„Un­nö­ti­ge Rönt­gen­bil­der sind Kör­per­ver­let­zung“

tz - - MÜNCHEN+REGION - Dr. Schnei­der­han Prä­si­dent der Wir­bel­säu­len­li­ga IN­TER­VIEW: AND­REAS BEEZ

Über­flüs­si­ge Un­ter­su­chun­gen, Be­hand­lun­gen und Ope­ra­tio­nen auf dem Rü­cken der Pa­ti­en­ten – wie kann man sich da­vor schüt­zen? „Am bes­ten durch Mut zum kri­ti­schen Nach­fra­gen“, rät der er­fah­re­ne Münch­ner Rü­cken­spe­zia­list Dr. Rein­hard Schnei­der­han. Als Prä­si­dent der Deut­schen Wir­bel­säu­len­li­ga dis­ku­tiert er am Sams­tag mit rund 150 Kol­le­gen, wie man Pa­ti­en­ten noch bes­ser be­han­deln kann. Ein wich­ti­ges The­ma beim 5. Wir­bel­säu­lenSchmerz­kon­gress: die Emp­feh­lung an die Pa­ti­en­ten, sich ei­ne Zweit­mei­nung ein­zu­ho­len. Im tz- Ge­spräch ana­ly­siert Dr. Schnei­der­han, war­um dies gera­de in Mün­chen so wich­tig sein kann.

Bö­se Zun­gen spot­ten: Wenn ein Rü­cken­pa­ti­ent in Mün­chen ei­ne Arzt­pra­xis be­tritt , liegt er prak­tisch schon in der Röh­re. Wie­viel Wahr­heit steckt in die­ser The­se?

Dr. Rein­hard Schnei­der­han: Sie ist si­cher­lich zu­ge­spitzt. Was eher zu­trifft, ist, dass es gera­de in Mün­chen ei­ne Viel­zahl von Fach­ärz­ten mit ho­hem Spe­zia­li­sie- rungs­grad gibt. Die­se Dich­te an her­vor­ra­gen­den Ärz­ten und Kli­ni­ken bringt na­tur­ge­mäß auch ei­ne Ver­dich­tung der dia­gnos­ti­schen Maß­nah­men mit sich. Da­zu kommt der An­sturm et­wa von ara­bi­schen Pa­ti­en­ten in den Som­mer­mo­na­ten. Und es rei­sen im­mer wie­der Pa­ti­en­ten aus an­de­ren Tei­len der Re­pu­blik zu uns nach Bay­ern, die in ih­rer Hei­mat ein hal­bes Jahr auf ei­nen CTo­der MRT-Ter­min war­ten müss­ten.

Wer­den des­halb in Mün­chen so vie­le CT- und MRT-Auf­nah­men ge­macht?

Dr. Schnei­der­han: In Mün­chen ist es si­cher so, dass mehr Spe­zia­lis­ten als in an­de­ren Ge­gen­den ei­ge­ne Ge­rä­te ha­ben.

Die sie dann um je­den Preis aus­las­ten müs­sen, um die ho­hen An­schaf­fungs­kos­ten wie­der her­ein­zu­ho­len?

