So schnell kommt es zum Dra­ma

Der Sohn ver­klagt Arzt auf 150 000 € Schmer­zens­geld

tz - - ERSTE SEITE - ANDRE­AS THIE­ME

Am En­de sei­nes Le­bens husch­te Hein­rich S. († 82) nur noch sel­ten ein Lä­cheln übers Ge­sicht. Sein Zu­stand war schlimm: Ar­me und Bei­ne konn­te er in­fol­ge ei­ner Läh­mung nicht mehr be­we­gen. Das Spre­chen war un­mög­lich, auch auf Rei­ze re­agier­te der Se­ni­or nicht mehr. Gur­te fi­xier­ten ihn ans Bett, wo er Schmer­zen und Atem­not er­trug – ge­fan­gen in sei­nem de­men­ten Kör­per, die See­le war längst de­pres­siv. Denn ster­ben durf­te Hein­rich S. trotz lan­ger Krank­heit nicht: Sein Haus­arzt hielt ihn mit ei­ner Ma­gen­son­de über Mo­na­te künst­lich am Le­ben. Län­ger, als es me­di­zi­nisch zu ver­tre­ten war? Das glaubt der Sohn – und ver­klag­te den Arzt. Der ha­be sei­nem Va­ter nur un­nö­ti­ges Leid zu­ge­fügt – und dar­an so­gar noch ver­dient.

Ein hef­ti­ger Vor­wurf, mit dem sich seit ges­tern das Land­ge­richt be­schäf­tigt. 150 000 Eu­ro Schmer­zens­geld for­dert Hein­rich S. (57) dort – er heißt ge­nau so wie sein Va­ter, der am 8. Ok­to­ber 2011 ver­stor­ben ist. Über des­sen Zu- stand sag­te ein Gut­ach­ter ges­tern: „Es war kei­ne Ver­bes­se­rung mehr in Sicht – son­dern nur zu er­war­ten, dass das Schlech­ter­wer­den ver­lang­samt wird.“Und wei­ter: „Mit sei­nen Lei­den war er ein be­dau­erns­wer­ter Mensch.“Nur: Wann ist das Le­ben nicht mehr le­bens­wert? Das ist die zen­tra­le Fra­ge im Pro­zess. Hein­rich S. ging es sehr schlecht – das ist un­strit­tig. „Aber ich ha­be vie­le Pa­ti­en­ten er­lebt, die trotz­dem ei­nen enor­men Le­bens­wil­len hat­ten“, sagt der Gut­ach­ter. Nur der Pa­ti­ent selbst kön­ne ent­schei­den, ob er wei­ter­le­ben will. Da­zu konn­te sich Hein­rich S. aber nicht mehr äu­ßern – auch ei­ne Pa­ti­en­ten­ver­fü­gung (sie­he Kas­ten) hat­te er nicht ver­fasst. Al­so ent­schied der Arzt in Ab­spra­che mit dem Be­treu­er, Hein­rich S. ei­ne Ma­gen­son­de ein­zu­set­zen – ob­wohl die An­ge­hö­ri­gen das nicht woll­ten. „Er wä­re sonst am Ent­zug der Ernährung ver­stor­ben“, er­klärt der Gut­ach­ter. Der Sohn ist wü­tend: „Die Maß­nah­me wur­de trotz un­se­rer Ein­wän­de durch­ge­setzt. War­um durf­te mein Va­ter nicht ster­ben“, fragt er – und for­dert nun auch die Be­hand­lungs­kos­ten über 52 600 Eu­ro zu­rück. Hat der Arzt Un­recht ge­tan, weil er nach Be­rufs­stan­dards han­del­te? Klä­ger­an­walt Wolf­gang Putz sagt: „Es wur­de ei­ne fach­ärzt­li­che Leit­li­nie für künst­li­che Ernährung miss­ach­tet.“Die­se ist aber nicht ge­setzt­lich ge­schützt. Und: Bis­her hat noch kein Ge­richt hin­rei­chend ge­klärt, ob Ärz­te das Le­ben von Schwer­kran­ken ge­gen den Wil­len von An­ge­hö­ri­gen ver­län­gern dür­fen. Am Land­ge­richt könn­te sich das dem­nächst än­dern.

Fo­tos: Jantz

Hein­rich S. (57, gr. Fo­to) for­dert Scha­dens­er­satz, weil sein kran­ker Va­ter (oben) künst­lich am Le­ben ge­hal­ten wur­de, ob­wohl die Fa­mi­lie das nicht woll­te. Rechts­an­walt Wolf­gang Putz führt die Zi­vil­kla­ge am Land­ge­richt

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