Gast mit ei­nem nor­disch-kräf­ti­gen Moin be­grüßt. Und Wein-Fein­schme­cker kön­nen in Lup­per den Abend bei ei­nem ex­qui­si­ten Glas Bar­be­ra d’As­ti aus­klin­gen las­sen. Der Fla­schen­öff­ner an der Frau­en­ho­fer­stra­ße gilt vie­len Orts­kun­di­gen als ge­müt­lichs­te Spe­lun­ke Mün­chens.

Fo­tos: Ralf Kru­se

Sie war die gu­te See­le: Wir­tin Kirs­ten Göh­ler an der The­ke im Ih­re Stamm­gäs­te sind rat­los, müs­sen sich jetzt ein neu­es „Wohn­zim­mer“su­chen

Er­in­ne­rung an al­te Zei­ten: Das Lieb­lings­lied der Wir­tin war im­mer „Su­s­pi­cious Minds“von El­vis

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