40-Ton­ner fuhr über mein Bein

War­um die­ser Münch­ner (23) schon bald wie­der ge­hen kann

tz - - ERSTE SEITE -

Wer in Groß­städ­ten re­gel­mä­ßig mit dem Radl un­ter­wegs ist, der lebt ge­fähr­lich: Al­lein das Münch­ner Po­li­zei­prä­si­di­um hat im ver­gan­ge­nen Jahr rund 3000 Un­fäl­le mit Rad­fah­rern auf­ge­nom­men, fünf Op­fer star­ben. Und die Dun­kel­zif­fer der Ver­letz­ten ist hoch, denn in vie­len Fäl­len be­kommt die Po­li­zei gar nicht mit, wenn ein Rad­ler auf dem As­phalt lan­det.

Ganz be­son­ders auf der Hut sind vie­le Pe­dal­eu­re, wenn sich ein Last­wa­gen nä­hert. Doch selbst bei größ­ter Vor­sicht sind sie vor fol­gen­schwe­ren Zu­sam­men­stö­ßen mit Brum­mis nicht ge­feit: Weil Fahr­feh­ler im­mer pas­sie­ren kön­nen – und weil manch­mal meh­re­re Zu­fäl­le un­glück­lich zu­sam­men­kom­men. Wie schnell ein sol­cher Alb­traum wahr wer­den kann, das hat To­bi­as F. am ei­ge­nen Leib er­fah­ren.

Orts­wech­sel nach Lau­sanne in der Schweiz. Hier, in der zweit­größ­ten Stadt am Gen­fer See, stu­diert To­bi­as Bio­me­cha­nik und Me­di­zin­tech­nik. Wie je­den Mor­gen macht er sich mit dem Radl auf den Weg zur Uni. Er rollt ei­ne stark ab­schüs­si­ge Stra­ße hin­ab. „Das Ge­fäl­le kann man sich un­ge­fähr so vor­stel­len wie vom Frie­dens­en­gel hin­un­ter zur Isar“, er­klärt der jun­ge Münch­ner.

Von hin­ten rum­pelt ein schwe­rer Last­wa­gen her­an. Um mög­lichst viel Ab­stand zu hal­ten, steu­ert To­bi­as auf dem re­la­tiv en­gen Radl­weg nach rechts. Da­bei kommt er mit dem Rei­fen seit­lich ge­gen den Rand­stein, ver­reißt den Len­ker und ge­rät ins Strau­cheln – ge­nau in je­nem Mo­ment, als der Las­ter an ihm vor­bei­fährt. „Es ist al­les wahn­sin­nig schnell ge­gan­gen“, er­in­nert sich To­bi­as. „Ir­gend­wie bin ich ge­gen den Las­ter ge­kippt, zu Bo­den ge­ris­sen und un­ter ihn ge­zo­gen wor­den. Dann ha­be ich ge­spürt, dass min­des­tens ein Rei­fen über mein Bein ge­rollt ist.“

Aber Schmer­zen ver­spürt To­bi­as zu­nächst nicht, er steht un­ter Schock. „Ich ha­be nur in­stink­tiv ver­sucht, mei­ne Ze­hen zu be­we­gen. Das ging. Auch mei­ne Wir­bel­säu­le schien o.k. zu sein. Das hat mich erst mal et­was be­ru­higt.“

In­zwi­schen sind der ge­schock­te Last­wa­gen­fah­rer, an­de­re Au­to­fah­rer und Pas­san­ten zu Hil­fe ge­eilt. Der San­ka bringt den ver­letz­ten Rad­ler ins Spi­tal. Dort ver­su­chen die Ärz­te, den Bruch ein­zu­rich­ten, an­schlie­ßend gip­sen sie sein Bein ein. Ei­ne so­for­ti­ge Ope­ra­ti­on er­scheint als nicht sinn­voll, denn das Ge­we­be ist noch zu stark ge­schwol­len.

Mit sei­nem Gips­bein reist der jun­ge Münch­ner nach Hau­se, um sich im Kli­ni­kum rechts der Isar wei­ter­be­han­deln zu las­sen. „Wir ha­ben uns da­für ent­schie­den, den Kno­chen mit ei­nem Fixa­teur zu sta­bi­li­sie­ren“, be­rich­tet der Chef der Un­fall­chir­ur­gie, Pro­fes­sor Dr. Pe­ter Bi­bertha­ler. Das ist ei­ne Art Spe­zi­al­schie­ne mit Hal­tes­tan­gen aus Kar­bon. „Sie wer­den durch klei­ne Haut­schnit­te mit spe­zi­el­len Bohr­ma­schi­nen vor­sich­tig im Kno­chen ver­an­kert. Die Stan­gen hal­ten den Kno­chen in sei­ner ana­to­mi­schen Po­si­ti­on.“Ver­ein­facht aus­ge­drückt: Mit­hil­fe der Stan­gen blei­ben die Kno­chen­stü­cke dort, wo sie hin­ge­hö­ren – so­lan­ge, bis sie wäh­rend ei­ner Ope­ra­ti­on mit­ein­an­der ver­schraubt wer­den. „Un­ser Ziel ist, die Zeit zu über­brü­cken, bis das ver­letz­te Weich­teil­ge­we­be ab­ge­schwol­len ist“, er­läu­tert Prof. Bi­bertha­ler. „Das ist un­ter an­de­rem des­halb wich­tig, um das In­fek­ti­ons­ri­si­ko bei der OP so ge­ring wie mög­lich zu hal­ten.“

