Polt über Pu­tin

Mit Frei­bier Frie­den stif­ten

tz - - ERSTE SEITE - KLAUS RIMPEL

Der Rus­se“. Wenn die Er­wach­se­nen in Ger­hard Polts Kind­heit von Russ­land ge­spro­chen ha­ben, dann im­mer nur in der Ein­zahl. „Es war ein merk­wür­di­ger, nicht so fröh­li­cher Be­griff“, er­in­nert sich der heu­te 74-Jäh­ri­ge. Da wa­ren die In­va­li­den am Stamm­tisch, die zwei Ze­hen „beim Rus­sen“ge­las­sen ha­ben. Und da war die­ses Kin­der­lied, dass Polt und sei­ne „Kind­kol­le­gen“so ger­ne ge­sun­gen ha­ben: „Ei, Ei, Ei, Ko­rea, der Russ kimmt al­weil nä­her…“

Wenn un­ser wohl phi­lo­so­phischs­ter Ka­ba­ret­tist über un­ser der­zei­tig so schwie­ri­ges Ver­hält­nis zu Russ­land spricht, ist klar: Hier wird’s grund­sätz­lich, hier geht es weit über das ta­ges­po­li­ti­sche „Sank­tio­nen hier – Dro­hun­gen dort“hin­aus.

Dass bei uns ein ge­wal­ti­ges In­ter­es­se an solch ei­nem an­de­ren Blick auf Russ­land be­steht, zeig­te der An­drang zu die­ser Ver­an­stal­tung der Ge­sell­schaft für Au­ßen­po­li­tik im Münch­ner Mu­se­um Fünf Kon­ti­nen­te: Die rund 200 Sitz­plät­ze wa­ren schnell be­legt, mehr als 50 Gäs­te muss­ten sich mit Steh­plät­zen be­gnü­gen.

Russ­land und der Wes­ten – Kon­fron­ta­ti­on oder Ko­ope­ra­ti­on?, so der Ti­tel der Dis­kus­si­on zwi­schen Polt und dem Staats­se­kre­tär im Aus­wär­ti­gen Amt, Mar­kus Ede­rer. Frank-Wal­ter St­ein­mei­ers rech­te Hand und Polt sind be­freun­det, weil sie bei­de im zu Schlier­see ge­hö- ren­den Ort Neu­haus woh­nen, wo sie schon ein­mal ei­ne sol­che deutsch-rus­si­sche Dis­kus­si­on führ­ten. „Dass wir uns da­mit bis in die Ma­xi­mi­li­an­stra­ße vor­ar­bei­ten, das hät­te ich mir da­mals nicht träu­men las­sen“, so Polt au­gen­zwin­kernd.

An­spie­lend auf den Ti­tel der Ver­an­stal­tung mach­te Ede­rer deut­lich, dass Ber­lin ei­nen Mit­tel­weg zwi­schen Kon­fron­ta­ti­on und Ko­ope­ra­ti­on su­che. Zu Vor­wür­fen aus dem Pu­bli­kum, Ber­lin agie­re als „La­kai“der USA, er­in­ner­te Ede­rer dar­an, dass es die Bun­des­re­gie­rung war, die 2008 die vom da­ma­li­gen US-Prä­si­den­ten Bush ge­for­der­te Auf­nah­me der Ukrai­ne und Ge­or­gi­ens in die Na­to ver­hin­dert hat­te. Und dass es die Bun­des­re­gie­rung war, die sich ge­wei­gert hat­te, sich an den Krie­gen ge­gen den Irak und den Luft­an­grif­fen auf Li­by­en zu be­tei­li­gen.

