Psy­cho­krieg? So ein Un­sinn!

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Ich dach­te ei­gent­lich, dass ich in Abu Dha­bi bin. Die Wüs­te lebt – wie je­des Jahr – auf Yas Is­land, wenn die F-1-Ka­ra­wa­ne dort Sta­ti­on macht. Die Gast­ge­ber ga­ben sich wie­der unend­li­che Mü­he, das bes­te Bild ih­res Le­go­lands für Su­per­rei­che zu zeich­nen. Das Flut­licht leuch­te­te über der Stre­cke und kämpf­te ge­gen das hel­le Glit­zern des gi­gan­ti­schen Vi­ce­roy-Ho­tels an, das al­le 20 Se­kun­den die Far­be wech­selt. Ei­gent­lich müss­te ich al­so in Abu Dha­bi ge­we­sen sein. Ei­gent­lich. Aber viel­leicht gibt es ei­nen Pla­ne­ten in ei­nem Par­al­lel-Son­nen­sys­tem, auf dem ich ge­lan­det war. Wo al­les aus­sah wie in Abu Dha­bi, wo al­le so aus­sa­hen wie Ni­co Ros­berg, Le­wis Ha­mil­ton & Co., wo es al­les gab, nur eins nicht: ei­nen Psy­cho­krieg zwi­schen Ha­mil­ton und Ros­berg – so wie es Kol- le­gen von mir in gro­ßen Buch­sta­ben von ih­rem Pla­ne­ten be­rich­tet ha­ben.

Was ich in mei­ner frem­den Ga­la­xie er­lebt ha­be, war völ­lig an­ders. Die At­mo­sphä­re zwi­schen den Ti­tel­an­wär­tern war so was wie fried­li­che Nüch­tern­heit. Sie ta­ten, was sie schon seit Wo­chen ma­chen. Sie be­han­del­ten sich mit Re­spekt, aber bei bei­den merk­te man eben, dass die ex­tre­me Kon­kur­renz, in der sie sich seit 2014 be­fin­den, zu viel Freund­lich­keit ein­fach nicht zu­lässt. Du kannst in den See­len der bei­den le­sen: „Wenn ich zu freund­lich zu dem an­de­ren bin, wird mir das als Schwä­che aus­ge­legt.“

Und dann der an­geb­lich ver­wei­ger­te Hand­schlag! Das war nicht Feind­schaft oder Psy­cho­spiel­chen, nein, es war ganz ein- Ho­tels und Boo­ten auf­ge­wach­sen – der Hun­ger ist ein an­de­rer.“Ros­berg al­so ein ver­wöhn­ter Jet-Set-Boy? Mit­nich­ten. Na­tür­lich merkt man Ros­berg an, dass er nicht aus ei­nem Vor­stadt-Ghet­to kommt. Aber gu­te Ma­nie­ren, Höf­lich­keit, Bil­dung, Fremd­spra­chen- kennt­nis­se als Ma­kel? Auch ein schnel­ler Renn­fah­rer darf fünf Spra­chen (Deutsch, Eng­lisch, Fran­zö­sisch, Ita­lie­nisch, Spa­nisch) spre­chen. Oder wis­sen, wie man Mes­ser und Ga­bel be­nutzt. Zu­dem wur­de er in all den Jah­ren im­mer wie­der als der „net­te Herr Ros­berg“be­schrie­ben. Zu lieb, zu we­nig Kil­ler­instinkt, der ewi­ge Zwei­te. So ein Ste­reo­typ ist ziem­lich be­stän­dig, und ob­wohl Ros­berg seit Jah­ren durch­aus mal Ecken und Kan­ten zeigt, hielt sich die- fach so, dass in dem Mo­ment, als FIA-Pres­se­spre­cher Mat­teo Bon­cia­ni die bei­den zum Sha­ke­hand auf­for­der­te, Ka­me­ra­sal­ven laut wie ein Ma­schi­nen­ge­wehr lo­s­pras­sel­ten. Ros­berg und Ha­mil­ton ha­ben die Bit­te des Ita­lie­ners ver­mut­lich gar nicht ge­hört. Und selbst wenn sie es ge­hört ha­ben: Die bei­den 31-Jäh­ri­gen hat­ten ver­ständ­li­cher­wei­se kei­ne gro­ße Lust, sich wie dres­sier­te Af­fen die Hän­de zu rei­chen. War­um auch? Man kann sich als Zei­chen des Frie­dens die Hän­de schüt­teln – wenn es vor­her Krieg gab. Das aber ist seit Mo­na­ten nicht mehr der Fall. Man kann nur Krie­ge füh­ren, wenn bei­de das wol­len. Soll­te Ha­mil­ton wirk­lich aufs Schlacht­feld zie­hen wol­len – er wür­de schnell mer­ken, dass er dann al­lei­ne dort steht und kei­nen Geg­ner hat. Psy­cho­krieg? Da­mit ver­geu­det ein Ni­co Ros­berg nicht sei­ne Zeit.

F.: afp

Ni­co gra­tu­lier­te Le­wis zum Ge­winn der Qua­li

Fo­to: dpa

Welt­meis­ter! Ni­co Ros­berg (Mit­te) bei der Ziel­durch­fahrt in Abu Dha­bi

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