Wer wählt Mer­kel?

Wer ge­dacht hat­te, dass nach An­ge­la Mer­kels Ent­schei­dung, noch ein­mal als Kanz­ler­kan­di­da­tin an­zu­tre­ten, Ru­he in der Uni­on ein­keh­ren wür­de, sieht sich ge­täuscht. In der CSU gibt es wei­ter­hin Vor­be­hal­te. Ex-In­nen­mi­nis­ter Hans-Pe­ter Fried­rich sag­te: „Wir akz

tz - - POLITIK - Prof. Man­fred Güll­ner Wahl­for­scher WDP

An­ge­la Mer­kel will noch ein­mal Kanz­le­rin wer­den. Hat sie ih­re Kan­di­da­tur zum rich­ti­gen Zeit­punkt an­ge­kün­digt?

Man­fred Güll­ner: Der Zeit­punkt wird von Po­li­tik und den Me­di­en über­schätzt. Im Fall von Mer­kel war es jetzt trotz­dem wich­tig, dass es Klar­heit gibt – und dass See­ho­fer nicht mehr quer­schie­ßen kann. Wie steht Mer­kel für Wäh­ler da?

Güll­ner: Nicht so schlecht, wie’s häu­fig dar­ge­stellt wird. Vie­le ver­trau­en ihr noch.

Ih­re Be­liebt­heits­wer­te ha­ben ei­ne Ach­ter­bahn­fahrt hin­ter sich...

Güll­ner: Sie hat­te ei­ne Sym­pa­thie­del­le nach der Flücht­lings­fra­ge im Sep­tem­ber 2015. Aber wenn man sich das ge­nau­er an­guckt, ist das dar­auf zu­rück­zu­füh­ren, dass die AfD-An­hän­ger, die ja nicht von vorn­her­ein ge­gen Mer­kel wa­ren, sie plötz­lich has­sen. Wie sieht das bei den CDU- und CSU-An­hän­gern aus?

Güll­ner: Frü­her lag ihr Rück­halt bei bei­den zwi­schen 85 und 90 Pro- zent ... Nach See­ho­fers Atta­cken ist das an­ders. Bei CSU-An­hän­gern ist der Rück­halt deut­lich zu­rück­ge­gan­gen, teil­wei­se war er so­gar nied­ri­ger als bei An­hän­gern der Grü­nen. Bei den CDU-An­hän­gern ist ihr Rück­halt aber im­mer gleich groß ge­blie­ben. Trotz der Flücht­lings­fra­ge?

Güll­ner: Es gibt An­hän­ger, die sie da kri­tisch se­hen, aber die fal­len des­halb nicht au­to­ma­tisch von ihr ab. Es ist ja nicht so, dass An­hän­ger mit ih­rer Par­tei­spit­ze zu 100 Pro­zent über­ein­stim­men. Kon­rad Ade­nau­er hat 1957 zum ein­zi­gen Mal für ei­ne Par­tei die ab­so­lu­te Mehr­heit ge­won­nen, ob­wohl er die Wie­der­auf­rüs­tung durch­ge­setzt hat, die da­mals zwei Drit­tel der Bür­ger nicht woll­ten. Aber sonst fand man ihn gut. Mer­kels Sym­pa­thie­wer­te wa­ren 2011 nach der ab­rup­ten Ener­gie­wen­de schlech­ter als heu­te – und 2013 hat sie ei­nen ful­mi­nan­ten Wahl­sieg hin­ge­legt. Wie wich­tig ist für Wäh­ler, dass ei­ne Par­tei ge­schlos­sen auf­tritt?

Güll­ner: Kon­tro­ver­se Dis­kus­sio­nen wer­den ak­zep­tiert. Aber sie müs­sen nach­voll­zieh­bar sein. Das, was See­ho­fer ge­macht hat, ist für vie­le nicht nach­voll­zieh­bar. Das hat der Uni­on schwer ge­scha­det. Wie ist das passiert?

Güll­ner: Zum Bei­spiel durch die De­mü­ti­gung Mer­kels auf dem Par­tei­tag 2015. So et­was wird nicht to­le­riert. Auch nicht von CSUAn­hän­gern. Die CSU hat ja in Um­fra­gen kei­ne ab­so­lu­te Mehr­heit mehr in Bay­ern. Was schätzt der Mer­kel-Wäh­ler an der Kanz­le­rin?

Güll­ner: Ih­re un­prä­ten­tiö­se Art, dass sie auch sagt – so wie auch am Sonn­tag – sie brau­che lan­ge, bis sie sich ent­schei­det. Das wird in Kri­sen­zei­ten für rich­tig be­fun­den. Und das be­le­gen auch die Zah­len. Wenn die Uni­on bei Wah­len bei 35 Pro­zent liegt, sind das bei ei­ner Wahl­be­tei­li­gung von 70 Pro­zent nur rund 25 Pro­zent auf die Wahl­be­rech­tig­ten­um­ge­rech­net. Mer­kel­hatb ei der Fra­ge nach der Kanz­ler­prä­fe­renz ei­ne Zu­stim­mung, die dop­pelt so hoch ist!

