„Ich muss vie­les schlu­cken“

tz - - REPORT - IN­TER­VIEW: GE­ORG ANA­ST­A­SIA­DIS, CHRIS­TI­AN DEUTSCHLÄNDER, TIL HU­BER

Am Sonn­tag trifft sich Horst See­ho­fer mit sei­nem Ri­va­len Markus Sö­der zum Frie­dens­gip­fel. Doch der CSU-Chef üb­te un­mit­tel­bar vor­her er­neut Kri­tik an sei­nem ehr­gei­zi­gen Fi­nanz­mi­nis­ter: Nach­dem Sö­der er­klärt hat­te, die Kir­chen soll­ten sich stär­ker aus der Po­li­tik her­aus­hal­ten, wi­der­sprach See­ho­fer: „Ich will, dass sich die Kir­chen ein­mi­schen in die täg­li­che, prak­ti­sche Po­li­tik“. Auch im Ge­spräch mit un­se­rer Zei­tung mach­te See­ho­fer deut­lich, dass er Sö­der nichts an­bie­ten wer­de. Um der Ein­heit der CSU wil­len ha­be er schon vie­les hin­ge­nom­men.

Jetzt ha­ben Sie der Bun­des­kanz­le­rin schon wie­der die Tour ver­mas­selt...

Horst See­ho­fer: (lan­ge Pau­se, un­schul­di­ger Blick) Ich weiß nicht, was Sie mei­nen.

Sie ha­ben Mer­kels grü­nen Prä­si­den­ten-Kan­di­da­ten Kret­sch­mann ver­hin­dert.

See­ho­fer: Schau­en Sie mal auf den Grü­nen-Par­tei­tag letz­tes Wo­che­n­en­de. Die Grü­nen ha­ben ihr Zu­kunfts­pro­gramm be­schlos­sen: ei­ne Or­gie von Steu­er­er­hö­hun­gen, die Axt an der Wur­zel un­se­rer Au­to­in­dus­trie, staat­li­che Trans­fer­leis­tun­gen auch für Nichts­tun und Ar­beits­un­lust, da­für ein An­schlag auf Ehe und Fa­mi­lie mit dem Weg­fall des Ehe­gat­ten­split­tings. Wol­len Sie von der CSU ver­lan­gen, dass wir mit die­sen Grü­nen ein Bünd­nis zur Wahl ei­nes Bun­des­prä­si­den­ten ein­ge­hen? Ernst­haft?

Un­term Strich bleibt ei­ne Bla­ma­ge für die Uni­on – ei­nen bes­se­ren Kan­di­da­ten wuss­ten we­der Sie noch Mer­kel. Ein Of­fen­ba­rungs­eid!

See­ho­fer: Nein. Das ist scha­de. Aber ir­gend­wann muss­te man die Rea­li­tät ak­zep­tie­ren und das Tau­zie­hen be­en­den.

Die Kanz­le­rin hat his­to­risch kein Glück bei der Prä­si­den­ten- wahl. Jetzt zum vier­ten Mal...

See­ho­fer: Ich ha­be die Kür der Prä­si­den­ten Köh­ler, Wul­ff und Gauck di­rekt er­lebt. Ich dach­te ei­gent­lich nicht, dass sich Ge­schich­te wie­der­holt. Aber ei­ne Rück­wärts­be­trach­tung hilft uns nicht wei­ter. Jetzt kommt’s dar­auf an, dass wir mit Frank-Wal­ter St­ein­mei­er ei­nen gu­ten Bun­des­prä­si­den­ten für un­ser Land be­kom­men. Hier geht es in ers­ter Li­nie um das Land und nicht um Par­tei­en.

Ei­nen, der für die ewi­ge Gro­ße Ko­ali­ti­on steht. Ist Ihr An­ti„Links­front“-Wahl­kampf jetzt vor­bei?

See­ho­fer: Nein. Das wird trotz­dem das The­ma des Bun­des­tags­wahl­kampfs blei­ben. Die meis­ten in der SPD ver­ste­hen St­ein­mei­er lei­der nicht als ein Si­gnal ge­gen Rot-Rot-Grün.

Auch die Ame­ri­ka­ner be­kom­men ei­nen neu­en Prä­si­den­ten. Ste­hen Sie so „un­ter Schock“we­gen Trump wie Ih­re Uni­ons-Kol­le­gin von der Ley­en?