Dr. Schnei­der­han: Das muss man dif­fe­ren­ziert se­hen. Die Ent­wick­lung der letz­ten Jah­re hat ge­zeigt, dass so­wohl der zu­neh­mend an­spruchs­vol­le Pa­ti­ent als auch die Recht­spre­chung ei­ne bild­ge­ben­de Dia­gnos­tik er­for­dern. Je­der ge­wis­sen­haf­te Arzt wird sei­ner Sorg­falts­pflicht wenn nö­tig auch mit­tels Bild­ge­bung nach­kom­men. Über­flüs­si­ge Auf­nah­me wird kaum je­mand ver­an­las­sen; und schon gar kein Rönt­gen- oder CTBild, weil er sei­nen Pa­ti­en­ten dann un­nö­tig ei­ner Strah­len­be­las­tung aus­set­zen wür­de. Das wä­re Kör­per­ver­let­zung. Aber ich kann na­tür­lich auch nicht aus­schlie­ßen, dass bild­ge­ben­de Ver­fah­ren teil­wei­se vor­schnell ein­ge­setzt wer­den. Wann wä­re dies der Fall? Dr. Schnei­der­han: Bei­spiels­wei­se dann, wenn erst vor we­ni­gen Wo­chen Bil­der ge­macht wor­den sind, sich die Schmer­zen und Be­weg­lich­keit des Pa­ti­en­ten seit­dem aber gar nicht ver­än­dert ha­ben. Au­ßer­dem ist es sinn­los, ei­nen Pa­ti­en­ten schon in die Röh­re zu schi­cken, be­vor man ihn über­haupt un­ter­sucht hat. Da­zu ge­hört vor al­lem ein aus­führ­li­ches Ge­spräch mit ei­ner ge­nau­en Be­fra­gung zu den Ur­sa­chen sei­ner Be­schwer­den so­wie ei­ne klas­si­sche kör­per­li­che Un­ter­su­chung. Wenn dies al­les er­folgt ist, kann Bild­ge­bung als nächs­ter Schritt er­for­der­lich sein. Schließ­lich er­mög­licht sie oft ei­ne ge­naue­re Beur­tei­lung des Krank­heits­bilds.

Wie kann sich ein Pa­ti­ent ge­gen über­flüs­si­ge Auf­nah­men wapp­nen?

Dr. Schnei­der­han: Grund­sätz­lich gilt in der mo­der­nen Me­di­zin: Je­der Pa­ti­ent hat An­spruch auf In­for­ma­ti­on. Das be­deu­tet: Er soll­te in der Pra­xis ei­nen aus­führ­li­chen Arzt­be­richt mit The­ra­pie­emp­feh­lung so­wie ei­ne Ko­pie sei­ner Bild­ge­bung ver­lan­gen. So­mit las­sen sich Dop­pel­un­ter­su­chun­gen ver­mei­den.

Aber das trau­en sich vie­le Pa­ti­en­ten nicht.

Dr. Schnei­der­han: Ein er­fah­re­ner Arzt wird mit die­ser Bit­te kein Pro­blem ha­ben – im Ge­gen­teil: Er wird sei­nen Pa­ti­en­ten mit al­len Un­ter­la­gen ver­sor­gen und aus­drück­lich auf die Mög­lich­keit hin­wei­sen, ei­ne Zweit­mei­nung ein­zu­ho­len. Ein Hin­weis dar­auf ist ein Qua­li­täts­merk­mal für ei­nen Me­di­zi­ner – eben­so wie das An­ge­bot, dass sich der Pa­ti­ent nach dem Ein­ho­len der Zweit­mei­nung gern wie­der in der ei­ge­nen Pra­xis vor­stel­len darf.

Wann ist es be­son­ders sinn­voll, ei­ne Zweit­mei­nung ein­zu­ho­len?

Dr. Schnei­der­han: Vor al­lem dann, wenn man ope­riert wer­den soll. Es gibt zwar ein­deu­ti­ge Be­fun­de, die ei­ne Ope­ra­ti­on un­ver­meid­lich ma­chen – et­wa bei hoch­gra­di­gen Ste­no­sen ( Wir­bel­ka­nal-Ei­n­en­gun­gen; Anm. der Red.) mit neu­ro­lo­gi­schen Aus­fäl­len wie Läh­mungs­er­schei­nun­gen. Aber in den meis­ten Fäl­len soll­te der Pa­ti­ent auch die Chan­ce er­hal­ten, sich über Al­ter­na­ti­ven zur klas­si­schen OP zu in­for­mie­ren. Es ste­hen heut­zu­ta­ge hoch­mo­der­ne, so­ge­nann­te mi­ni­mal­in­va­si­ve Ver­fah­ren zur Ver­fü­gung, die oft sehr gut hel­fen. Sie kön­nen na­tür­lich nur dann zum Ein­satz kom­men, wenn der Pa­ti­ent auch da­von weiß. Al­lein des­halb kann ei­ne Zweit­mei­nung Gold wert sein.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.