Der Bril­len­kö­nig über­gibt das Zep­ter

tz - - MÜNCHEN+REGION -

HDas Le­ben schreibt die span­nends­ten Ge­schich­ten – und Au­tor Florian Ki­nast (Fo­to links) schreibt sie je­den Sams­tag auf. Zu­sam­men mit Ih­nen, lie­be Le­ser! Es geht uns um die ech­ten Münch­ner Gschich­ten. Um Por­träts von Men­schen, die über sich und ihr ans Riess lernt Mit­te der Fünf­zi­ger Jah­re Op­ti­ker bei Ro­den­stock. Viel Ar­beit, we­nig Geld, und trotz­dem ge­nießt er das Le­ben. Mit sei­nem bes­ten Freund, dem Sohn ei­nes Bä­ckers aus der Schleiß­hei­mer Stra­ße. Sein Na­me: Franz Höf­lin­ger. Der Franz hat­te ei­nen Bus, und wenn er da­mit nicht wie sonst sei­ne Sem­meln und Bre­zen aus­lie­fer­te, dann fuhr er mit dem Riess Hans im Som­mer an den Starn­ber­ger See und im Win­ter in die Ber­ge.

Spä­ter hat­ten sie so­gar ei­ne Band, mit zwei an­de­ren Freun­den, dem Wal­ter und dem Heinz, sie nann­ten sich The Ra­vens, ein In­stru­ment be­herrsch­te kaum ei­ner, mach­te aber nichts. Sie zo­gen durch Schwa­bings Wirt­schaf­ten, be­ka­men fünf Mark die St­un­de und hat­ten wie­der ein Pul­ver zum Um-die-Häu­ser-Zie­hen. Oder fürs hal­be Hendl beim Wie­n­er­wald.

Be­ruf­lich woll­te Hans Riess aber mehr, er woll­te den Meis­ter, ei­ne Meis­ter­schu­le gab es da­mals aber nur in Ber­lin. Al­so fuhr er in die ge­teil­te Stadt, An­fang Au­gust 1961. Riess weiß noch, wie er da­mals an­kam, mit dem Zug am Bahn­hof Zoo – und ei­nen Trach­ten­hut auf­hat­te.

Hans Riess fand Ge­fal­len an Ber­lin, viel­leicht wä­re er so­gar ge­blie­ben, da oben hat­te der Ro­den­stock ja auch Lä­den, aber dann kam ei­nes Tages der Sch­wa­ger, der Mann der Schwes­ter, auf Be­such und sag­te: „Hans, jetzt fliang ma wie­da ho­am.“Dann flo­gen sie wie­der nach Mün­chen.

Und dann be­gan­nen die wil­den Jah­re im wil­den Schwa­bing. All die Lo­ka­le, das Ba­ba­lu, die Nacht­eu­le, der Heu­bo­den, das Käuz­chen. Oder das Stu­dio 15 in der Leo­pold­stra­ße, heu­te Stand­ort der Uni-Men­sa, dort jazz­te im­mer Fred­die Brock­sie­per mit sei­ner Band. 1962 lern­te Hans Riess sei­ne Frau ken­nen, in ei­ner Kn­ei­pe in der Leo­pold­stra­ße. Gleich ne­ben­an be­gann er 1964 als Ge­schäfts­füh­rer beim Op­tik Obrist. 1965 kam dann das ers­te Kind, der Mar­cus.

Dann, 1966, er­füll­te sich end­lich der Traum vom ei­ge­nen La­den. Hier in der Ain­mil­ler­stra­ße 22. Ein al­ter Kramer­la­den hat­te hier zu­ge­sperrt. Zu­sam­men mit Hel­mut Ein­wang, ei­nem lang­jäh­ri­gen Kol­le­gen, über­nahm Hans Riess das Ge­schäft, das Start­ka­pi­tal war ein Dar­le­hen für Jung­un­ter­neh­mer, 30 000 Mark, acht Jah­re Lauf­zeit, acht Pro­zent Zins. „Wir ha­ben al­les raus­rei­ßen und er­neu­ern müs­sen“, sagt Hans Riess, „die Bö­den, die Wän­de, die gan­zen neu­en Ge­rät­schaf­ten. Mir ist heu­te noch schlei­er­haft, wie das Aben­teu­er letzt­lich funk­tio­niert hat.“Am 23. Sep­tem­ber 1966 war Er­öff­nung, am Abend da­vor ka­men die Fa­mi­li­en Riess und Ein­wang zu­sam­men, al­le öff­ne­ten ih­re Geld­beu­tel und schüt­te­ten die Mün­zen in die Kas­se, als Wech­sel­geld. Da­mit we­nigs­tens ein bis­serl was drin ist. Am ers­ten Tag aber kam noch gar kei­ner, da­für Le­ben in der schöns­ten Stadt der Welt er­zäh­len. Was sind Ih­re Münch­ner Gschich­ten? Er­zäh­len Sie es uns, wir er­zäh­len es dann wei­ter. Schrei­ben Sie uns, was pas­siert ist in Ih­rem Le­ben, le­gen Sie Fo­tos bei und schi­cken al­les an die Stich­wort am zwei­ten Tag. Sei­nen ers­ten Kun­den wird Hans Riess nie ver­ges­sen, ein Herr Hütt­mann aus der Nach­bar­schaft. Er kauf­te ei­ne Bril­le und leg­te die 58 Mark in bar hin. „Wie Os­tern und Weih­nach­ten an ei­nem Tag.“

