Auf­schlag in ein neu­es Le­ben

tz - - MÜNCHEN+REGION - IN­TER­VIEW: S. NÖRENBERG

Es ist die Ge­schich­te ei­nes Zu-sich-selbst-Kom­mens. Die Ge­schich­te von Ben Voll­brecht, der 1987 in Ber­lin zur Welt kam – als In­ga Voll­brecht, als Mäd­chen. Nach Erst­li­ga-Sta­tio­nen in Ber­lin und Vils­bi­burg kam die 1,87 Me­ter gro­ße Vol­ley­ball­spie­le­rin 2009 zum SV Loh­hof. „Hier ha­be ich zum ers­ten Mal ein Ge­fühl von Zu­ge­hö­rig­keit er­lebt“, sagt Ben Voll­brecht. Denn seit die­sem Som­mer ist In­ga ganz of­fi­zi­ell ein Mann. Am 12. No­vem­ber 2016 hat Ben erst­mals für die Lan­des­li­ga-Män­ner des SV Loh­hof ge­spielt.

Und, wie war das ers­te Spiel bei den Män­nern?

Voll­brecht: Gut. Mei­ne Frau­en­auf­schlä­ge sind im­mer noch ge­fähr­lich (lacht). Nur das Netz ist halt fast 20 Zen­ti­me­ter hö­her, am 2,42-Me­ter-Netz kam ich mir ziem­lich klein vor!

Wann ha­ben Sie zum ers­ten Mal den Ge­dan­ken ge­habt: Ich le­be im fal­schen Kör­per?

Voll­brecht: Das war ir­gend­wann 2013. Ich bin beim Zappen an ei­ner Re­por­ta­ge über Trans­se­xu­el­le hän­gen ge­blie­ben. Da hab ich zum ers­ten Mal aus­ge­spro­chen: „Ge­nau das hab ich mir auch schon im­mer ge­dacht!“

Sie wa­ren bei ei­nem Tref­fen des Ver­eins Tran­sMann. Hat Sie das wei­ter­ge­bracht?

Voll­brecht: Ja! Ich bin nach zwei St­un­den raus und hat­te das Ge­fühl von Zu­ge­hö­rig­keit. Das hat­te ich zwei­mal in mei­nem Le­ben: Ein­mal, als ich zum SV Loh­hof ge­kom­men bin und dann da. Da war mir klar: Das musst du jetzt an­ge­hen. Ich konn­te mich 100-pro­zen­tig mit dem iden­ti­fi­zie­ren, was die al­le ge­sagt ha­ben. Ich war so glück­lich wie noch nie zu­vor. Weil ich ge­nau wuss­te, ich ha­be mein „Pro­blem“ge­fun­den. Wie ging es wei­ter? Voll­brecht: Ich war ins­ge­samt nur das ei­ne Mal bei Trans- Mann, ha­be aber noch mal hin­ge­schrie­ben und nach ei­nem Psy­cho­lo­gen ge­fragt, den die Kas­se zahlt. Den ha­ben sie mir ver­mit­telt, und die Kas­se über­nimmt zum Glück auch al­les an­de­re, denn Trans­se­xua­li­tät ist of­fi­zi­ell als „Krank­heit“an­er­kannt. Al­so Hor­mon­be­hand­lung, Brust-OP, spä­ter auch die ge­schlechts­an­glei­chen­de Ope­ra­ti­on, die ich noch ma­chen will. Be­vor du die ers­ten Schrit­te machst, musst du drei Jah­re als Mann ge­lebt ha­ben, ob­wohl du noch gar kei­ner bist. Für die Na­mens­än­de­rung brauchst du zwei un­ab­hän­gi­ge Gut­ach­ten, die das be­stä­ti­gen.

Die Hor­mon­be­hand­lung hat voll an­ge­schla­gen!

Voll­brecht: Ja, das mer­ke ich nicht nur an der Sprung­kraft: Mei­ne Wa­den sind di­cker, mei­ne Ober­schen­kel auch, mein Bi­zeps ist von al­lei­ne ge­wach­sen, vom Kreuz bin ich brei­ter. Der Haar­wuchs, das ist echt ab­nor­mal an Bei­nen, Bauch, Brust.

Wie ha­ben Sie sich, mal ab­ge­se­hen vom Äu­ße­ren, ver­än­dert?

Voll­brecht: Ir­gend­wann hab ich zu mei­nen engs­ten Freun­din­nen mal ge­sagt: So, jetzt mal But­ter bei die Fi­sche, hab ich mich ver­än­dert? O-Ton bei al­len: Ja! Al­le mein­ten, dass ich in­ner­lich mehr mit mir im Rei­nen bin. Ein­fach aus­ge­gli­che­ner und zu­frie­de­ner. Seit­dem ich mich ge­ou­tet ha­be, ist auch die Be­zie­hung zu vie­len Men­schen viel bes­ser, viel in­ten­si­ver ge­wor­den als vor­her. Und ich trin­ke mehr Bier! (lacht) Das schmeckt jetzt in der Tat auch. Als Frau hat’s mir nicht ge­schmeckt.

Fo­tos: Ge­rald Förtsch, Ro­te Ra­ben Vils­bi­burg

So sah Ben Voll­brecht aus, als er noch als Frau in Vils­bi­burg spiel­te (2006 bis 2009) und den Na­men In­ga trug Die­ses Fo­to stammt vom 12. No­vem­ber: Ben, mitt­ler­wei­le auch of­fi­zi­ell ein Mann, spielt jetzt mit dem SV Loh­hof in der Lan­des­li­ga der Her­ren

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.