Die Wut der Ur­fas­sung

tz - - KULTUR & TV - Bea­te kay­ser

Die Rus­sen sind da. Im Na­tio­nal­thea­ter ist Rus­sisch fast die Lan­des­spra­che, denn seit Wo­chen wird Dmi­tri Schosta­ko­witschs Oper La­dy Mac­beth von Mzensk ge­probt (Pre­mie­re am 28.11.), und die Staats­oper hat für Ki­rill Pe­tren­ko am Pult lau­ter rus­si­sche Sän­ger en­ga­giert. Nur An­ja Kam­pe in der Ti­tel­rol­le und Ke­vin Con­ners als „Schä­bi­ger“müs­sen flei­ßig üben, was sie auch tun. So­gar im Netz gibt es Sprach­un­ter­richt fürs Pu­bli­kum. Da wird end­lich mal be­ant­wor­tet, war­um man im Rus­si­schen das „o“meis­tens als „a“aus­spricht. Klar ist: Oh­ne Ori­gi­nal­spra­che geht heu­te nichts mehr. Das war, als Vol­ker Sch­lön­dorff das Stück als Ka­te­ri­na Is­mailo­wa in den Neun­zi­gern mit Hil­de­gard Beh­rens am Na­tio­nal­thea­ter mach­te, noch an­ders.

An­ders wird’s dies­mal auch bei der Fas­sung. Schosta­ko­witsch hat mehr­mals um­ge­ar­bei­tet, hat­te bei der Pre­mie­re gro­ßen Er­folg auch im Aus­land. Sta­lin sah das Stück im Bol­schoi­thea­ter, ver­ließ das Haus in der Pau­se we­gen an­de­rer Ver­pflich­tun­gen. Ob ihm das Stück ge- oder miss­fiel, blieb un­klar. Die Praw­da brach­te al­ler­dings ei­nen Ar­ti­kel Cha­os statt Mu­sik, und die La­dy wur­de ver­bo­ten. Schosta­ko­witsch ent­schärf­te, zog dem Stück ein paar Zäh­ne, aber, so Ki­rill Pe­tren­ko bei der Ein­füh­rungs­ma­ti­née, er sel­ber ha­be sich, wie auch schon 1999, als er in Mei­nin­gen an­ge­fan­gen ha­be, wo die­se Oper sein ers­tes Werk ge­we­sen sei, das er in Deutsch­land di­ri­gier­te, für die ers­te, raue Fas­sung von 1934 ent­schie­den. „Ob­wohl“, sagt er, „ich ganz froh bin, dass Sie den Text nicht rich­tig ver­ste­hen. Da kom­men Wör­ter drin vor, die ich nie für mög­lich ge­hal­ten hät­te. Das zieht dir die Schu­he aus!“

Das und vie­le mu­si­ka­lisch ex­tre­me Pas­sa­gen tilg­te der Kom­po­nist in der Fas­sung von 1936, aber Pe­tren­ko will ge­ra­de die Wut der Ur­fas­sung zei­gen. Auch, weil hier die Fi­gur der Ka­te­ri­na deut­li­cher wird. Ih­re Mu­sik ist der pu­re Kon­trast: in­nig, von we­nig In­stru­men­ten be­glei­tet, ganz pur. Da­mit nimmt Schosta­ko­witsch im Ge­gen­satz zur No­vel­le von Les­kow, auf der das Stück be­ruht, die Schuld von der drei­fa­chen Mör­de­rin.

Ka­te­ri­na, reich ver­hei­ra­tet mit ei­nem schwa­chen Mann, be­spit­zelt von ih­rem gei­len Schwie­ger­va­ter, glü­hend ver­liebt in ei­nen Hand­lungs­ge­hil­fen, der sie für die erst­bes­te Nächs­te ver­lässt, bringt sie al­le und sich sel­ber um. Star­ker To­bak. Und wie zeich­net das die Mu­sik? Mit al­len Mit­teln und in al­len Sti­len. Grell, sanft, sa­ti­risch und in ei­ner gro­ßen Pas­sa­ca­glia me­di­tie­rend. Das Wort Po­lys­ti­lis­tik hat sich ein­ge­bür­gert. Am Mon­tag wer­den wir die La­dy un­ter Pe­tren­ko, in der Re­gie von Har­ry Kup­fer und im Bild von Hans Scha­ver­noch er­le­ben.

Wer sich ge­nau­er vor­be­rei­ten will, soll­te zur DVD von Ma­riss Jan­sons mit der Ne­der­land­se Ope­ra grei­fen. Eva-Ma­ria West­bro­ek singt die Ti­tel­rol­le, die blen­den­de, kom­pro­miss­lo­se Re­gie stammt von Martin Kušej.

Fo­to: W. Hösl

Lei­den­schaft­lich und töd­lich: La­dy Mac­beth (An­ja Kam­pe)

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