„Zahlt end­lich für mei­nen Bu­ben“

Ärz­te­pfusch! Mut­ter kämpft seit 12 Jah­ren um Schmer­zens­geld

tz - - MÜNCHEN+REGION - AR­MIN GEIER

Im­mer­wie­der­zeigt Cor­ne­lia S. auf ein Bild ih­res Soh­nes: „Gebt mei­nem Con­stan­tin end­lich, was ihm zu­steht“, ruft sie zeit­gleich. Auf dem Fo­to ist ihr Klei­ner zu se­hen – auf der In­ten­siv­sta­ti­on. Zig Schläu­che ra­gen aus dem Kör­per des Bu­ben. Was pas­siert war? Ein Arzt hat­te bei Con­ni ei­ne schwe­re In­fek­ti­on über­se­hen – mit fa­ta­len Fol­gen: Seit­dem ist der Bub be­hin­dert. Zwölf Jah­re ist das nun her. Und seit­dem kämpft die Fa­mi­lie um Schmer­zens­geld. Zwei Mil­lio­nen Eu­ro will sie. Jetzt geht es ge­gen die Al­li­anz in Mün­chen.

„Ich kann ein­fach nicht glau­ben, dass wir im­mer noch kei­nen Cent für die­sen schreck­li­chen Feh­ler be­kom­men ha­ben“, schimpft die Mut­ter, wäh­rend sie vor der Al­li­an­zZen­tra­le in Mün­chen steht. „Und das, ob­wohl längst fest­steht, dass ein Arzt ge­pfuscht hat.“

Die Tra­gö­die pas­siert im März 2004. Die Mut­ter fährt mit dem da­mals Zwei­jäh­ri­gen in die Cnopf’sche Kin­der­kli­nik in Nürn­berg, wo sie da­mals woh­nen. Der Bub hat Fie­ber und Durch­fall. Nur ei­ne leich­te Gas­tri­tis, sagt der be­han­deln­de Arzt und schickt bei­de wie­der Heim. Nach ein paar St­un­den ist der Zu­stand des Zwei­jäh­ri­gen so schlecht, dass die Ma­ma wie­der in die Kli­nik fährt. „Ma­chen Sie sich kei­ne Sor­gen“, lau­tet die Ant­wort. Fünf Mal wie­der­holt sich die­ses Spiel. Con­stan­tin spuckt plötz­lich Blut, ver­liert das Be­wusst­sein. Per San­ka kommt er ins Uni-Kli­ni­kum nach Er­lan­gen. Die Dia­gno­se: ei­ne schwe­re Pneu­mo­kok­ken-In­fek­ti­on. Die Bak­te­ri­en ha­ben schon Herz und Ge­hirn an­ge­grif­fen. Nur ei­ne Not-OP ret­tet ihm das Le­ben ( tz be­rich­te­te).

Seit da­mals ist Con­stan­tin zu 80 Pro­zent schwer­be­hin­dert, er ist halb taub und ver­hal­tens­auf­fäl­lig. Ein jah­re­lan­ger Kampf be­ginnt. Der Arzt be­haup­tet näm­lich schlicht­weg: „Der Fall war nicht zu ver­hin­dern!“Da­her will man auch kei­ne Ent­schä­di­gung zah­len. Ein Gut­ach­ten jagt das an­de­re, zig Ver­hand­lun­gen wer­den vor Ge­richt ge­führt. „Das kos­te­te je­des Mal mehr Kraft“, er­zählt die Mut­ter. Und Geld. 2014 (zehn Jah­re nach dem Vor­fall) dann die Ent­schei­dung: Ein an­er­kann­ter Ex­per­te stellt vor Ge­richt fest, dass der Me­di­zi­ner da­mals ge­pfuscht hat. Punkt! Die Kli­nik stimmt dar­auf­hin ei­nem Ver­gleich zu.

„Aber Schmer­zens­geld ha­ben wir noch im­mer nicht be­kom­men“, so Cor­ne­lia S. War­um? „Weil die Al­li­anz, über die der Arzt ver­si­chert ist, die ge­for­der­ten zwei Mil­lio­nen nicht zah­len will. Jetzt läuft wie­der ein Zi­vil­ver­fah­ren. Die hof­fen doch nur, dass wir ir­gend­wann auf­ge­ben und sie bil­lig aus der La­ge raus­kom­men.“

Die Al­li­anz sieht das ganz an­ders. Auf tz- An­fra­ge er­klär­te ei­ne Spre­che­rin, dass man der Fa­mi­lie schon ei­ne Sum­me im sechs­stel­li­gen Be­reich als „Vor­aus­zah­lung“ge­währt­hät­te.Stimmt(rund 200 000 Eu­ro) – man muss aber be­den­ken: Um ih­ren Sohn zu pfle­gen, muss­te Cor­ne­lia S. ih­ren Job als Ar­chi­tek­tin auf­ge­ben. Zu­dem zahl­te man Tau­sen­de Eu­ros für Gut­ach­ten und An­wäl­te. Die Fa­mi­lie S. hat Schul­den.

Wei­ter­hin gibt die Ver­si­che­rung an, man wol­le den Fall auch end­lich mit ei­nem Ver­gleich ab­schlie­ßen. „Um ei­nen va­li­den Ver­gleichs­vor­schlag ma­chen zu kön­nen, be­nö­ti­gen wir wie das Ge­richt al­ler­dings wei­te­re ärzt­li­che Un­ter­su­chun­gen“, so Pres­se­spre­che­rin Su­san­ne See­mann. So müs­se fest­ge­stellt wer­den, ob die Schwer­hö­rig­keit auf den Be­hand­lungs­feh­ler zu­rück­zu­füh­ren ist und au­ßer­dem müs­se das Aus­maß der kör­per­li­chen Ein­schrän­kung dia­gnos­ti­ziert wer­den. „In den bis­her vor­ge­leg­ten Un­ter­la­gen sind die­se für uns ent­schei­dungs­re­le­van­ten Punk­te nicht aus­rei­chend dar­ge­legt.“Heißt: Mehr Gut­ach­ten! Ge­nau die will aber Con­nis Fa­mi­lie nicht mehr.

„Die wol­len Zeit schin­den“, sagt Cor­ne­lia S. „Aber ich kämp­fe wei­ter.“Bei die­sen Wor­ten zeigt sie wie­der auf das Bild ih­res Soh­nes.

F: Götz­fried

Cor­ne­lia S. de­mons­triert ih­ren Un­mut vor der Al­li­anz in der Kö­nig­in­stra­ße

Con­stan­tin im Jah­re 2004: Ei­ne In­fek­ti­on wur­de bei dem Bu­ben nicht er­kannt. Heu­te ist der ge­bür­ti­ge Münch­ner 16 Jah­re alt, geht be­geis­tert zur Schu­le

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