Sie schaut nicht weg

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Garan­ce Le Cais­ne ist zur Zeu­gin des Kriegs in Sy­ri­en ge­wor­den. Sie hat die Bil­der ge­se­hen. Doch sie hat den Blick nicht ab­ge­wen­det. Da­für wur­de sie am Sonn­tag mit dem Ge­schwis­ter-Schol­lP­reis aus­ge­zeich­net. „Ich konn­te nicht an­ders. Ich muss­te das öf­fent­lich ma­chen“, sagt die fran­zö­si­sche Jour­na­lis­tin.

Sie spricht mit lei­ser Stim­me, ist zu­rück­hal­tend, aus­ge­wählt höf­lich. Es ver­wun­dert nicht, dass sie das Ver­trau­en ei­nes Man­nes ge­win­nen konn­te, der sein Le­ben ris­kiert hat, um über das Le­bens­en­de Tau­sen­der an­de­rer zu be­rich­ten. Ein ehe­ma­li­ger sy­ri­scher Mi­li­tär­fo­to­graf, Deck­na­me Ca­e­sar.

In Sy­ri­en be­deu­tet Mi­li­tär­fo­to­graf zu sein: die ent­stell­ten To­ten aus den Fol­ter­ge­fäng­nis­sen ab­zu­lich­ten. Das Re­gime von Ba­schar al-As­sad ver­kauft das Wach­sen der Lei­chen­ber­ge in den Ge­fäng­nis- und Kran­ken­haus­hö­fen als na­tür­li­che Fol­ge von Herz­ver­sa­gen der Ver­stor­be­nen.

Le Cais­ne kennt die Wahr­heit. „Die­ses Sys­tem ist kri­mi­nell. Geg­ner wer­den ge­fol­tert, wie Vieh zu­sam­men­ge­pfercht, un­ter­ver­sorgt bis zum Tod. Was in Sy­ri­en passiert, ist un­fass­bar. Und es geht seit Jah­ren so“, klagt sie an.

An­fang die­ses Jah­res ist ihr Buch Co­de­na­me Ca­e­sar er­schie­nen, für das sie vom Bör­sen­ver­ein des Deut­schen Buch­han­dels und der Stadt Mün­chen jetzt ge­ehrt wur­de. Ziel der Aus­zeich­nung ist es, jähr­lich ein Werk zu eh­ren, „das von geis­ti­ger Un­ab­hän­gig­keit zeugt und ge­eig­net ist, bür­ger­li­che Frei­heit, mo­ra­li­schen, in­tel­lek- tu­el­len und äs­the­ti­schen Mut zu för­dern“.

Le Cais­ne ist es als ein­zi­ger Jour­na­lis­tin ge­lun­gen, ih­ren stil­len Ti­tel­hel­den ken­nen­zu­ler­nen. Er hat­te 50 000 scho­ckie­ren­de Bil­der ins Aus­land ge­schmug­gelt.

Die Lek­tü­re ist schwer zu er­tra­gen. Le Cais­ne be­rich­tet sach­lich, gna­den­los un­ge­schönt. Er­zählt mit Wor­ten, was die Au­gen un­gern se­hen möch­ten. Und ist da­mit li­te­ra­ri­sches Pen­dant zu der un­barm­her­zi­gen po­li­ti­schen Wirk­lich­keit in dem ara­bi­schen Land. Die Akri­bie, mit der je­des Op­fer des Sys­tems in Ak­ten ver­zeich­net wird, er­in­nert an den un­er­träg­li­chen Bü­ro­kra­tis­mus der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten. „Ca­e­sars Fo­tos und das, was sein Be­richt an den Tag bringt, las­sen mich an die Ju- den­ver­nich­tung den­ken“, schreibt die stets um Un­ab­hän­gig­keit be­müh­te Au­to­rin.

Die Wut und der Wunsch nach ei­nem En­de des Schre­ckens hel­fen der Preis­trä­ge­rin im­mer wie­der über die Er­nüch­te­rung, die Hoff­nungs­lo­sig­keit hin­weg. Sie spricht Ara­bisch, sie kennt die Si­tua­ti­on am Ort, sie hat mit et­li­chen Zeu­gen ge­spro­chen, ehe­ma­li­gen Ge­fan­ge­nen, Exil-Sy­rern. Auch de­ren Ge­schich­ten er­zählt sie.

Die Men­schen ha­ben ihr die­se grau­sa­men Er­leb­nis­se er­zählt, weil sie ihr ver­trau­en; eben weil sie sich in ih­rer Welt aus­kennt. Sie ap­pel­liert an die west­li­chen Macht­ha­ber, end­lich das zu tun, wo­für sie ge­wählt wur­den: sich für Frie­den ein­zu­set­zen; den Krieg in Sy­ri­en – der ja un­mit­tel­bar mit den Flücht­lings­strö­men zu­sam­men­hängt – zu be­en­den. „Es macht mich ängst­lich, trau­rig, bringt mich zum Wei­nen, aber ich ar­bei­te wei­ter. Ge­gen das Ver­bre­chen. Auf­ga­be der Po­li­ti­ker ist es, aus den jour­na­lis­ti­schen Be­rich­ten die rich­ti­gen Schlüs­se zu zie­hen“, sagt sie.

In Wahr­heit ist all das, was Le Cais­ne be­schreibt, ja gar nicht neu. „Was neu ist, ist, dass ich al­les zu­sam­men­ge­bracht ha­be; ich ha­be ver­sucht, all die Puz­zle­tei­le zu ei­nem Ge­samt­bild zu­sam­men­zu­fü­gen.“Genau das sei ja ein Pro­blem un­se­rer Zeit: „Du hast Tau­sen­de ver­schie­de­ne Nach­rich­ten, aber kei­nen Zu­sam­men­hang. Wir ver­ste­hen es nicht.“

Heu­te stellt die Au­to­rin ihr Buch bei Lehm­kuhl vor (Leo­pold­str. 45, Tel. 54 81 81 81).

Fo­to: reu­ters

Scho­ckie­rend nah dran an den Gräu­eln in Sy­ri­en: die Scholl-Preis­trä­ge­rin Garan­ce Le Cais­ne

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