Manch­mal war die Stim­mung aber auch eher wie Al­ler­hei­li­gen und To­ten­sonn­tag, wenn sie am Abend kei­ne 50 Mark in der Kas­se hat­ten. Dann konn­te es schon vor­kom­men, dass Riess und sein Part­ner die Ta­ges­ein­nah­men abends zur Frust­be­wäl­ti­gung in ei­nem Ste­haus­schank in der Ho­hen­zol­lern­stra­ße in­ves­tier­ten.

Es wa­ren har­te ers­te Mo­na­te, oft dach­te Hans Riess an sei­nen Va­ter, der nach dem Krieg nur we­nig Geld hat­te und der so stolz war, wenn er beim Wiesn-Be­such sei­nem Sohn, dem Han­si, ein Ste­cker­leis und ei­ne Ka­rus­sell­fahrt spen- „Le­ser-Bio­gra­fie“, 80282 Mün­chen oder per E-Mail an Nach­dem wir Ih­nen ver­gan­ge­ne Wo­che den Op­ti­ker Hans Riess vor­stell­ten, geht es heu­te dar­um, wie bril­lant sich das Ge­schäft ent­wi­ckel­te – das bald sei­ne Toch­ter Si­mo­ne über­nimmt: nem Drei­vier­tel­jahr wa­ren die Exis­tenz­ängs­te da­hin, es lief im­mer bes­ser. Und als 1968 Toch­ter Si­mo­ne auf die Welt kam, hat­ten sich Riess und Ein­wang mit ih­ren Bril­len in Schwa­bing eta­bliert. So sehr, dass sie 1969 so­gar ei­nen zwei­ten La­den auf­mach­ten. In der Dom-Pe­dro-Stra­ße. 1973 trenn­ten sich die Kom­pa­gnons in al­ler Gü­te, Ein­wang nahm den La­den in Neu­hau­sen, Hans Riess die Ain­mil­ler­stra­ße. die­ren konn­te. Und manch­mal frag­te sich Riess, wenn es mit dem La­den gar nicht läuft, ob es dann bei sei­nem Bu­ben langt, dem Mar­cus. Für ein Eis und das Ka­rus­sell. Es reich­te, auch weil die Ma­ma von Hans Riess in den Stra­ßen Schwa­bings un­er­müd­lich Kar­terl ver­teil­te und Wer­bung mach­te für das Ge­schäft. Nach ei-

n den 50 Jah­ren wur­de Hans Riess zu ei­ner Schwa­bin­ger In­sti­tu­ti­on, be­kann­te Men­schen ka­men zu ihm, Heinz Rüh­mann, Chris­ti­ne Kauf­mann, Hel­mut Fi­scher. Der Dietl und die Fer­res. Aber auch un­be­kann­te, die ein­fa­chen Schwa­bin­ger. So wie die Frau Hütt­mann. Die Toch­ter sei­nes ers­ten Kun­den.

Auch sei­ne Kin­der wur­den Au­gen­op­ti­ker­meis­ter, Sohn Mar­cus ist er­folg­rei­cher Bril­len­de­si­gner, mit sei­nen Mu­nic Eye We­ar-Kol­lek­tio­nen be­lie­fert er welt­weit 3000 Op­ti­ker. Toch­ter Si­mo­ne wird bald den La­den über­neh­men. Auch wenn man es kaum glau­ben mag: Hans Riess wird nächs­tes Jahr im De­zem­ber 80.

„Wie mein Le­ben so ge­lau­fen ist“, sagt er noch, „es hätt nicht bes­ser sein kön­nen.“So gut es ihm geht, mit sei­ner Frau, den Kin­dern und mit den al­ten Ju­gend­freun­den, die er ein­mal die Wo­che don­ners­tags beim Stamm­tisch im Brat­wurst­herzl trifft – mit sei­nem Som­mer­do­mi­zil in Bern­ried und sei­ner Woh­nung in Schwa­bing, so bo­den­stän­dig ist Hans Riess ge­blie­ben. Er weiß ja, wie es frü­her war. Er weiß auch Klei­nig­kei­ten zu schät­zen. Zum Bei­spiel ein Ste­cker­leis.

Fo­tos: Ju­dith Häus­ler

Vor 50 Jah­ren er­öff­ne­te Hans Riess sein Op­ti­ker­ge­schäft in Schwa­bing – sei­ne Toch­ter Si­mo­ne wird bald den La­den über­neh­men. Riess wird nächs­tes Jahr 80! Ei­ne his­to­ri­sche An­sicht des Op­tik-Ge­schäfts aus den 60er-Jah­ren

Zig Pro­mis kauf­ten bei Riess ein. Das Bild zeigt ihn (r.) mit Schau­spie­ler Alex­an­der Ma­la­chovs­ky (M.) und ei­nem Kun­den

So än­dert sich die Mo­de: Ein Bril­len­mo­del im Jahr 1969

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.