Wir müs­sen Brü­cken bau­en

tz - - KULTUR + TV - AS­TRID KISTNER

Frau Ala­dag, Sie ha­ben Ihr TVDra­ma „Der An­de­re“mit dem Un­ter­ti­tel „ei­ne Fa­mi­li­en­ge­schich­te“ver­se­hen. War­um war Ih­nen das wich­tig?

Feo Ala­dag: Das ist nicht nur ein Un­ter­ti­tel, son­dern durch­aus ein gleich­wer­ti­ger Teil des Ti­tels. Der An­de­re ist ei­ne Fa­mi­li­en­ge­schich­te. Ei­ne über die An­nä­he­rung von Va­ter und Sohn, aber auch zwi­schen un­ter­schied­li­chen Kul­tu­ren. Ein Film übers Brü­cken bau­en.

Nach zwei Ki­no­fil­men ist das Ih­re ers­te Ar­beit fürs Fern­se­hen. War­um ha­ben Sie sich ge­gen die gro­ße Lein­wand ent­schie­den?

Ala­dag: Aus zwei­er­lei Grün­den. Für mich hat das Tem­po ei­ne wich­ti­ge Rol­le ge­spielt. Ich woll­te den Film mög­lichst schnell um­set­zen. Beim Ki­no ist der Vor­lauf re­la­tiv lang, weil man vie­le Fi­nan­zie­rungs­part­ner be­nö­tigt. Im Fern­se­hen läuft das un­kom­pli­zier­ter. Der zwei­te Grund nährt sich aus der Hoff­nung, mit so ei­nem Fern­seh­film auch Zu­schau­er zu er­rei­chen, die vi­el­leicht nicht die ei­ge­ne Hal­tung tei­len. Ich fin­de es span­nend, wenn man mit ei­nem Film ein mög­lichst breit ge­fä­cher­tes Pu­bli­kum an­spricht.

Was hat Sie zu die­sem Film in­spi­riert?

Ala­dag: Aus­lö­ser war ein pri­va­ter Abend bei mei­ner Cou­si­ne, die re­gel­mä­ßig Leu­te aus ver­schie­de­nen Be­rei­chen zu­sam­men­bringt. Ih­re Idee ist, dass man sich ver­netzt und je­der über­legt, wie er sich bei ei­nem be­stimm­ten The­ma en­ga­gie­ren kann. Bei die­sem Tref­fen ging es um un­be­glei­te­te, min­der­jäh­ri­ge Flücht­lin­ge, auf die wir in Deutsch­land nicht aus­rei­chend vor­be­rei­tet wa­ren – we­der in den ge­setz­li­chen, noch in den or­ga­ni­sa­to­ri­schen Struk­tu­ren.

Und das The­ma hat Sie nicht mehr los­ge­las­sen?

Ala­dag: Es wa­ren vie­le en­ga­gier­te Hel­fer an die­sem Abend da­bei und ih­re Er­zäh­lun­gen ha­ben mich tief be­ein­druckt. Dar­aus ent­stand der Wunsch, Ju­gend­li­che persönlich ken­nen­zu­ler­nen, mir ih­re Ge­schich­ten an­zu­hö­ren. Al­so ha­be ich an­ge­fan­gen zu re­cher­chie­ren. Die Be­geg­nun­gen, die ich hat­te, wa­ren vol­ler Le­bens­mut, Kraft und Zu­ver­sicht. Es war auf­fäl­lig, wie groß das Be­dürf­nis der Ju­gend­li­chen war zu er­zäh­len. Ih­re Ge­schich­ten ha­ben in mir ge­brannt.

Ih­re Haupt­fi­gur, der Afri­ka­ner Na­ma Trao­re, ist ein Lai­en­dar­stel­ler. Wie ha­ben Sie ihn ken­nen­ge­lernt?