See­ho­fer: Mich schockt eher, dass deut­sche Po­li­ti­ker un­ter Schock ste­hen, wenn das ame­ri­ka­ni­sche Volk in ei­ner frei­en Wahl ei­nen Prä­si­den­ten wählt. Die Ent­schei­dung ei­nes Vol­kes hat man zu re­spek­tie­ren. Punkt. Do­nald Trump hat das Recht dar­auf, dass wir ab­war­ten, wie sei­ne prak­ti­sche Po­li­tik aus­se­hen wird. Das ist der Maß­stab für mich. Die­se seit Jah­ren ein­ge­schli­che­ne Ar­ro­ganz, sich in der deut­schen Po­li­tik als Moral­apos­tel und Ober­leh­rer über an­de­re Län­der und über Wah­l­er­geb­nis­se zu er­he­ben – das ist schreck­lich über­heb­lich. Wol­len Sie Trump be­su­chen? Wä­re das bes­ser als Ih­re Be­su­che bei Pu­tin? See­ho­fer: Die Deut­schen müs­sen schon im ei­ge­nen In­ter­es­se mit der neu­en US-Re­gie­rung zu­sam­men­ar­bei­ten. Na­tür­lich wer­den wir Kon­takt auf­neh­men und dar­über spre­chen, in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten zu rei­sen. Wenn der neue USPrä­si­dent nach Deutsch­land kommt, wer­de ich ihn auch nach Mün­chen ein­la­den. Üb­ri­gens auch den am­tie­ren­den Prä­si­den­ten Oba­ma, der be­kannt­lich gern das Ok­to­ber­fest be­su­chen möch­te. Auf der an­de­ren Sei­te wer­den wir un­se­re Kon­tak­te zu Prä­si­dent Pu­tin wei­ter pfle­gen. Mei­ne Mos­kauRei­se wird nach­ge­holt, schon im In­ter­es­se der baye­ri­schen Wirt­schaft. Was müs­sen die deut­schen Par­tei­en aus dem Trump-Sieg ler­nen? See­ho­fer: Dass die Le­bens­wirk­lich­keit der Men­schen in den Mit­tel­punkt der Po­li­tik ge­hört. Das ist in dem be­rühm­ten Qua­drat­ki­lo­me­ter um den Reichs­tag in Ber­lin her­um nicht im­mer der Fall. Das sag­ten Sie schon mehr­fach. Was muss sich kon­kret än­dern? See­ho­fer: Ers­tens: Mehr auf die Be­völ­ke­rung zu­ge­hen und zu­hö­ren. So muss der Po­li­tik­stil sein. Zwei­tens: Die Ge­rech­tig­keits­fra­ge! Des­halb kämp­fen wir für ei­ne hö­he­re Müt­ter­ren­te, für we­ni­ger Steu­ern, für The­men wie Bau­kin­der­geld und Ei­gen­tums­bil- dung. Da geht’s um ganz nor­ma­le Leu­te bei uns im Land und de­ren ele­men­ta­re Be­dürf­nis­se. Drit­tens: Wir müs­sen Sor­gen bei der Zu­wan­de­rung erns­ter neh­men. Die Men­schen ha­ben nicht nur ma­te­ri­el­le, son­dern auch kul­tu­rel­le Ver­lust­ängs­te. Des­halb brau­chen wir ein kla­res Be­kennt­nis zu un­se­rer Leit­kul­tur und ei­ne Be­gren­zung der Zu­wan­de­rung.

Mer­kel sagt: Mit mir nicht. Sie wer­den sich an ihr die Zäh­ne aus­bei­ßen.

See­ho­fer: Mag sein, dass Sie das den­ken. Ih­re Po­li­tik hat sie in der Rea­li­tät aber schon ge­än­dert. Sie nennt das zwar nicht so, aber für mich ist das Al­ler­wich­tigs­te: Die Po­li­tik des Durch­win­kens in Eu­ro­pa ist be­en­det. Jetzt wol­len wir als CSU der Be­völ­ke­rung klipp und klar ein Re­gel­werk vor­le­gen, wie wir er­rei­chen, dass sich ein Kon­troll­ver­lust des Staa­tes wie 2015 nicht wie­der­holt.

Sie ar­bei­ten an ei­nem Pa­pier der CSU, das Zu­wan­de­rungs­Be­din­gun­gen an Mer­kel for­mu­liert. Könn­ten Sie mal kurz in Ihr Sak­ko grei­fen, bit­te?

See­ho­fer: Ich bin sehr weit da­mit und wer­de das mit ei­ni­gen po­li­ti­schen Freun­den am Sonn­tag ab­schlie­ßen. Es geht um ei­ne kom­pak­te Stand­ort­be­stim­mung. An obers­ter Stel­le se­he ich das Be­kennt­nis zur Hu­ma­ni­tät. Wer bei uns im Land ist, wird an­stän­dig be­han­delt. An­ti­se­mi­tis­mus, Hass und Frem­den­feind­lich­keit wer­den von uns strikt ab­ge­lehnt. Das ist der Grund­te­nor.

Wer soll Ihr Re­gel­werk dann in Ber­lin um­set­zen? Sie ha­ben in der letz­ten Zeit ein paar öf­fent­li­che Selbst­ge­sprä­che über künf­ti­ge Mi­nis­ter und Par­tei­vor­sit­zen­de ge­führt. Wel­che Ant­wor­ten gab es?

See­ho­fer: Ich ha­be als Par­tei­vor­sit­zen­der stra­te­gi­sche Über­le­gun­gen er­läu­tert. Das als „Selbst­ge­sprä­che“ab­zu­qua­li­fi­zie­ren, ist ei­ne Un­ver­schämt­heit.

Das war die Wort­wahl Ih­rer ei­ge­nen Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten!

