Das Ver­sa­gen der Po­lit­be­ra­ter

Bri­san­tes Buch kri­ti­siert Ex­per­ten

tz - - REPORT - Frank Nies­sen Buch­au­tor und Volks­wirt IN­TER­VIEW: MARC KNIEPKAMP

Nicht nur Po­li­ti­ker und Me­di­en ste­hen eu­ro­pa­weit im Kreuz­feu­er der Kri­tik vie­ler Bür­ger. Auch die Ex­per­ten, die als Be­ra­ter der Po­li­tik gro - ßen Ein­fluss ha­ben, ste­hen un­ter Be­schuss. Der Au­tor Frank Nies­sen pro­mo- vier­te mit ei­ner Ar­beit zum Ver­hält­nis von Öko­no­mie und Öko­lo­gie – und be­kam da­bei sei­ne Zwei­fel an der Ar­beits­wei­se der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten. Das Er­geb­nis: Sein Buch „Ent­mach­tet die Öko­no­men!“(Tec­tum Ver­lag).

Die Ge­sell­schaft steckt viel Geld in die Aus­bil­dung von Öko­no­men – war­um wol­len Sie die­se jetzt ent­mach­ten?

Frank Nies­sen: Weil die meis­ten Öko­no­men trotz des vie­len Gel­des nicht da­zu in der La­ge sind, die tie­fe­ren Ur­sa­chen un­se­rer Wirt­schafts­kri­sen rich­tig zu er­fas­sen, ge­schwei­ge denn Ent­schei­den­des zur Über­win­dung die­ser Kri­sen bei­zu­tra­gen. So ge­se­hen könn­te man fast schon von ei­ner Ver­schwen­dung von Steu­er­gel­dern spre­chen.

War­um ge­lingt es der Wis­sen­schaft nicht, gro­ße Kri­sen vor­her­zu­se­hen?

Nies­sen: Da­für ma­che ich zwei Din­ge ver­ant­wort­lich. Zum ei­nen ei­fern Öko­no­men un­sin­ni­ger Wei­se der Me­tho­dik von Ma­the­ma­tik und Na­tur­wis­sen­schaf­ten nach. Sie tref­fen theo­re­ti­sche An­nah­men und kon­stru­ie­ren auf de­ren Ba­sis hau­fen­wei­se For­meln und Mo­del­le, die al­le­samt sehr abs­trakt sind, die mit der er­fahr­ba­ren Rea­li­tät aber mit­un­ter nur sehr we­nig zu tun ha­ben. Zum zwei­ten for­schen die al­ler­meis­ten Öko­no­men mit ideo­lo­gi­schen Scheu­klap­pen. Da­mit mei­ne ich, dass sie be­stimm­te Struk­tu­ren, auf de­nen un­ser Wirt­schafts­sys­tem fußt, nicht hin­ter­fra­gen. Das Pri­vat­ei­gen­tum, das Ge­winn- und Wachs­tums­stre­ben, der Markt­me­cha­nis­mus und un­ser zins- und kre­dit­ba­sier­tes Geld­sys­tem wer­den von den füh­ren­den Öko­no­men ein­fach als ge­ge­ben oder gar als na­tür­lich an­ge­nom­men. So­mit stüt­zen die füh­ren­den Öko­no­men das herr­schen­de Wirt­schafts­sys­tem, und es kommt ih­nen gar nicht erst in den Sinn, die ge­nann­ten Sys­tem­merk­ma­le selbst als mög­li­che Kri­sen­ur­sa­chen in Be­tracht zu zie­hen. Je nach po­li­ti­scher Po­si­ti­on mag man die­se Sys­tem­treue be­grü­ßen oder be­dau­ern. Vom Standpunkt der wis­sen­schaft­li­chen Wahr­haf­tig­keit aus be­trach­tet, ist das aber auf je­den Fall pro­ble­ma­tisch.

War­um hört die Po­li­tik denn im­mer noch auf den Rat der­sel­ben Öko­no­men, die zu­vor ver­sagt ha­ben?

Nies­sen: Weil die Po­li­ti­ker kei­ne Al­ter­na­ti­ven ha­ben. An den Unis gibt es kei­ne gro­ße Viel­falt an theo­re­ti­schen Sicht­wei­sen und For­schungs­an­sät­zen, so­dass man kaum zwi­schen ver­schie­de­nen öko­no­mi­schen Be­ra­tern wäh­len könn­te.

Der Ti­tel „Wis­sen­schaft“ver­leiht den Volks­wir­ten neu­tra­le Au­to­ri­tät. War­um spre­chen Sie das den Öko­no­men ab?

Nies­sen: Wer beim Ver­such, Kri­sen zu ver­ste­hen, sämt­li­che sys­tem­be­ding­ten Ur­sa­chen aus­blen­det, der ist nicht un­vor­ein­ge­nom­men und neu­tral, der be­treibt al­so kei­ne wahr­haf­ti­ge Wis­sen­schaft. Da­bei un­ter­stel­le ich un­se­ren Öko­no­men üb­ri­gens kei­ne bö­sen Ab­sich­ten. Das hat et­was mit Ge­wohn­hei­ten und so­zia­len Nor­men zu tun.

Wä­re ei­ne Welt oh­ne Ar­mut und Um­welt­zer­stö­rung denk­bar?

Nies­sen: Selbst­ver­ständ­lich. Rein öko­no­misch be­trach­tet wä­re das über­haupt kein Pro­blem. Al­ler­dings müss­te da­zu das be­ste­hen­de Wirt­schafts­sys­tem ge­än­dert wer­den. Denn Ge­winn­stre­ben und Wachs­tum las­sen sich auf Dau­er un­mög­lich mit dem Er­halt un­se­rer na­tür­li­chen Res­sour­cen ver­ein­ba­ren. Wir müs­sen ler­nen, uns in Gren­zen zu or­ga­ni­sie­ren und den be­ste­hen­den Reich­tum ge­rech­ter zu ver­tei­len.

War­um ra­ten Öko­no­men der Po­li­tik nicht zu ech­ten Ve­rän­de­run­gen?

Nies­sen: Die meis­ten Öko­no­men sind sich ih­rer ideo­lo­gi­schen Denk­schran­ken wohl nicht be­wusst. Den we­ni­gen Öko­no­men, de­nen der Per­spek­ti­ven­wech­sel ge­lingt, droht das Au­ßen­sei­ter­tum und da­mit der Ver­lust ih­rer wis­sen­schaft­li­chen Re­pu­ta­ti­on.

Fo­to: dpa

Um­welt­pro­blem Luft­ver­schmut­zung: Was tau­gen die Lö­sungs­vor­schlä­ge der Öko­no­men?

Fo­tos: Keysto­ne/Ar­gus

Wach­sen­de Ar­mut – kei­ne Lö­sun­gen

Öko­no­men ha­ben die Fi­nanz­kri­se nicht kom­men se­hen

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