Ein Le­ben zwi­schen Angst und Cho­le­ra

tz - - REPORT - DORIT CASPARY

Über­all auf Hai­ti gibt es seit dem Erd­be­ben 2010 po­ten­zi­el­le Not­un­ter­künf­te – Kir­chen, Schu­len und öf­fent­li­che Ge­bäu­de, die so ge­baut sind, dass es bei ei­ner wei­te­ren Na­tur­ka­ta­stro­phe zu­min­dest ei­ni­ge Zufluchts­or­te für die Men­schen gibt. Ei­ne die­ser Not­un­ter­künf­te in Cap Hai­ti­en, der zweit­größ­ten Stadt des In­sel­staa­tes, ist die evan­ge­li­sche Kir­che Ta­ber­na­cle de Louan­ges. Dort, wo sonst Gläu­bi­ge ih­rem Pfar­rer zu­hö­ren und Got­tes­diens­te fei­ern, drän­gen sich jetzt über 1000 Men­schen auf den über­dach­ten Be­ton­stu­fen. Der Stark­re­gen der ver­gan­ge­nen Ta­ge hat Häu­ser zer­stört, Hüt­ten weg­ge­schwemmt und die Stadt im Nor­den des Lan­des un­ter Was­ser ge­setzt. Die Stra­ßen glei­chen Was­ser­ka­nä­len, über­all setzt sich der Schlamm an den Häu­sern ab. Ver­mischt mit den Müll­ber­gen, die sich in Grä­ben und Gas­sen ge­sam­melt ha­ben. Ta­ber­na­cle de Louan­ges liegt auf ei­ner An­hö­he, so bleibt das Ge­bäu- de von den Was­ser­mas­sen ver­schont. Wir tref­fen Alio­na Lou­d­ri­ge. Zwei Stu­fen auf ei­ner Län­ge von 1,50 Me­ter be­legt sie mit ih­ren sie­ben Kin­dern. Dicht an dicht sit­zen die Fa­mi­li­en auf den Stu­fen. Die Kir­che be­fin­det sich noch halb im Bau: Ge­rüs­te, feh­len­de Ge­län­der, un­dich­te De­cken. Im­mer­hin sind die Schutz­su­chen­den hier in Si­cher­heit. Ge­schla­fen wird auf dem blan­ken Bo­den zwi­schen ein paar Klei­dungs­stü­cke, die auch als De­cken in der Nacht die­nen. Die meis­ten Sa­chen sind Spen­den. Bit­te­re Iro­nie des Schick­sals: Die Ge­mein­de hat­te nach dem Hur­ri­kan Mat­t­hew zu Spen­den für die be­son­ders schlimm be­trof­fe­nen Ge­bie­te im Sü­den auf­ge­ru­fen. Der Ab­trans­port soll­te ge­ra­de er­fol­gen, als im Nor­den der Stark­re­gen ein­setz­te. Jetzt be­kom­men die Men­schen teil­wei­se so­gar ih­re ei­ge­nen Klei­der­spen­den zu­rück. „Un­se­re Sa­chen sind al­le weg, auch mein klei­ner La­den. Die Sei­ten­wand un­se­res Hau­ses wur­de ein­fach ein­ge­ris­sen, und wir stan­den im Re­gen“, er­zählt die 34-jäh­ri­ge Alio­na Lou­d­ri­ge . Auch die Wa­ren, die Cra­cker und an­de­ren Le­bens­mit­tel sind weg. Zu­nächst ver­such­te sie ihr Haus mit ei­ner Plas­tik­pla­ne noch ein­mal re­gen­fest zu be­kom­men. Doch auch die­se wur­de weg­ge­ris­sen. „Wir sind uns wie in ei­ner Nuss­scha­le vor­ge­kom­men, die das Was­ser ein­fach da­von­trägt.“

Wie es wei­ter­geht? „Das weiß ich auch nicht. Die Kin­der den­ken noch, wir wä­ren we­gen ei­ner re­li­giö­sen Ver­an­stal­tung hier und kön­nen bald wie­der nach Hau­se. ich weiß auch nicht, wie wir das schaf­fen sol­len.“Der Va­ter der Fa­mi­lie hat sich aus dem Staub ge­macht. Wie so vie­le Män­ner in Hai­ti. Ei­ne Un- ter­halts­pflicht für die Kin­der gibt es nicht. Weg ist ein­fach weg.

Die nächs­ten Ta­ge wer­den die Lou­d­ri­ges wei­ter in der Kir­che ver­brin­gen. Sie hof­fen, dass die Nach­bar­schaft mit Es­sen aus­hilft. Dass sie dann ge­mein­sam das Haus wie­der auf­bau­en kön­nen. Bis­lang weiß kei­ner, wann das sein wird. Am meis­ten sorgt sich die Mut­ter um ihr Jüngs­tes. Sie kann we­gen ei­ner Ent­zün­dung nicht mehr stil­len, und das Mäd­chen ist erst fünf Mo­na­te alt. Für Ba­by­nah­rung fehlt das Geld. Angst hat sie auch, dass sich ei­nes ih­rer Kin­der in der Not­un­ter­kunft mit Cho­le­ra in­fi­ziert. „Es sind so vie­le von uns und so we­ni­ge Toi­let­ten, und dann all der Dreck“, sagt Alio­na. Mit Me­ga­fo­nen ge­hen die Mit­ar­bei­ter der Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen durch die Rei­hen und su­chen nach Kran­ken, sie in­stal­lie­ren so­ge­nann­te Was­ser­punk­te: Zum ei­nen gibt es an den sechs Stel­len sau­be­res Was­ser aus Ei­mern mit Zapf­hahn, zum an­de­ren zei­gen die Hy­gie­ne­spe­zia­lis­ten, wie man mit­hil­fe von Chlor­ta­blet­ten Was­ser keim­frei macht. Die Or­ga­ni­sa­to­ren der Not­un­ter­kunft er­hal­ten Me­di­ka­men­te für de­hy­drier­te Kin­der, wer­den dar­über auf­ge­klärt, je­den Cho­le­ra-Fall so­fort zu mel­den.

Unicef und Ox­fam su­chen wei­ter nach Durch­fall­kran­ken. Erst nach ei­ner Wei­le traut sich ein ein­zel­ner Mann auf­zu­ste­hen. Er wird um­ge­hend zum Arzt in ei­ne Cho­le­ra-Sta­ti­on ge­bracht, muss den Rest sei­ner Fa­mi­lie al­lei­ne in der Kir­che zu­rück­las­sen. Viel­leicht ist es nur ein Fehl­alarm, hof­fen sei­ne Lie­ben.

Ein Cho­le­ra-Aus­bruch im Not­camp wä­re fa­tal. 1000 Men­schen und drei Toi­let­ten, die nur über ei­nen dunk­len Gang er­reich­bar sind. Des­halb möch­ten die meis­ten Fa­mi­li­en so schnell es geht wie­der nach Hau­se. Auch wenn dort nur ein Haus oh­ne Wand und Dach wie bei Alio­na Lou­d­ri­ge war­tet.

Unicef in­stal­liert Was­ser­sta­tio­nen Die Kir­che Ta­ber­na­cle Louan­ges be­fin­det sich im Bau, das halb fer­ti­ge Dach bie­tet ein biss­chen Schutz

Der star­ke Dau­er­re­gen in Cap Hai­ti­en setzt den Men­schen zu

Fo­tos: M. Brad­ley

Ihr Zu­hau­se sind jetzt zwei Be­ton­stu­fen: Alio­na Lou­d­ri­ge und ih­re sie­ben Kin­der

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