Ab zur Uli-The­ra­pie im Au­di Do­me

tz - - COMIC - JO­SÉ CARLOS MENZEL LÓPEZ

Ex­akt 987 Ta­ge. So­lan­ge muss­te er war­ten, doch heu­te ist die Lei­dens­zeit des Uli Ho­en­eß ein für al­le­mal vor­bei. „Das war’s noch nicht“, hat­te der 64-Jäh­ri­ge am 2. Mai 2014 bei ei­ner au­ßer­or­dent­li­chen Mit­glie­der­ver­samm­lung im Au­di Do­me ge­sagt, be­vor er sei­ne Haft­stra­fe we­gen Steu­er­hin­ter­zie­hung an­trat. Und heu­te wird er sein Ver­spre­chen er­fül­len. Ho­en­eß, Bay­ern-Ma­cher und Bay­ern-An­trei­ber, wird bei der JHV heu­te Abend von den Mit­glie­dern sei­nes FCB zum Prä­si­den­ten wie­der­ge­wählt wer­den. Und dem­nach auch das ein oder an­de­re emo­tio­na­le Wort ver­lie­ren. In Rich­tung Fans, nach den jüngs­ten Er­geb­nis­sen aber eben­falls in Rich­tung Mann­schaft.

Die Ver­gan­gen­heit hat des Öf­te­ren ge­zeigt, dass Ho­en­eß es wie kein an­de­rer ver­steht, sei­ne Bay­ern in schwie­ri­gen Mo­men­ten wach­zu­rüt­teln. Nach zwei Nie- der­la­gen in Fol­ge, Platz zwei in der Li­ga und der ver­spiel­ten Ta­bel­len­füh­rung in der Cham­pi­ons Le­ague muss man an der Sä­be­ner Stra­ße nach Jah­ren des Son­nen­scheins wie­der das Wort Kri­se in den Mund neh­men, wes­halb auch Trai­ner Car­lo An­ce­lot­ti heu­te Abend sei­ne Oh­ren spit­zen dürf­te, wenn Ho­en­eß ans Red­ner­pult tritt. Der Mis­ter wird eben­falls im Au­di Do­me prä­sent sein und weiß, dass er ak­tu­ell schwer in der Kri­tik steht. Und dass es ei­nen Im­puls be­nö­tigt, um sei­ne Mann­schaft wie­der auf die Sie­ger­stra­ße zu füh­ren. Ob die­ser Im­puls von Ho­en­eß aus­ge­hen kann?

„Ich weiß nicht, ob es uns ei­nen Push gibt“, äu­ßer­te sich Phil­ipp Lahm eher skep­tisch zum The­ma. Der Ka­pi­tän wei­ter: „Aber das in der Ver­gan­gen­heit sehr er­folg­rei­che Team Rum­me­nig­ge und Ho­en­eß ist wie­der ver­eint. Des­halb kann man po­si­tiv in die Zu­kunft bli­cken.“Im­mer­hin. Fakt ist: Ho­en­eß kann ein will­kom­me­ner An­trieb in Zei­ten der Kri­se sein, die Wahr­heit liegt aber nach wie vor auf dem Platz und fällt dem­nach ins Auf­ga­ben­ge­biet von An­ce­lot­ti. Der Mis­ter über­nimmt auch die „vol­le Ver­ant­wor­tung“, wie er un­mit­tel­bar nach dem Ros­tow-De­sas­ter vor lau­fen­der Ka­me­ra kund­tat. Er weiß aber auch, dass er „die

zu viel. Es wä­re in sei­nem Sin­ne und dem des gan­zen Klubs, wenn er mal wie­der back to earth run­ter­kommt“, sag­te der Bay­ernBoss nach dem un­glück­li­chen Auf­tritt von Boateng in Russ­land. Dass Rum­me­nig­ge sei­nen Spie­ler plötz­lich öf­fent­lich we­gen sei­nes Le­bens­wan­dels so hart kri­ti­sier t, ist un­ge­wöhn­lich! In Ros­tow spiel­ten sämt­li­che FCBAk­teu­re weit un­ter ih­rem Leis­tungs­ni­veau. Aus­wahl­mög­lich­kei­ten an Spie­lern zur öf­fent­li­chen Kri­tik hät­te Rum­me­nig­ge al­so ge­nug ge­habt. Boateng fällt nicht erst seit die­sem Som­mer durch ei­nen aus­ge­fal­le­nen Li­fe­style auf, auch wenn sich der Hy­pe um ihn seit der EM noch ein­mal er­heb­lich ge­stei­ger t hat. Erst kürz­lich wur­de Boateng bei der GQ-Ga­la als „Mann des Jah­res“aus­ge­zeich- Mann­schaft jetzt wie­der in die Spur brin­gen muss“. Und zwar am bes­ten schon mor­gen ge­gen Le­ver­ku­sen. Ei­ne Kehrt­wen­de in sei­nen An­sich­ten von Sys­tem und Um­gang mit der Mann­schaft ist der­weil nicht zu er­war­ten, er wird wei­ter­hin auf sei­ne Me­tho­den, auf Ru­he und Sach­lich­keit set­zen. Grei­fen soll­ten sei­ne Maß­nah­men aber so schnell wie mög­lich,

