Das war mal un­ser Zu­hau­se

Im Süd­wes­ten Hai­tis hat Hur­ri­kan Mat­t­hew am schlimms­ten ge­wü­tet

tz - - REPORT -

Hier stand ein­mal das Haus von Je­an-Ser­ge Re­my. Es war eher ein Ver­schlag aus Well­blech, Palm­we­del, Bret­tern. Aber ein Zu­hau­se, sein Zu­hau­se und das sei­ner Fa­mi­lie seit vie­len Ge­ne­ra­tio­nen. Schon das Erd­be­ben 2010 setz­te der Hüt­te emp­find­lich zu. „Da hat­ten wir aber Glück, es war nicht so schlimm wie bei vie­len an­de­ren, wir ha­ben über­lebt und sind da­von ge­kom­men“, er­zählt der 48-Jäh­ri­ge. Hur­ri­kan Mat­t­hew such­te das Dorf in der Nä­he der Be­zirks­haupt­stadt Je­re­mie ganz im Süd­wes­ten von Hai­ti weit schlim­mer heim. Kei­ne Wand steht mehr von Re­mys Hüt­te, die Ein­zel­tei­le lie­gen ver­teilt zwi­schen aus­ge­ris­se­nen Bäu­men, St­ein­bro­cken und auf­ge­schlitz­ten Well­blech­res­ten. Hier ein ein­zel­ner Schuh, da ein Stück blau-weiß ka­rier­te Schul­uni­form, dort ein ro­tes Spiel­zeug­au­to. Da­zwi­schen der ehe­ma­li­ge Ess­tisch und der Holz­stuhl. Nichts ist mehr zu ge­brau­chen.

Je­an-Ser­ge Re­my ist in dem Stra­ßen­dorf Ka­fou Kan­zon, ei­nem von vie­len Vo­r­or­ten von Je­re­mie, ge­bo­ren und auf­ge­wach­sen. Es ist sei­ne Hei­mat. Die meis­te Zeit ver­bringt er aber in Port au Prin­ce. Der Fa­mi­li­en­va­ter ist Vor­ar­bei­ter auf dem Bau. In der Haupt­stadt be­kommt er mehr Jobs. Dort sind auch sei­ne drei Kin­der bei Ver­wand­ten un­ter­ge­bracht. Ir­gend­wann möch­te er aber wie­der ganz zu­rück in den Süd­wes­ten. „Das ist ein ganz an­de­rer Zu­sam­men­halt hier auf dem Land.“Ge­ra­de jetzt nach Mat­t­hew zei­ge sich das be­son­ders gut. Al­le Män­ner des Dor­fes, die ge­ra­de ein we­nig Zeit ha­ben, fin­den sich Tag für Tag vor der Kir­che des Got- tes und der Bi­bel ein. Der Sturm hat den kom­plet­ten Dach­stuhl des Ge­bäu­des zer­stört und die Front­sei­te zer­fetzt.

Die Kir­che ist für die Men­schen mehr als nur ein Got­tes­haus, sie ist re­gel­mä­ßi­ger Treff­punkt der Dorf­be­woh­ner, aber auch Grund­schu­le für die Kin­der des Or­tes. „Uns ist es wich­tig, dass die Kin­der wie­der ein Stück Nor­ma­li­tät be­kom­men. Und sie müs­sen ler­nen kön­nen. Wer nicht lernt, hat ver­lo­ren“, sagt Re­my. Je­der im Dorf hat für den Wie­der­auf­bau so viel ge­ge­ben, wie er er­üb­ri­gen konn­te. Man­che ein paar Cent, man­che ein paar Hun­dert US-Dol­lar. In­ge­samt hat die Ge­mein­de so 2500 US-Dol­ler ge­sam- melt und da­von Bau­ma­te­ri­al ge­kauft. Ein Pro­blem: „Seit Mat­t­hew sind die Prei­se für Holz, Blech und Ze­ment um mehr als 20 Pro­zent ge­stie­gen.“Zu­min­dest die Ar­beit kann in Ei­gen­re­gie eh­ren­amt­lich er­le­digt wer­den. In Ka­fou Kan­zon gibt es für al­les ei­nen Spe­zia­lis­ten.

Was sie nicht lö­sen kön­nen: das Pro­blem mit dem sau­be­ren Was­ser. Der Fluss ist durch die Dreck­mas­sen, den Müll und die Schlamm­la­wi­nen so schmut­zig und keim­be­las­tet, dass er nicht als Trink­was­ser ge­eig­net ist. Die Qu­el­le ist eben­falls ver­un­rei­nigt. Dör­fer wie Ka­fou Kan­zon ver­sorgt Unicef bei­spiel­wei­se mit gro­ßen Was­ser­sä­cken. Sie er­in­nern ein we­nig an Hüpf­kis­sen. Mit ei­ner Pum­pe wird das Was­ser erst aus dem Fluss­bett ge­saugt, dann durch ei­nen Chlor­fil­ter ge­schickt und lan­det schließ­lich in den 5000-Li­ter-Sä­cken. Von de­nen ge­hen Lei­tun­gen zu Zapf­stel­len, wo die Be­woh­ner Was­ser ho­len kön­nen. „Oh­ne die­ses Was­ser wä­ren wir ver­lo­ren“, so Je­an-Ser­ge Re­my.

Für die­sen Tag be­en­den die Män­ner ih­re Ar­beit an der Kir­che. Es däm­mert, und Strom gibt es in fast kei­nem Haus­halt mehr. Mor­gen wird wei­ter­ge­baut. In­ner­halb von neun Ta­gen soll die Kir­che fer­tig sein. „Wir kön­nen das Haus dann auch als Not­un­ter­kunft nut­zen, falls es wie­der so schlimm reg­net oder der nächs­te Hur­ri­kan kommt.“

Fo­tos: M. Brad­ley

Hier stand bis vor ein paar Wo­chen das Haus von Je­anSer­ge Re­my und sei­ner Fa­mi­lie. Hur­ri­kan Mat­t­hew hat es dem Erd­bo­den gleich­ge­macht

Fluss­was­ser wird durch ei­ne Rei­ni­gungs­an­la­ge in Kunst­stoffsä­cke ge­pumpt. Unicef baut die An­la­ge dort auf, wo es kein sau­be­res Was­ser gibt, so wie in Ka­fou Kan­zon. Dort hel­fen al­le zu­sam­men und bau­en die Kir­che und Schu­le des Dorfs auf (un­ten)

Je­an-Ser­ge Re­my zeigt Do­rit Cas­pa­ry sein zer­stör­tes Heim

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