Tscher­no­byls neu­er Sar­ko­phag

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Er soll ein Boll­werk sein ge­gen die Ra­dio­ak­ti­vi­tät, die noch im­mer der Atom­rui­ne in Tscher­no­byl ent­weicht. Der rie­si­ge Sar­ko­phag aus Stahl soll 100 Jah­re hal­ten und die bis­he­ri­ge, nach 30 Jah­ren brü­chi­ge Be­ton­hül­le er­set­zen. Der Ko­loss schiebt sich nach vier­jäh­ri­ger Bau­zeit seit dem 15. No­vem­ber auf Schie­nen mit ei­ner Ge­schwin­dig­keit von zehn Me­tern pro St­un­de Stück für Stück über die Atom­an­la­ge. Am 29. No­vem­ber soll der Sar­ko­phag sei­nen end­gül­ti­gen Stand­ort er­reicht ha­ben.

Rück­blick: Am Mor­gen des 26. April 1986 ex­plo­dier­te im Atom­kraft­werk Tscher­no­byl in der heu­ti­gen Ukrai­ne Re­ak­tor 4, der Kern schmolz. Ra­dio­ak­ti­vi­tät trat aus, der Wind trug die Gift­wol­ke bis nach We­st­eu­ro­pa. In­ge­samt, so schät­zen Ex­per­ten, for­der­te das Un­glück Tau­sen­de To­te (sie­he un­ten). Nach der Ka­ta­stro­phe wur­de ei­ligst ei­ne Be­ton­hül­le um den ha­va­rier­ten Re­ak­tor ge­baut. Die wich­tigs­ten Fra­gen zum neu­en Sar­ko­phag: ■ Wie muss man sich den Sar­ko­phag vor­stel­len? Es han­delt sich um ei­nen 36 000 Ton­nen schwe­ren Stahl­bo­gen. Er misst 110 Me­ter in der Hö­he, 165 Me­ter in der Län­ge und 257 Me­ter in der Brei­te – un­ter ihm wür­de die Ka­the­dra­le von Not­re-Da­me in Pa­ris lo­cker ver­schwin­den. Sei­ne Gr­und­flä­che be­trägt et­wa sechs Fuß­ball­fel­der. Er wur­de na­he der so­ge­nann­ten To­des­zo­ne mon­tiert. ■ Was ge­schieht mit der al­ten Be­ton­hül­le? Sie soll ab­ge­baut wer­den. Da­zu sind im In­ne­ren der neu­en Hül­le zwei et­wa 100 Me­ter lan­ge Brü­cken­kran­sys­te­me in­stal­liert. Die Krä­ne rol­len auf Glei­sen am Bo­den und auf par­al­lel ver­lau­fen­den Schie­nen an der De­cke. Der ent­ste­hen­de Müll soll end­ge­la­gert wer­den. Pro­ble­ma­tisch ist die Ber­gung der 1986 ge­schmol­ze­nen Brenn­stä­be. In dem Re­ak­tor wer­den zu­sätz­lich noch et­wa 200 Ton­nen Uran ver­mu­tet. Ih­re Ra­dio­ak­ti­vi­tät wür­de so­fort Men­schen­le­ben kos­ten. Für die­sen Teil der Räu­mung gibt es bis­her we­der Geld noch ein Kon­zept.

Wie wird das Pro­jekt wei­ter fi­nan­ziert? Per Ver­trag ist die Ukrai­ne ver­pflich­tet, künf­ti­ge Un­ter­halts­kos­ten et­wa für die War­tung des Be­lüf­tungs­sys­tems zu tra­gen. Das wird ei­ne Mam­mut-Auf­ga­be für das kri­sen­ge­schüt­tel­te Land. Schon der Bau der neu­en, rund zwei Mil­li­ar­den Eu­ro teu­ren Hül­le war nur durch die Hil­fe von 40 Ge­ber­län­dern mög­lich.

Ist Tscher­no­byl in Zu­kunft al- so si­cher? Vin­ce No­vak, Pro­jekt­lei­ter bei der Eu­ro­päi­schen Bank für Wie­der­auf­bau und Ent­wick­lung: „Ich den­ke, die Zeit­bom­be hört erst zu ti­cken auf, wenn der neue Schutz völ­lig ab­ge­schlos­sen ist.“Der ukrai­ni­sche Um­welt­mi­nis­ter Ostap Se­merak glaubt, dass die Si­cher­heit des im Jahr 2000 end­gül­tig ab­ge­schal­te­ten Atom­kraft­werks „auf ein neu­es Ni­veau ge­bracht“wur­de. „Das sind 36 000 Ton­nen un­se­res Glau­bens an den Er­folg, an die­sen Ort, un­se­re Men­schen in

der Ukrai­ne.“

Tscher­no­byl im Ok­to­ber 1986: Um den Re­ak­tor ent­steht ei­ne 65 Me­ter ho­he Be­ton­hül­le

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