Mensch Mar­tin!

Schulz woll­te erst Fuß­ball­pro­fi wer­den Al­ko­hol mach­te ihn fast ka­putt Bü­cher & Po­li­tik hal­fen ihm aus dem Tief

tz - - POLITIK -

Wer ist der Mann, der mög­li­cher­wei­se An­ge­la Mer­kel als SPDKanz­ler­kan­di­dat im Bun­des­tags­wahl­kampf her­aus­for­dern wird? Die tz stieg in die Ar­chi­ve – und fand in­ter­es­san­te De­tails über den pri­va­ten Men­schen Mar­tin Schulz (60).

Mit 19, ei­nem Al­ter, wo an­de­re so rich­tig durch­star­ten, steck­te das Le­ben von Mar­tin Schulz in ei­ner Sack­gas­se. „Ich hat­te nur Fuß­ball im Kopf und woll­te Pro­fi wer­den. Aber da bin ich ge­schei­tert. Me­nis­kus-Ver­let­zung, schwe­rer Kreuz­band­scha­den …“, er­zählt der SPD-Hoff­nungs­trä­ger.

Sein Plan, Pro­fi­fuß­ball­spie­ler bei Ale­man­nia Aa­chen zu wer­den, war da­mit zer­stört. Bis da­hin hat­te er bei Rhen­ania Wür­se­len als Links­ver­tei­di­ger ge­spielt – der Mann­schaft, in der auch der spä­te­re Na­tio­nal­trai­ner Jupp Der­wall einst sei­ne Ki­cker­kar­rie­re ge­star­tet hat­te. „Mir war die west­deut­sche Vi­ze­meis­ter­schaft wich­ti­ger als ei­ne Ma­the­ar­beit“, so Schulz in ei­nem In­ter­view.

So schei­ter­te der Sohn ei­nes Po­li­zis­ten und ei­ner streng kon­ser­va­tiv-ka­tho­li­schen Mut­ter auch schu­lisch: „Ich war ein Sau­sack in der Schu­le“, er­zählt der Rhein­län­der, der das ka­tho­li­sche Hei­lig-Geist-Gym­na­si­um der Mis­si­ons­ge­sell­schaft der Spi­ri­ta­ner schließ­lich oh­ne Ab­schluss ver­ließ.

Kein Abitur, kein Fuß­ball, ar­beits­los: Der jun­ge Schulz be­gann zu sau­fen. „Aber ich hat­te das Glück, re­la­tiv früh zu mer­ken, dass mich der Al­ko­hol zer­stört“, so Schulz. „Ir­gend­wann sag­te ich mir: Ent­we­der ma­che ich ei­nen ra­di­ka­len Schnitt, oder ich ge­he ka­putt. Ich woll­te mein Le­ben nicht weg­wer­fen“, er­zähl­te der Po­li­ti­ker der Bun­ten.

„Mit 24 be­schloss ich, ab­sti­nent zu le­ben. Seit­dem ha­be ich kei­nen Trop­fen Al­ko­hol ge­trun­ken – und ich war elf Jah­re lang Bür­ger­meis­ter in ei­ner Kar­ne­vals­hoch­burg!“

Ob­wohl er oh­ne Abi von der Schu­le ge­flo­gen war, hielt der Lei­ter des ka­tho­li­schen Gym­na­si­ums, ein Pa­ter, gro­ße Stü­cke auf Schulz: „Du bist doch nicht doof. Du bist sprach­lich be­gabt, kannst Din­ge ver­mit­teln“, so der Schul­lei­ter da­mals zum Schul­ab­bre­cher Schulz.

Der folg­te dem Rat, wur­de Buch­händ­ler und mach­te mit 27 sei­ne ei­ge­ne Buch­hand­lung auf. Noch heu­te gibt es die­se Buch­hand­lung, sei­ne in­zwi­schen er­wach­se­nen Kin­der sind in dem La­den prak­tisch auf­ge­wach­sen. „Das Le­ben mit Li­te­ra­tur ist fas­zi­nie­rend – wie die Men­schen die Bü­cher lie­ben!“, fin­det Schulz, der trotz des stres­si­gen Po­li­ti­ker­be­rufs je­de freie Mi­nu­te fürs Le­sen nutzt. Sein ab­so­lu­tes Lieb­lings­buch: Jen­seits von Eden von John St­ein­beck.

Wäh­rend sei­ne Mut­ter Cla­ra zu den Grün­dungs­mit­glie­dern des CDU-Orts­ver­bands Wür­se­len ge­hör­te, trat Schulz schon mit 19 der SPD bei. Mit 31 wur­de er in sei­ner Hei­mat­stadt Wür­se­len der jüngs­te Bür­ger­meis­ter Nord­rhein-West­fa­lens. „Die Men­schen ha­ben mir mei­ne Ver­ir­rung als jun­ger Mann nicht übel ge­nom­men“, so Schulz. Ei­ne wich­ti­ge Stüt­ze war dem Fa­mi­li­en­men­schen Schulz da­bei auch sei­ne Frau In­ge (59), ei­ne Land­schafts­gärt­ne­rin.

Und die Kar­rie­re geht wei­ter: Mit 1994 wird Schulz Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­ter. 2004 wird er be­rühmt, als er den da­ma­li­gen ita­lie­ni­schen Pre­mier Sil­vio Ber­lus­co­ni so scharf kri­ti­siert, dass der Ita­lie­ner den Deut­schen als KZ-„Ka­po“be­schimpft. 2012 dann der vor­läu­fi­ge Hö­he­punkt sei­ner Lauf­bahn: Schulz wird Prä­si­dent des EU-Par­la­ments.

Auch in die­sem Amt bleibt er ein Po­li­ti­ker zum An­fas­sen, der spon­tan Blä­ckFööss-Lie­der schmet­tert und auch mal schnod­de­rig da­her­re­det. Ei­ne Ei­gen­schaft, die ihm auf dem di­plo­ma­ti­schen Par­kett im­mer wie­der Är­ger bringt. Et­wa, als er im Fe­bru­ar vor dem is­rae­li­schen Par­la­ment spricht – und ab­seits sei­nes Re­de­ma­nu­skripts von ei­nem Ge­spräch mit ei­nem pa­läs­ti­nen­si­schen Bu­ben er­zählt. „Wie kann es sein, dass Is­rae­lis 70 Li­ter Was­ser am Tag be­nut­zen dür­fen und die Pa­läs­ti­nen­ser nur 17?“, sagt er da – und löst ei­nen Skan­dal in der Knes­set aus. Pein­lich: Die Zah­len stim­men nicht.

Fo­to: AP

Mar­tin Schulz pri­vat: Mit sei­ner Frau In­ge hat der So­zi­al­de­mo­krat zwei in­zwi­schen er­wach­se­ne Kin­der

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.