Der ei­ne Teil des Pu­bli­kums warf Ede­rer vor, die Sank­tio­nen ge­gen Russ­land müss­ten weg, die an­de­ren, sie sei­en zu lasch. Polts Ant­wort auf sol­che Que­re­len: „Wenn wir an der Po­li­tik ver­zwei­feln, dann soll­ten wir über Kul­tur re­den!“Des­halb sei er 1983, mit­ten im käl­tes­ten Kal­ten Krieg, mit 23 Fäs­sern Frei­bier nach Mos­kau ge­reist (sie­he Kas­ten un­ten). „Ich wür­de je­der­zeit wie­der dort Frei­bier aus­schen­ken“, so der 74-Jäh­ri­ge. „Wenn die Po­li­tik am En­de ist, hat die Kul­tur ei­ne gro­ße Zu- kunft.“Wir Deut­schen müss­ten viel mehr rus­si­sche Fil­me schau­en, rus­si­sche Ko­mi­ker ken­nen­ler­nen. Uns über­haupt für an­de­re Län­der mehr in­ter­es­sie­ren. „Wie macht die Frau Xin Smo­lensk ei­nen Schweins- bra­ten? Ha­ben dort auch schon wie bei uns die Zwei­jäh­ri­gen beim Gries­brei­es­sen ei­nen Helm auf, weil’s so ge­fähr­lich ist? Wir brau­chen ei­ne ge­mein­sa­me Gau­di“, so Polts Cre­do.

„Wir soll­ten rus­si­sche Stu­den­ten für ein Jahr zu uns ein­la­den, ih­nen Obazdn, Weiß­würst und Frei­bier ser­vie­ren – und die tz soll­te in gro­ßen Let­tern dar­über be­rich­ten. Das wür­de der Po­li­tik ei­nen Kick ge­ben!“, mein­te Polt.

„Da­bei soll­ten wir nicht nur Weiß­würst,son­dernauchSchweins­würs­tel ser­vie­ren. Denn Teil der rus­si­schen Pro­pa­gan­da ist, dass es in Deutsch­land we­gen der Flücht­lin­ge kein Schwei­ne­fleisch mehr gibt“, brems­te Ede­rer Polts Eu­pho­rie. Es ge­be durch­aus im­mer noch Ju­gend­aus­tausch und gu­te kul­tu­rel­le Be­zie­hun­gen. Die sei­en aber be­droht, weil das rus­si­sche Ge­setz ge­gen Aus­lands­spio­na­ge die in die­sem Be­reich tä­ti­gen Or­ga­ni­sa­tio­nen kri­mi­na­li­sie­re. Das sei Pu­tins „An­ti-Gau­di-Po­li­tik“, so der Staats­se­kre­tär bit­ter. Ede­rer, der bei den Mins­ker Ukrai­ne-Ver­hand­lun­gen mit Pu­tin am Tisch saß, zeig­te auf, dass es auch in Sa­chen Di­plo­ma­tie un­ter­schied­li­che Kul­tu­ren ge­be: „Wir ha­ben ge­lernt, mit Zu­ge­ständ­nis­sen ei­ne Win-win-Si­tua­ti­on für bei­de Par­tei­en zu schaf­fen. Die Ge­gen­sei­te sieht Zu­ge­ständ­nis­se als Schwä­che an, kas­siert sie ein und geht wie­der zu­rück auf die Null­li­nie…“

Polt er­in­ner­te die Po­li­ti­ker an­ge­sichts der ver­fah­re­nen La­ge an den Künst­ler To­mi Un­ge­rer aus dem El­sass, der über sei­ne ewig um­kämpf­te Hei­mat sag­te: „Dem Ries­ling ist es egal, ob ge­ra­de die Fran­zo­sen oder die Deut­schen die Macht ha­ben. Sei­ne Qua­li­tät hängt vom Kli­ma ab!“

Dem stimm­te Ede­rer zu: Die Trumps, Mer­kels und Pu­tins kom­men und ge­hen – un­ser Ver­hält­nis zu Russ­land und den USA wird wich­tig blei­ben, auch wenn die der­zei­ti­gen Ak­teu­re längst wie­der in der Ver­sen­kung ver­schwun­den sind.

Fo­to: Rts Fotos (2): Kru­se

Wla­di­mir Pu­tin Au­ßen-Staats­se­kre­tär Mar­kus Ede­rer, Ger­hard Polt und tz-Po­li­tik- Chef Klaus Rimpel im Ge­spräch

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