See­ho­fer: Es gibt auch Un­ver­schämt­hei­ten in der ei­ge­nen Par­tei. So et­was kann ich kei­nes­falls ak­zep­tie­ren. Wir ste­hen zehn Mo­na­te vor ei­ner exis­ten­zi­el­len Bun­des­tags­wahl für die CSU. Wenn die nicht gut aus­geht, wer­den wir auch die Land­tags­wahl 2018 nicht ge­win­nen kön­nen. Es ist doch die Pflicht ei­nes Par­tei­vor­sit­zen­den, sich in­halt­lich, stra­te­gisch und per­so­nell zu über­le­gen, wie man bei Wah­len Er­folg hat. Ich ha­be bis­her zu kei­nem Zeit­punkt über ei­nen Na­men ge­spro­chen. Das folgt im ers­ten Quar­tal 2017.

Sie tref­fen Markus Sö­der am Sonn­tag zum Frie­dens­gip­fel. Was ha­ben Sie ihm an­zu­bie­ten? Ihr Amt? Oder nur ei­ne schar­fe Zu­recht­wei­sung?

See­ho­fer: Ich ha­be über­haupt nichts an­zu­bie­ten. Ich will, dass wir ge­schlos­sen in die Zu­kunft ge­hen. Wir ha­ben als CSU im­mer Er­folg ge­habt, wenn wir in schwie­ri­gen Si­tua­tio­nen zu­sam­men­stan­den. Zwei Bei­spie­le: Nach dem Tod von Franz Josef Strauß hat das funk­tio­niert. 2007 nach Stoi­ber ha­ben wir das Ge­gen­teil er­lebt. Das Wah­l­er­geb­nis 2008 war das schlech­tes­te in der Nach­kriegs­ge­schich­te.

Es gibt in der Par­tei aber den Wunsch an Sie und Sö­der, sich zu­sam­men­zu­rau­fen. Bei­de!

See­ho­fer: Ich will kei­ne Zwie­tracht. Das ist mein Kom­pass.

Und ne­ben­bei wol­len Sie Sö­der ver­hin­dern.

See­ho­fer: Das sind Mär­chen. Ich möch­te mit den Per­sön­lich­kei­ten in die Wahl ge­hen, die die al­ler­höchs­ten Er­folgs­chan­cen ha­ben. Da­für hat der Par­tei­vor­sit­zen­de die Haupt­ver­ant­wor­tung.

In den Um­fra­gen die höchs­ten Wer­te hat Markus Sö­der.

See­ho­fer: Um­fra­gen sind heut­zu­ta­ge nur be­dingt hilf­reich. Die höchs­ten Um­fra­ge­wer­te in Ame­ri­ka hat­te üb­ri­gens Hil­la­ry Cl­in­ton.

Bei­ßen auch Sie sich auf die Zun­ge ge­gen­über Sö­der in der nächs­ten Zeit? See­ho­fer: Zu den wich­tigs­ten Ei­gen­schaf­ten, die ein CSU-Vor­sit­zen­der braucht, zählt, dass er vie­les schlu­cken kann um der Ein­heit wil­len. Das ma­che ich seit fast zehn Jah­ren. Schlu­cken! Ich ha­be zu die­sem The­ma kei­ner­lei öf­fent­li­che De­bat­te ge­führt. Ich ha­be in Füh­rungs­gre­mi­en mei­ne Mei­nung zur Stra­te­gie der CSU oh­ne Na­mens­nen­nung ge­sagt. Auf die­se Mei­nung ha­ben die Ver­ant­wor­tungs­trä­ger mei­ner Par­tei An­spruch. Es gibt lei­der Per­so­nen, die die­se In­ter­nas der Pres­se zu­spie­len. Ich bin al­so nicht Ur­sa­che die­ser De­bat­te... ... die jetzt aber tobt. See­ho­fer: Den Schuh zie­he ich mir nicht an. Die­se De­bat­te ist da­durch ent­stan­den, dass sich man­che be­trof­fen ge­fühlt ha­ben, als ich über die Not­wen­dig­keit ge­re­det ha­be, dass wir die bes­ten Leu­te in Ber­lin auf­bie­ten, was ja ei­gent­lich selbst­ver­ständ­lich ist. Sie kön­nen si­cher sein: Die Per­so­nal­fra­gen wer­den wir in Ein­tracht lö­sen, nicht in Zwie­tracht.

See­ho­fer zur Kri­tik aus den ei­ge­nen Rei­hen See­ho­fer zur Re­ak­ti­on auf Trumps Wahl­sieg

Fo­to: dpa/Poss

Er wol­le Markus Sö­der ver­hin­dern? Das be­zeich­net Horst See­ho­fer als „Mär­chen“

Fo­tos: Rts/dpa

„Die Ent­schei­dung ei­nes Vol­kes hat man zu re­spek­tie­ren“: Trum­pAn­hän­ger in West Vir­gi­nia Un­ten: Flücht­lin­ge im Ok­to­ber 2015 in Weg­scheid – der CSU-Chef ar­bei­tet an ei­nem Zu­wan­de­rungs­pa­pier mit Be­din­gun­gen an Mer­kel

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