Ala­dag: Bei mei­nem ers­ten Be­such in ei­nem Flücht­lings­heim. Na­ma hat mich so­fort tief be­rührt. Sei­ne Art, der Aus­druck in sei­nem Ge­sicht, sei­ne Durch­läs­sig­keit. Zu­de­mZeit­punkt war aber nicht klar, dass er die Rol­le spie­len wür­de. Wir ha­ben erst deutsch­land­weit ge­cas­tet und sind dann mit un­se­ren Cas­tings so­gar nach Ams­ter­dam, London und New York ge­gan­gen. Am En­de wur­de mir klar, dass ich im­mer nur Na­ma ge­sucht ha­be. Die­ses Ge­fühl, das er in mir aus­ge­löst hat, war ein­zig­ar­tig.

Ist es nicht ein Wag­nis, mit ei­nem voll­kom­me­nen Lai­en zu dre­hen?

Ala­dag: Schon, aber auch bei mei­nen an­de­ren Fil­men ha­ben ja vie­le Lai­en mit­ge­spielt. Ich konn­te da bis­her ganz gut mei­nem Bauch­ge­fühl ver­trau­en. Wenn man pro­fes­sio­nel­le Kol­le­gen da­bei hat, die wis­sen, dass es bei der Schau­spie­le­rei nicht dar­um geht, sich selbst in den Vor­der­grund zu spie­len, son­dern dem an­de­ren et­was zu ge­ben, dann ist die Mi­schung aus Pro­fis und Lai­en ex­trem be­rei­chernd.

Wie nah ist das im Film ge­zeig­te Schick­sal sei­nem ei­ge­nen?

Ala­dag: Es gibt Par­al­le­len. Und das Team wuss­te um sei­ne Ge­schich­te. Da gab es Sze­nen, die uns auch beim Dre­hen zu Trä­nen ge­rührt ha­ben. Ich hat­te schon das Ge­fühl, dass Na­ma noch mal sein ei­ge­nes Schick­sal durch­lebt hat, aber mir war es wich­tig, ihn nicht zu in­stru­men­ta­li­sie­ren. Da gibt es ei­ne Gren­ze, die nicht über­schrit­ten wer­den darf. Der Mensch muss im­mer über dem Film ste­hen. Ich ge­hö­re nicht zu den Leu­ten, die glau­ben, dass man Psy­chen zer­le­gen und zer­rei­ben muss, da­mit et­was da­bei her­aus­kommt.

Sie ha­ben das Buch ge­schrie­ben, Re­gie ge­führt und sind auch Pro­du­zen­tin. Be­rei­tet Ih­nen so viel Ver­ant­wor­tung nicht schlaf­lo­se Näch­te?

Ala­dag: Na­tür­lich. Ich hat­te vie­le schlaf­lo­se Näch­te, weil ich auch ei­nen gro­ßen Zeit­druck beim Schrei­ben hat­te. Da­zu kom­men die Zwei­fel und dass man vie­les hin­ter­fragt. Aber die­se Art des Ar­bei­tens gibt ei­nem auch ein Ma­xi­mum an Frei­heit.

Wel­ches Ge­fühl soll­ten die Zu­schau­er bes­ten­falls aus „Der An­de­re“mit­neh­men?

Ala­dag: Ich ha­be bei der Re­cher­che vie­le Leu­te ken­nen­ge­lernt, die in Sa­chen Flücht­lings­po­li­tik ei­ne ra­di­ka­le Ein­stel­lung ha­ben. Aber wenn ich ge­sagt ha­be: Stel­len Sie sich vor, das ist Ihr Sohn, der mit 15 in ein frem­des Land kommt. Wie wür­den Sie sich wün­schen, dass er auf­ge­nom­men wird? Dann öff­ne­te sich manch­mal für Se­kun­den ei­ne Tür. Es wa­ren Mo­men­te, in de­nen sich die Leu­te in die an­de­re Po­si­ti­on ein­füh­len konn­ten. Für die­se Mo­men­te kämp­fe ich.

F.: ZDF

Der Rent­ner Wil­li (Je­sper Chris­ten­sen, li.) und Flücht­ling Na­ma (Na­ma Trao­re) schlie­ßen Freund­schaft

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