Die tz war am Tat­ort

1000 € Bu­ße für Ra­se­rei Ein­bruch­se­rie in Mün­chen

tz - - ERSTE SEITE - JO­HAN­NES HEININGER

Ver­kehrs­sün­dern dro­hen in Deutsch­land in Zu­kunft deut­lich hö­he­re Buß­gel­der. Die In­nen­mi­nis­ter der Bun­des­län­der wol­len in der kom­men­den Wo­che bei ih­rer Kon­fe­renz in Saar­brü­cken die Ver­kehrs­mi­nis­ter bit­ten, den Ka­ta­log zu über­prü­fen. Wie das Re­dak­ti­ons­netz­werk Deutsch­land (RND) be­rich­te­te, soll es dras­tisch hö­he­re Sank­tio­nen vor al­lem bei zu schnel­lem Fah­ren, zu ge­rin­gem Ab­stand, ge­fähr­li­chem Über­ho­len und dem Nich­tBil­den ei­ner Ret­tungs­gas­se ge­ben. „Es kann bei­spiels­wei­se nicht sein, dass für das Nich­tBil­den ei­ner Ret­tungs­gas­se nur 20 Eu­ro Ver­warn­geld fäl­lig wer­den“, er­klär­te Lo­renz Caf­fier (CDU), In­nen­mi­nis­ter von Meck­len­burg-Vor­pom­mern, auf An­fra­ge der Deut­schen Pres­seA­gen­tur. Caf­fier ist Spre­cher der uni­ons­ge­führ­ten In­nen­res­sorts der Bun­des­län­der. Dem Re­dak­ti­ons­netz­werk Deutsch­land zu­fol­ge set­zen sich die SPD-In­nen­mi­nis­ter da­für ein, die Hö­he der Buß­gel­der nach der Hö­he des Ein­kom­mens zu staf­feln. Nach ih­ren Vor­stel­lun­gen könn­te ein Buß­geld fürs Ra­sen bei ei­nem ho­hen Ver­dienst 1000 Eu­ro oder so­gar noch mehr be­tra­gen.

Die Tä­ter sind längst nicht mehr da, der Tat­ort aber bleibt. So wie die ge­schock­ten Be­woh­ner. Ge­nau dann be­ginnt die Ar­beit des Kri­mi­nal­dau­er­diens­tes (KDD). Clau­dia Bau­er (51) und Andre­as Steffl (37) bil­den ei­nes der vier Teams, die in die­ser Mitt­woch­nacht im Ein­satz sind.

Seit 17.30 Uhr sit­zen Clau­dia Bau­er und Andre­as Steffl an ih­ren Schreib­ti­schen im Po­li­zei­prä­si­di­um an der Ett­stra­ße. Noch ist es ru­hig. Zwölf St­un­den lie­gen vor ih­nen. Voll­ge­packt mit Straf­ta­ten, die das ge­sam­te Spek­trum der kri­mi­nal­po­li­zei­li­chen Ar­beit ab­de­cken. Der KDD ist ein Bereitschaftsdienst, der dann ein­springt, wenn die Bü­ros der Fach­kom­mis­sa­ria­te ge­schlos­sen sind. Heißt: Mord, Raub, Kör­per­ver­let­zun­gen, Se­xu­al­de­lik­te und eben auch Ein­brü­che fal­len in die­ser Zeit in die Zu­stän­dig­keit der „Feu­er­wehr der Kri­mi­nal­po­li­zei“, wie KDDChef Pe­ter Reichl sagt. „Wir fah­ren dort­hin, wo es brennt.“

Clau­dia Bau­er ist seit fast 20 Jah­ren beim KDD. Die Viel­falt der Fäl­le be­geis­tert sie noch heu­te. Sie sagt: „Ich bin auch ger­ne drau­ßen un­ter­wegs.“Mit der be­rühm­ten Schach­tel Pra­li­nen, wie im Film For­rest Gump, ver­gleicht Andre­as Steffl sei­ne Ar­beit. „Man weiß eben nie, was man be­kommt.“

