Stress macht dumm

tz - - MEDIZIN - S. STOCK­MANN

War­um re­agiert un­ser Kör­per so stark auf Stress?

Dr. Rad­ka Cer­ny: Da un­ser Stress-Sys­tem auf den Über­le­bens­kampf pro­gram­miert ist, re­agiert un­ser Kör­per auf die an­ste­hen­de Prü­fung genau so wie auf den Sä­bel­zahn­ti­ger. Wir le­ben in ei­ner Leis­tungs­ge­sell­schaft, in der das Ver­sa­gen ei­nem Ab­stieg gleich­kommt. Emo­tio­nal fühlt sich der Mensch be­droht, die Re­ak­ti­on ist da­her im­mer gleich. Im Ge­hirn wer­den Stress­hor­mo­ne wie Ad­re­na­lin und Cor­ti­sol so­wie ei­ne Rei­he wei­te­rer Ste­ro­ide aus­ge­schüt­tet, um den Kör­per dar­auf vor­zu­be­rei­ten, zu flie­hen oder zu kämp­fen: Das Ge­hirn ver­la­gert sei­ne Ak­ti­vi­tät in ei­nen Be­reich, wo es be­son­ders auf­merk­sam und fo­kus­siert ist. Al­le Sin­ne sind ak­ti­viert, die­sen Zu­stand brau­chen wir im Kampf oder auf der Flucht. Doch in die­sem Zu­stand kön­nen wir nicht lo­gisch den­ken oder uns auf ei­ne Prü­fung kon­zen­trie­ren. Wer un­ter Lam­pen­fie­ber oder Prü­fungs­angst lei­det, kann Tech­ni­ken ler­nen, um ru­hi­ger zu wer­den. Man muss sei­nem Ge­hirn mit­tei­len: Hier be­steht kei­ne Ge­fahr für Leib und Le­ben, hier geht es nur dar­um, ei­ne ge­wis­se Leis­tung zu brin­gen. Vie­le mei­ner Pa­ti­en­ten mit die­sen Pro­ble­men sind gu­te Stu­den­ten oder er­folg­rei­che Men­schen im Be­ruf. Sie ale hat­ten Angst vorm Schei­tern. Fürs Ge­hirn schäd­li­cher ist je­doch, wenn es chro­nisch, al­so stän­dig, un­ter Stress steht.

Was be­deu­tet Dau­er­stress fürs Ge­hirn?

Dr. Cer­ny: Es gilt: Wenn man sich über län­ge­re Zeit sehr an­strengt, sinkt auf Dau­er die Leis­tung. Das ist bei al­len Men­schen so. Man­che hal­ten län­ger durch, sie ha­ben ei­ne gro­ße Resi­li­enz, al­so die Fä­hig­keit, Stress ab­zu­bau­en und mit Her­aus­for­de­run­gen fer­tig zu wer­den. Das Ge­hirn braucht Be­loh­nungs­pha­sen. Wer hart ar­bei­tet oder viel lernt, braucht Lob bzw. gu­te No­ten und an­de­re ent­span­nen­de und schö­ne Er­leb­nis­se. Dann wer­den Glücks­hor­mo­ne aus­ge­schüt­tet, die die Ner­ven­zel­len schüt­zen kön­nen. Wenn je­doch stän­dig Stress­hor­mo­ne aus­ge­schüt­tet wer­den, ver­küm­mern ge­wis­se Be­rei­che des Ge­hirns. Man ver­däch­tig be­son­ders das Cor­ti­sol, es soll da­für ver­ant­wort­lich sein, ge­wis­se Ge­hirn­area­le „falsch“zu ent­wi­ckeln und schrump­fen zu las­sen. Mit un­ter­schied­li­chen Un­ter­su­chun­gen, Tests und bild­ge­ben­den Ver­fah­ren wird ver­sucht, Ve­rän­de­run­gen im Ge­hirn un­ter Dau­er­stress sicht­bar zu ma­chen. Si­cher ist: Hirn­mas­se wird ge­schä­digt, manch­mal so­gar ab­ge­baut, wenn der Mensch Mo­na­te oder Jah­re stän­dig Über­las­tun­gen aus­ge­setzt ist.

Wel­che Warn­zei­chen gibt es, wenn das Ge­hirn krank wird?

Dr. Cer­ny: Die meis­ten Pa­ti­en­ten be­rich­ten von Wort­fin­dungs­stö­run­gen, al­so dass ih­nen Na­men oder be­stimm­te Be­grif­fe plötz­lich nicht mehr ein­fal­len. Ei­ne ge­wis­se Ver­gess­lich­keit ist meist auch da­bei. Schlüs­sel wer­den ver­ges­sen oder man ist un­si­cher, wann ein Ter­min war, ob der Herd aus­ge­schal­tet, das Au­to ab­ge­sperrt ist. Oder Kol­le­gen oder der Part­ner sa­gen: Das ha­ben wir aber aus­ge­macht, der Pa­ti­ent je­doch kann sich an nichts er­in­nern. Meis­tens ha­ben die­se Men­schen Angst, sie könn­ten un­ter ei­ner be­gin­nen­den De­menz lei­den. Dass sol­che Sym­pto­me aber auch An­zei­chen ei­ner de­pres­si­ven Über­las­tung sein kön­nen, weiß kaum je­mand. Es gibt je­doch ganz gu­te Tests, mit de­nen man re­la­tiv si­cher sa­gen kann, ob je­mand wirk­lich ei­ne be­gin­nen­de de­ge­ne­ra­ti­ve Er­kran­kung des Ge­hirns hat oder ob er ein­fach schon zu lan­ge un­ter ei­nem zu gro­ßen Stress steht.

