Der ge­leb­te Traum

tz - - SPORT - MAR­KUS THIEL

Aus­ge­rech­net Kar­tof­fel­sa­lat. Un­men­gen da­von. Und sind die Schüs­seln im Sa­lon ge­leert, muss für die Par­ty aus der Ba­de­wan­ne nach­ge­füllt wer­den. Zur mon­dä­nen At­mo­sphä­re in die­ser New Yor­ker Woh­nung passt das nur be­dingt. Aber es gibt noch an­de­re Ent­glei­sun­gen. Die schau­er­li­chen le­ben­den Bil­der et­wa, in de­nen Flo­rence Fos­ter Jenk­ins bei den Shows ih­res „Ver­di-Clubs“po­siert. Ja und dann na­tür­lich ih­ren Ge­sang, der sich stets ei­ne haar­sträu­ben­de Hand­breit ne­ben der kor­rek­ten Ton­hö­he be­wegt. Ei­ne Witz­fi­gur?

Flo­rence Fos­ter Jenk­ins, als „schlech­tes­te Sän­ge­rin der Welt“ge­brand­markt, war ja viel mehr als ei­ne Möch­te­gernDi­va der Vier­zi­ger­jah­re, die auf­grund ih­rer bi­zar­ren Nicht-Kunst ei­ne rie­si­ge Fan­ge­mein­de hat­te. Ei­ne So­cie­ty-La­dy war sie auch, ei­ne Schwer­rei­che, die zu ih­rem größ­ten Kon­zert, zu je­nem in der Car­ne­gie Hall, Sol­da­ten ein­lud. Nur mit der Selbst­ein­schät­zung ha­per­te es – aber sie des­halb ver­spot­ten? Ge­ra­de des­halb ist die­ser Film von Ste­phen Fre­ars so groß­ar­tig (und un­ter­schei­det sich da­her von der kürz­lich ge­star­te­ten Do­ku­men­ta­ti­on mit Joy­ce DiDo­na­to): weil kei­ne Ul­k­nu­del vor­ge­führt wird, son­dern ei­ne An­ti-Hel­din. Ei­ne Queen der Mit­tel­mä­ßig­keit, de­ren Um­feld sie vor der Rea­li­tät be­schützt. Ei­ne lie­bens­wer­te, nur vor­der­grün­dig schrul­li­ge Frau, die am En­de, als sie Ver­ris­se liest, dar­an zer­bricht.

Na­tür­lich gibt es ei­ni­ges zu la­chen. Am meis­ten dar­über, als die Fast-So­pra­nis­tin bei ei­nem Di­ri­gen­ten der Me­tro­po­li­tan Ope­ra Ge­s­angs­stun­den nimmt. Ver­geb­lich. Me­ryl Streep singt das üb­ri­gens selbst. Wie sie über­haupt da­für sorgt, dass Flo­rence Fos­ter Jenk­ins ge­ra­de­wegs auf die Os­car-No­mi­nie­rungs­lis­ten zu­steu­ert. Vie­le Sei­ten hat die­se Frau, wie die Streep zeigt. Da ist die gla­mou­rö­se Büh­nen­er­schei­nung, die jung­mäd­chen­haft Lie­ben­de, aber auch die Schwer­kran­ke, die „dank“ih­res ge­schie­de­nen Man­nes an Sy­phi­lis lei­det.

Im­mer wie­der rückt die Ka­me­ra bis zur Un­barm­her­zig­keit an die­se über­ra­schend viel­schich­ti­ge Frau her­an. Me­ryl Streep spielt das gran­di­os bis in die kleins­te Fa­ser aus. Die Part­ner hal­ten ihr stand: Hugh Grant gibt den so­ge­nann­ten Ehe­mann und Dau­er-Tra­ban­ten mit Selbst­iro­nie als ver­wit­ter­ten spä­ten Jüng­ling. St. Clair Bay­field gönnt sich ne­ben­bei ei­ne Af­fä­re mit ei­ner Jün- . ge­ren – und hat Flo­rence Ent­schei­den­des vor­aus: Er hat ak­zep­tiert, dass er einst als Schau­spie­ler nur vier­te Wahl war. Den Clou und be­son­de­ren Kniff des Films be­schert aber der zwei­te Mann an Fos­ter Jenk­ins Sei­te, der Pia­nist. Ih­re sur­rea­le Er­schei­nung er­le­ben wir aus den schreck­ge­wei­te­ten Au­gen von Cos­mé McCoon. Si­mon Hel­berg kos­tet das mit fei­nem Bi­zarr­hu­mor aus – das wä­re der Kan­di­dat für den Ne­ben­rol­lenOs­car.

Lie­be­voll ge­puz­zel­te Aus­stat­tungs­or­gie, Zeit­do­ku­ment, his­to­risch be­leg­tes Bio­pic, Tra­gi­ko­mö­die: Flo­rence Fos­ter Jenk­ins be­dient al­le die­se Gen­res, ja scheint ge­nüss­lich da­zwi­schen zu tän­zeln. Pa­thos und Kitsch, Po­in­ten und Trä­nen sind mit dem Ge­schick ei­nes Meis­ter­kochs do­siert. Spott über Flo­rence ver­bit­tet sich, be­grei­fen wir. Wer sei­nen Traum lebt, ver­dient Be­wun­de­rung. Be­wer­tung:

Fo­tos: Con­stan­tin

Flo­rence (Me­ryl Streep) und ihr Pia­nist (Si­mon Hel­berg)

Flo­ren­ces Ehe­mann St. Clair (Hugh Grant) be­schützt sie vor der Rea­li­tät

Flo­rence Fos­ter Jenk­ins lieb­te bei ih­ren Sa­lons die so­ge­nann­ten le­ben­den Bil­der auf der Büh­ne

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