net, seit Som­mer de­signt er au­ßer­dem Bril­len, und seit ei­ni­ger Zeit wird er in den USA von Su­per­star Jay Z ge­ma­nagt. Bei schwä­cheln­den Leis­tun­gen, wie es bei Boateng in den letz­ten bei­den Spie­len der Fall war, bie­ten sol­che Ne­ben­tä­tig­kei­ten na­tür­lich An­griffs­flä­che. Boateng selbst ak­zep­tier t die sport­li­che Kri­tik, wehrt sich aber ge­gen die Li­fe­style-Vor­wür­fe von Rum­me­ni­ge. Ei­nes ist klar: Die Boa­ten­gWatschn, viel­leicht auch be­wusst ge­gen ei­nen der pro­mi­nen­tes­ten Spie­ler aus­ge­teilt, zeigt, wie an­ge­spannt die Si­tua­ti­on beim FCB nach drei sieg­lo­sen Spie­len in Se­rie ist. Ge­gen Le­ver­ku­sen muss nun un­be­dingt ein Sieg her – an­sons­ten wird es nicht nur für Boateng un­ge­müt­lich. um sei­ner Mann­schaft wie­der die Selbst­ver­ständ­lich­keit in Spiel­fluss, Do­mi­nanz und vor al­lem Ab­wehr­ver­hal­ten ein­zu­trich­tern, die sie bis vor ei­ni­gen Mo­na­ten noch aus­ge­zeich­net hat­te. „Der Geg­ner hat sich die Tor­chan­cen nicht er­ar­bei­tet, wir ha­ben sie ihm ge­schenkt. Wir ma­chen ein­fach viel zu vie­le Feh­ler“, lau­te­te Lahms Ana­ly­se. Und wei­ter: „Un­ser Pro­blem ist, dass wir zu sorg­los sind. Das hat uns in den letz­ten Jah­ren sehr stark ge­macht, dass wir dem Geg­ner we­nig zu­ge­las­sen ha­ben, we­nig her­ge­schenkt ha­ben. Das war ei­ne un­glaub­li­che Stär­ke von uns, und das fehlt au­gen­blick­lich.“

Je­ro­me Boateng war der Mei­nung, man sei ge­gen Ros­tow „aus­ein­an­der­ge­bro­chen“und for­der­te zugleich „ei­ne Ant­wort“am Sams­tag ge­gen Le­ver­ku­sen. Kar­lHeinz Rum­me­nig­ge hat­te den Na­tio­nal­ver­tei­di­ger und sei­nen Le­bens­wan­del nach des­sen ra­ben­schwar­zen Abend in Russ­land (Boateng war an zwei To­ren di­rekt be­tei­ligt und muss­te hin­ter­her an­ge­schla­gen vom Platz) un­ge­wohnt scharf kri­ti­siert und ge­for­dert, er sol­le wie­der „back to earth“kom­men. Boateng selbst such­te die Feh­ler je­doch im ge­sam­ten Team: „Je­der soll­te in sich hin­ein­hor­chen. Es kommt so rü­ber, als sei es ei­ne Ein­stel­lungs­sa­che.“Will hei­ßen: Nicht ein Ein­zel­ner ist ver­ant­wort­lich, son­dern die ge­sam­te Mann­schaft. Und nur als Mann­schaft kom­men die Bay­ern wie­der aus der Kri­se her­aus. Ge­schlos­sen. Als Bay­ernFa­mi­lie. Sieht Ho­en­eß be­stimmt ge­nau­so.

Fo­tos: Reu­ters, Im­a­go

Er war nicht in Ros­tow da­bei, weil er sei­ne Re­de für die Jah­res­haupt­ver­samm­lung vor­be­rei­te­te: Uli Ho­en­eß kehrt heu­te als Prä­si­dent zu­rück Ge­spannt auf die JHV im Au­di Do­me: Trai­ner Car­lo An­ce­lot­ti

Von Ma­nu­el Bon­ke

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