19.26 Uhr: Ein Ein­bruch bei ei­ner Rent­ne­rin in Ober­schleiß­heim (sie­he Text rechts) wird ge­mel­det. „Ers­tes Ober­ge­schoss, Bal­kon­tü­re auf­ge­he­belt. Nach­barn ha­ben Ge­räu­sche ge­hört“, wird Steffl und Bau­er mit­ge­teilt. Ein klei­nes Da­ten­blatt mit Adres­se und Sach­ver­halt be­rei­tet das Team auf den ers­ten Ein­satz vor. Die wich­tigs­ten Werk­zeu­ge – Dik­tier­ge­rät, Fo­to­ta­sche und Ein­satz­for­mu­la­re – ver­stau­en sie im Kof­fer­raum ih­res nacht­schwar­zen BMW. Wer jetzt an Blau­licht, Si­re­ne und wil­de Ra­se­rei über Au­to­bah­nen denkt, wird ent­täuscht. Der KDD jagt kei­ne Ein­bre­cher. Er sam­melt Spu­ren, spricht mit Op­fern und Zeu­gen – und über­gibt die In­for­ma­tio­nen spä­ter an die je­wei­li­ge Fach­dienst­stel­le. Rund zwei­ein­halb St­un­den dau­ert der ers­te Ein­satz. Wenn die Ar­beit an ei­nem Ort er­le­digt ist, geht’s für Clau­dia Bau­er und Andre­as Steffl wie­der zu­rück ins Prä­si­di­um. Ton­auf­nah­men wer­den ein­ge­spielt und an Schreib­kräf­te über­ge­ben, Bil­der von Ein­bruchs­spu­ren sor­tiert und in die Ak­ten ein­ge- pflegt.

Nicht so an die­sem Abend. Ins fei­ne Bo­gen­hau­sen lotst die Zen­tra­le die bei­den Be­am­ten als Nächs­tes. Hem­den, Ho­sen und Un­ter­wä­sche lie­gen im Raum ver­streut. Die Kis­sen­be­zü­ge feh­len. Der Klei­der­schrank steht of­fen, und Schub­la­den sind her­aus­ge­ris­sen. Das auf­ge­he­bel­te Fens­ter steht halb of­fen. „Die Uhr mei­nes Groß­va­ters ist weg“, seufzt Ma­na­ger Ste­fan W. (37). Als er ge­gen 19.30 Uhr von der Ar­beit heim­kommt, be­merkt er den Ein­bruch. Freun­din An­ge­li­ka (34) hat ih­ren ge­sam­ten Erb­schmuck an die Ein­bre­cher ver­lo­ren. Der ma­te­ri­el­le Scha­den: min­des­tens 10 000 Eu­ro. Der emo­tio­na­le: un­be­schreib­lich. Der Par­kett­bo­den ist kleb­rig. „Hier hat je­mand ver­sucht, Spu­ren mit ei­nem Rei­ni­ger zu ver­wi­schen“, sagt Uta Ber­be­rich von der Spu­ren­si­che­rung. Auch sie hat die gan­ze Nacht Bereitschaftsdienst. Wenn sich die 36-Jäh­ri­ge ih­re him­mel­blau­en La­tex­hand­schu­he über­streift, wird deut­lich, wie ge­nau die Ein­bre­cher vor­ge­gan­gen sind. Mit Pin­sel und Kon­trast­pul­ver macht sie Fin­ger­ab­drü­cke sicht­bar. Win­zi­ge Haut­schup­pen ver­ra­ten die DNA des Ga­no­ven. „Je­der Tä­ter hin­ter­lässt Spu­ren“, sagt Ber­be­rich. Man­che frei­wil­lig, die meis­ten un­be­wusst.

Lei­der kön­nen nur we­ni­ge Ein­brü­che ge­klärt und die Tä­ter zur Re­chen­schaft ge­zo­gen wer­den. Doch Andre­as Steffl ist si­cher: „Wir kön­nen den Op­fern zu­min­dest et­was die Angst neh­men.“

Uta Ber­be­rich von der Spu­ren­si­che­rung

In der Zen­tra­le des Kri­mi­nal­dau­er­diens­tes wer­den die Ein­sät­ze ge­sam­melt, be­spro­chen, ver­teilt und ab­ge­ar­bei­tet. Mit ei­nem zi­vi­len Fahr­zeug sind in je­der Nacht­schicht acht Be­am­te in vier Teams un­ter­wegs

Pa­sing

Solln Ober­schleiß­heim Ma­ri­en­platz

Fo­tos: Phil­ipp Gül­land

Die KDD-Be­am­ten Clau­dia Bau­er (oben) und Andre­as Steffl (r.) rü­cken auch bei Ein­brü­chen an. Dann müs­sen Tat­ort­fo­tos ge­macht und mit Zeu­gen und Ge­schä­dig­ten ge­spro­chen wer­den. Uta Ber­be­rich (un­ten) von der Spu­ren­si­che­rung sam­mel­tDNA-Rück­stän­de und Fin­ger­ab­drü­cke. Denn: Je­der Tä­ter hin­ter­lässt ei­ne Spur!

Auf die­ser Kar­te se­hen Sie die Or­te in Mün­chen, an de­nen seit dem 1. Ok­to­ber ein­ge­bro­chen wor­den ist

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.