Das Grund­prin­zip des Fixa­teurs hat sich be­reits über vie­le Jahr­zehn­te be­währt, in­zwi­schen ha­ben die Un­fall­chir­ur­gen aber viel aus­ge­reif­te­re Wei­ter­ent­wick­lun­gen zur Ver­fü­gung. Das mo­der­ne Mo­dell, das bei To­bi­as’ Ver­let­zung ein­ge­setzt wird, er­laubt ei­ne ex­ak­te Jus­tie­rung der Hal­tes­tan­gen. Der gro­ße Vor­teil der Tech­nik: Schä­den am um­lie­gen­den Ge­we­be und am Knor­pel las­sen sich da­mit so ge­ring wie mög­lich hal­ten. Über­haupt sind die Hei­lungs­chan­cen selbst nach so schwe­ren Trüm­mer­brü­chen wie bei To­bi­as ge­wal­tig ge­stie­gen. „Noch im 19. Jahr­hun­dert wä­re je­der zwei­te Pa­ti­ent dar­an ge­stor­ben“, weiß Un­fall­chir­urg Bi­bertha­ler. Ei­ne der ge­fürch­te­ten Kom­pli­ka­tio­nen: das so­ge­nann­te Kom­part­ment­syn­drom. Da­bei schwillt das Ge­we­be stark an, kann sich aber un­ter ei­nem Ver­band oder Gips nicht aus­deh­nen. So steigt der Druck, und es dro­hen schwe­re Schä- den am Ge­we­be. Heu­te ha­ben die Ärz­te viel Know­how und Tech­ni­ken, um ei­ne sol­che Not­fall­si­tua­ti­on in den Griff zu be­kom­men. So er­setzt der Fixa­teur zum Bei­spiel ei­nen star­ren Gips. Das Ein­set­zen ist für den Pa­ti­en­ten schmerz­los, To­bi­as be­kam da­für ei­ne so­ge­nann­te Spi­nal­a­n­äs­the­sie. Da­bei wird der Kör­per un­ter­halb des Be­ckens be­täubt. Es gibt al­ler­dings auch vie­le Pa­ti­en­ten, die ei­ne Voll­nar­ko­se be­vor­zu­gen.

Nun war­tet To­bi­as auf sei­ne ei­gent­li­che Ope­ra­ti­on. So­bald sich die Schwel­lung aus­rei­chend zu­rück­ge­bil­det hat, wer­den die Ärz­te den zer­trüm­mer­ten Kno­chen mit spe­zi­el­len Schrau­ben und Plat­ten zu­sam­men­fli­cken. Klei­ne­re Kno­chen­par­ti­kel wer­den mit­hil­fe von Spü­lun­gen ent­fernt. Das ist wich­tig, da­mit die teils scharf­kan­ti­gen Brö­sel kei­ne wei­te­ren Schä­den an Knor­pel und Weich­teil­ge­we­be an­rich­ten kön­nen.

„Bei nor­ma­lem Hei­lungs­ver­lauf kann To­bi­as sein Bein in ei­ni­gen Mo­na­ten wie­der voll be­las­ten“, sagt Prof. Bi­bertha­ler. Für sei­nen jun­gen Pa­ti­en­ten ei­ne tol­le Nach­richt: „Ich hat­te Glück im Un­glück. Nicht aus­zu­den­ken, was wohl pas­siert wä­re, wenn der Las­ter mehr als mein Bein er­wischt hät­te ...“

Fo­to: dpa Fo­tos: Philipp Gül­land

Welt-Aids-Tag: Am 1. De­zem­ber in­for­miert die Stadt über die Krank­heit To­bi­as mit sei­nem Fixa­teur: Die Kar­bon­stä­be sind im Kno­chen ver­an­kert (sie­he Rönt­gen­bild links), um ihn zu sta­bi­li­sie­ren. So blei­ben die Kno­chen­stü­cke bis zur OP in der rich­ti­gen Po­si­ti­on

Prof. Dr. Pe­ter Bi­bertha­ler (oben) er­klärt tz-Re­por­ter Andre­as Beez mo­der­ne OPTech­ni­ken

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.