Schau­spiel des Le­bens

tz - - MÜNCHEN+REGION -

Es gab, sagt Bri­git­te Kon­rad, in den letz­ten Jahr­zehn­ten vie­le Aben­de, da ging ihr das Herz auf. Da hät­te sie heu­len kön­nen vor lau­ter Er­grif­fen­heit, und manch­mal heul­te sie am En­de tat­säch­lich. Weil es so be­we­gend und mit­rei­ßend war, was die Darstel­ler da vor­ne auf der Büh­ne zeig­ten und wie sie es zeig­ten

ro­ße Schau­spiel­kunst eben. Rolf Boy­sen als King Le­ar. Oder Tho­mas Holtz­mann als Mal­vo­lio in Was Ihr wollt, auch wenn der Holtz­mann manch­mal ein bis­serl ge­nu­schelt hat, das tat er als An­to­nio im Kauf­mann von Ve­ne­dig aber auch. Über­wäl­ti­gend auch Gustl Bayrhammer in Lud­wig Tho­mas Mag­da­le­na am Volks­thea­ter, phä­no­me­nal. Oder Ot­to Schenk als Bo­cke­rer, da kriegt sie heu­te noch Gän­se­haut. Und na­tür­lich zu­letzt auch in ih­ren vie­len Stü­cken die Hob­mei­er, je­ne fa­mo­se Bri­git­te Hob­mei­er, die ge­ra­de eben an den Kam­mer­spie­len hin­ge­schmis­sen hat, weil sie vom um­strit­te­nen In­ten­dan­ten Mat­thi­as Li­li­en­thal kei­ne Rol­len mehr be­kam. Aber das ist ja ein ganz an­de­res The­ma.

Das The­ma von Bri­git­te Kon­rad war schon im­mer die Dar­stel­len­de Kunst, das Schau­spiel. Und des­we­gen ar­bei­te­te sie auch 40 Jah­re bei der tra­di­ti­ons­rei­chen Münch­ner Thea­ter­ge­mein­de in der Goe­the­s­tra­ße, 16 Jah­re da­von als Lei­te­rin der Ge­schäfts­stel­le. 65 ist sie heu­te, seit vier Jah­ren in Ren­te. Wenn man sie fragt, ob sie je­mals dar­an dach­te, fort­zu­zie­hen aus Mün­chen, auch jetzt im Ru­he­stand, dann lacht sie nur und sagt: „Ja wo­her denn!? Wo du in Mün­chen doch so wun­der­bar zu­ge­schüt­tet wirst mit Kul­tur. Da kommst der Kunst ned aus.“

Kunst, Kul­tur, Bil­dung, da­von war Bri­git­te Kon­rad schon im­mer an­ge- tan. Dro­ben in Haid­hau­sen wuchs sie auf, Re­ger­stra­ße, Rück­ge­bäu­de. Sie war erst vier, als sich die El­tern wie­der trenn­ten, erst zog sie zu den El­tern der Ma­ma in die Fraun­ho­fer­stra­ße, dann mit der Mut­ter wei­ter in die Maxvor­stadt. Oft ging sie gleich ums Eck ins Isa­bel­la, das al­te Film­kunst­ki­no in der Neu­reu­ther­stra­ße. Und wenn sie ih­ren Pa­pa be­such­te, dann freu­te sie sich vor al­lem auf ih­re Oma, die an der Re­ger­stra­ße im Vor­der­haus wohn­te, weil sie mit der . im­mer die Fran­zis­ka­ner­stra­ße Rich­tung Ro­sen­hei­mer Platz vor­ging. Am Eck zur Ra­bl­stra­ße auf Haus­num­mer 19 gab es da­mals noch die Fran­zis­ka­ner-Licht­spie­le, und die Oma war im­mer schon ei­ne lei­den­schaft­li­che Ki­no­gän­ge­rin.

Ei­ne gro­ße Lei­den­schaft der jun­gen Bri­git­te war auch das Le­sen. Drei­mal in der Wo­che stapf­te sie in die Bü­che­rei und hol­te sich Lek­tü­re. Oft Bü­cher, die ihr in der Schwind­schu­le von der Leh­re­rin vor­ge­le­sen wur­den, wo sie im­mer „stock­nar­risch“war, wie sie sagt, wenn die St­un­de zu En­de war und sie nicht er­fuhr, wie die Ge­schich­te aus­ging. Dann hol­te sie sich das Buch eben in der Bi­b­lio­thek. Zeit zum Le­sen hat­te sie ge­nug an den vie­len Nach­mit­ta­gen al­lein da­heim, als Schlüs­sel­kind. Die Ma­ma hat­te schließ­lich ar­bei­ten müs­sen. Bei der Stra­ßen­bahn.