Gibt es Me­di­ka­men­te, die die Stress­hor­mo­ne Ad­re­na­lin und Cor­ti­sol ab­fan­gen könn­ten?

Dr. Cer­ny: Lei­der nicht. Das ist die gro­ße Hoff­nung, dass es ir­gend­wann mal ein ein­fa­ches und si­che­res Me­di­ka­ment gibt, das Stress ab­bau- en kann. Al­le Be­ru­hi­gungs­mit­tel ber­gen ent­we­der ein ge­wis­ses Sucht­po­ten­zi­al oder ha­ben an­de­re Ne­ben­wir­kun­gen, z.B. be­ein­träch­ti­gen sie die Auf­merk­sam­keit und die Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit. Bes­ser ist es, Angst­si­tua­tio­nen mit men­ta­lem Trai­ning und mit di­ver­sen Ent­span­nungs­tech­ni­ken, man spricht auch von men­ta­lem Coa­ching, zu be­geg­nen, so­dass der Kör­per die Stress­hor­mo­ne bes­ser ab­bau­en kann. Au­ßer­dem ist der Rat­schlag Gold wert, für Zei­ten der Ent­span­nung zu sor­gen. Das kann al­les Mög­li­che sein: Vom Spa­zie­ren­ge­hen in der Na­tur über krea­ti­ve Tä­tig­kei­ten bis zu be­stimm­ten Ent­span­nungs­tech­ni­ken wie z.B. Yo­ga oder Me­di­ta­ti­on. Wer sich nicht gut ent­span­nen kann, soll­te kur­ze Ent­span­nungs­übun­gen erst dann durch­füh­ren, wenn er sich kör­per­lich aus­ge­powert hat. Die schlech­te Nach­richt ist, wie ge­sagt, dass ■ dau­er­haf­ter Stress das Ge­hirnP schä­digt und Ge­hirn­mas­se ab­baut. Die gu­te Nach­richt ist, das kann zu­min­dest zum Teil wie­der rück­gän­gig ge­macht wer­den. Kör­per­li­che, geis­ti­ge und so­zia­le Ak­ti­vi­tä­ten ha­ben sich als hilf­reich er­wie­sen. Al­ler­dings muss man sich beim Sport rich­tig an­stren­gen, da­mit er Er­folg hat, am bes­ten min­des­tens drei­mal pro Wo­che für 40 Mi­nu­ten rich­tig ins Schwit­zen kom­men!

Er­le­ben Sie häu­fig, dass sehr ge­stress­te Men­schen den­ken, sie lit­ten un­ter be­gin­nen­der De­menz?

Dr. Cer­ny: Ja, lei­der. Am bes­ten ist es, ko­gni­ti­ve Stö­run­gen schnell vom Spe­zia­lis­ten ab­klä­ren zu las­sen. Nur in den sel­tens­ten Fäl­len han­delt es sich wirk­lich um ei­ne Alz­hei­mer-De­menz. Meist gibt es an­de­re Ur­sa­chen, die zu­dem gut be­han­del­bar sind. Genau das ver­su­chen wir in un­se­ren Pra­xen in Ko­ope­ra­ti­on mit Kol­le­gen aus ver­schie­de­nen Fach­rich­tun­gen zu tun. Da­bei hilft uns auch ei­ne neue Tech­nik der Aus­wer­tung von Kern­spin­to­mo­gra­fie. Mit so­ge­nann­ter Hirn-Vo­lu­me­trie ist es mög­lich, den Ab­bau der Hirn­mas­se oder ge­wis­se Area­le zu mes­sen, um bes­se­re Aus­sa­gen zur Ur­sa­che der ko­gni­ti­ven Stö­run­gen tref­fen zu kön­nen.

Dr. Rad­ka Cer­ny ist Neu­ro­lo­gin und sy­cho­the­ra­peu­tin, sie prak­ti­ziert in Mün­chen in ih­rer Pra­xis in Schwa­bing und in der Dia­gnos­tik Mün­chen. Wei­te­re In­fos un­ter: www.drcer­ny.de oder www.dia­gnos­tik-mu­en­chen.de Die ma­gi­sche Ma­schi­ne ist et­wa so groß wie zwei ge­ball­te Fäus­te, wiegt 1,5 Ki­lo­gramm und hat auf den ers­ten Blick Ähn­lich­keit mit ei­ner über­di­men­sio­nier­ten Wal­nuss. Un­ser Ge­hirn ar­bei­tet wie ein Su­per­com­pu­ter mit ge­schätz­ten 700 Te­ra­byte Ar­beits­spei­cher. 100 Mil­li­ar­den Ner­ven­zel­len und Tril­lio­nen von Ver­schal­tun­gen bil­den ei­nen hoch­kom­ple­xen Me­ga­pro­zes­sor – der al­ler­dings stän­dig im Um­bau be­grif­fen ist. Und je wei­ter ge­forscht wird (Fo­to: dpa), des­to deut­li­cher wird: Das Le­ben und die Um­welt prä­gen und for­men un­ser Den­kor­gan un­ser gan­zes Le­ben lang. Auf der ei­nen Sei­te muss das Ge­hirn be­an­sprucht wer­den, um leis­tungs­fä­hig zu sein. Auf der an­de­ren Sei­te braucht es aber auch Ru­he­pha­sen und Ent­span­nung, sonst wird es krank.

Fo­to: epd

Dr. Rad­ka Cer­ny Ge­stress­te Ge­hir­ne kön­nen nicht mehr lo­gisch den­ken, auf Dau­er schrump­fen sie

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