Heißt das, Mer­kel ist für die Uni­on ei­ne Er­folgs­ga­ran­tin?

Güll­ner: Nein, na­tür­lich nicht. Wenn Herr See­ho­fer wei­ter Amok läuft, dann wird es schwie­rig. Und wenn FDP und AfD in den Bun­des­tag ein­zie­hen, wo­mit ja zu rech­nen ist, dann braucht man, weil sich die Man­dats­ver­tei­lung än­dert, ein viel hö­he­res Ge­samt­vo­lu­men, um über­haupt re­gie­ren zu kön­nen.

Gibt es den ty­pi­schen An­gel­aMer­kel-Wäh­ler?

Güll­ner: Was wir fest­stel­len kön­nen, ist, dass sie im­mer noch ei­nen ge­wis­sen Frau­en­bo­nus hat, das liegt auch dar­an, dass die AfD um­ge­kehrt eher ei­ne Män­ner­par­tei ist. Mer­kel er­reicht al­le Be­völ­ke­rungs­krei­se – bis auf die Ar­bei­ter. Die ha­ben aber auch ge­gen Ga­b­ri­el Vor­be­hal­te.

Wie groß ist die Zahl der Wäh­ler, die sich erst kurz­fris­tig vor ei­ner Wahl ent­schei­det?

Güll­ner: Da gibt’s ja Mär­chen, auch eins, das von der ARD ge­streut wird. Bei der Eu­ro­pa­wahl sol­len’s gleich 40 Pro­zent ge­we­sen sein. Das ist völ­li­ger Blöd­sinn. Bei ei­ner Eu­ro­pa­wahl ge­hen die Treu­es­ten der Treu­en wäh­len. Wir ha­ben die Um­fra­ge­zah­len von An­fang der letz­ten Wahl­jah­re seit 1994 mit dem Wah­l­er­geb­nis ver­gli­chen und fest­ge­stellt, dass die Ab­wei­chun­gen bei den gro­ßen Par­tei­en nur mi­ni­mal wa­ren. Die Wah­l­ent­schei­dung steht al­so im Prin­zip lan­ge fest.

Frü­her hieß es, ei­ne ho­he Wahl­be­tei­li­gung nützt den Voks­par­tei­en. Hat sich das seit dem Auf­tre­ten der AfD ver­än­dert?

Güll­ner: Bei der AfD muss man genau hin­se­hen. Es gibt schon im­mer ein la­tent rechts­ra­di­ka­les Po­ten­zi­al, das aber nicht im­mer rechts­ra­di­ka­le Par­tei­en wählt. Wer aus dem Seg­ment der Mit­te kommt, der wählt nicht die NPD. Die AfD, die auch Pro­fes­so­ren in An­zü­gen hat, wie es Herr Lu­cke in der An­fangs­pha­se war oder Herr Meu­then, scheint da­ge­gen wähl­bar. Die­se Wäh­ler ha­ben ihr Kreuz­chen bis­her bei an­de­ren Par­tei­en ge­macht oder wa­ren Nicht­wäh­ler. Der an­de­re Typ, dass sind Rechts­ra­di­ka­le, die das ge­sam­te de­mo­kra­ti­sche Prin­zip ab­leh­nen. Wie groß ist die­ses Po­ten­zi­al? Güll­ner: Aus mei­ner Sicht ist es sehr be­grenzt und wächst auch nicht. Es liegt bei 12 bis 13 Pro­zent. Aber wenn nur 50 Pro­zent zur Wahl ge­hen und die­se Grup­pe mo­bi­li­siert wer­den kann, dann sind das – wie in Sach­sen-An­halt – 24 Pro­zent. Des­halb ist ei­ne ho­he Wahl­be­tei­li­gung auf je­den Fall wün­schens­wert, denn da­durch re­la­ti­viert sich der An­teil wie­der.

Zu­letzt la­gen die Wahl­pro­gno­sen öf­ter da­ne­ben, war­um?

Güll­ner: Schwie­rig­kei­ten mit Pro­gno­sen gibt es im­mer dann, wenn Leu­te zum Bei­spiel sa­gen, sie wäh­len Par­tei B, dann aber über­durch­schnitt­li­che vie­le Wäh­ler die­ser Par­tei gar nicht zur Ab­stim­mung ge­hen. Der zwei­te Punkt ist, und da­bei geht’s jetzt um die AfD, dass ein Teil des rechts­ra­di­ka­len Po­ten­zi­als sich nicht mehr be­fra­gen lässt – weil sie die Wahl­for­schung für ei­nen Teil des bö­sen Esta­blish­ments hält. Aber da wird sich die Ein­schät­zung ver­bes­sern, weil wir ja ir­gend­wann auch bei der AfD Er­fah­run­gen da­zu­ge­won­nen ha­ben – es sei denn, die Par­tei ver­schwin­det wie­der. Wie das ja mit bis­he­ri­gen rechts­ra­di­ka­len Par­tei­en schon ge­sche­hen ist.

Fo­to: dpa

Wäh­ler tref­fen ih­re Ent­schei­dung in der Re­gel schon lan­ge vor dem Wahl­tag

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