Die Ma­ma von Bri­git­te Kon­rad war Tram­bahn­schaff­ne­rin, zu je­ner Zeit gab es an den Tü­ren noch die Git­ter, die mit der Hand auf- und zu­ge­scho­ben wur­den. Und es gab die er­ho­be­nen Sit­ze ganz hin­ten, auf de­nen die Schaff­ner sa­ßen und die Bil­letln ver­kauf­ten. Bri­git­te Kon­rad weiß noch, dass auf den Fahr­kar­ten der Netz­plan der Tram­bah­nen ab­ge- druckt war und die Ma­ma dann im­mer beim Ver­kauf das Ziel mar­kier­te, wo­hin der Fahr­gast woll­te. „Da hats dann im­mer an Stem­pel neig­haut.“

Tram­bahn­schaff­ner war in den Sech­zi­ger­jah­ren ei­ner der we­ni­gen Be­ru­fe, wo Frau­en ge­nau­so viel ver­dien­ten wie Män­ner, aber rich­tig viel war es auch nicht. „Warn har­te Zei­ten“, sagt Bri­git­te Kon­rad, „aber ir­gend­wie is scho gan­ga. Wir ham gut zammghal­ten, wir zwei.“We­gen der Schicht­ar­beit muss­te die Ma­ma manch­mal schon früh um sechs raus, an an­de­ren Ta­gen kam sie erst um zwei in der Nacht heim, zu Fuß vom De­pot in der Dach­au­er heim in die Gör­res­stra­ße, und das mit den gan­zen Ta­ges­ein­nah­men. Zum Glück ist nie was pas­siert.

Spä­ter bo­ten sie ihr so­gar ei­ne Stel­le als Tram­bahn­fah­re­rin an, aber das woll­te die Ma­ma nicht – sie hat­te nicht mal ei­nen Füh­rer­schein. Statt­des­sen be­kam sie von der Stadt ei­nen Bü­ro­job, im Ein­woh­ner­mel­de­amt.

Wie aber sie selbst ihr Geld ver­die­nen wür­de, das wuss­te Bri­git­te Kon­rad erst ein­mal auch nicht. Nach der Schwind­schu­le mach­te sie ein Lehr­jahr als Kauf­frau in ei­nem Klei­der­la­den am Ma­ri­en­platz, da kauf­te sie Fä­den ein, sor­tier­te Be­le­ge, koch­te Kaf­fee und hol­te die Bro­tzeit, was man als Lehr­ling eben so macht, für sie war das aber gar nix. Al­so ging sie auf die Han­dels­schu­le, die Rie­mer­schmid. Die Mut­ter un­ter­stütz­te sie da­bei, und als sie nach drei Jah­ren fer­tig war, be­kam sie am Ar­beits­amt drei Stel­len­an­ge­bo­te. Zwei da­von brauch­te sie da­bei gar nicht mehr, denn schon beim ers­ten Vor­stel­lungs­ge­spräch wuss­te sie: „Da bleib ich.“Und dar­um blieb sie auch. Ge­nau 40 Jah­re, bei der Thea­ter­ge­mein­de Mün­chen.

Le­sen Sie nächs­te Wo­che, wie ri­git­te Kon­rad zu ih­rer Stel­le bei der Thea­ter­ge­mein­de kam und wie aus dem Be­ruf Be­ru­fung wur­de.

Fo­to: Götz­fried

Lie­be zur Büh­ne: Bri­git­te Kon­rad im Cu­vil­liés­thea­ter

Fo­tos: pri­vat

Mit der Ma­ma an der Hoch­stra­ße an der Brü­cke über dem Geb­sat­tel­berg (re.) und als Schü­le­rin An­fang der Sech­zi­ger­jah­re vor dem Deut­schen Mu­se­um

Glück­li­ches Ba­by im Wa­gerl: Bri­git­te Kon­rad wuchs in Haid­hau­sen auf

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