„Wer nicht geht, wird ver­nich­tet“

tz - - POLITIK - BW

Die sy­ri­sche Ar­mee zog ges­tern, zwei Wo­chen nach Be­ginn der Of­fen­si­ve auf das nord­sy­ri­sche Aleppo, die Sch­lin- ge um die rest­li­chen Re­bel­len­ge­bie­te in den öst­li­chen Stadt­tei­len im­mer en­ger zu­sam­men. Ira­ni­sche Mi­li­zen un­ter- stüt­zen die Ak­ti­on, sy­ri­sche und rus­si­sche Kampf­flug­zeu­ge über­zie­hen die Re­bel­len­quar­tie­re seit 14 Ta­ge gna­den­los mit Bom­ben­tep­pi­chen. We­der Schu­len noch Kran­ken­häu­ser wur­den ver­schont. Seit 15. No­vem­ber wur­den nach Schät­zung der Beobach­tungs­stel­le mehr als 500 Zi­vi­lis­ten ge­tö­tet, dar­un­ter min­des­tens 33 Kin­der. Die Kämp­fe trie­ben bin­nen vier Ta­gen mehr als 70 000 Zi­vi­lis­ten in die Flucht. UN-Not­hil­fe­ko­or­di­na­tor Ste­phen O’Bri­en warn­te bei ei­ner Stahl­wan­nen un­ter den Lkw-Rei­se­zü­gen, auf zu­gi­gen Dreh­ge­stel­len und ei­ni­ge so­gar auf Zug­dä­chern wag­ten ( tz be­rich­te­te) . Sie ka­men auf den Münch­ner Ran­gier­bahn­hö­fen in Berg am Laim und Feld­moching an. Tau­sen­de war­ten of­fen­bar im Sü­den auf ei­ne sol­che ris­kan­te Mit­fahr­ge­le­gen­heit. Sit­zung des UN-Si­cher­heits­ra­tes,Aleppo kön­ne sich in ei­nen „gi­gan­ti­schen Fried­hof“ver­wan­deln. Die ein­ge­schlos­se­nen Men­schen wür­den seit fast 150 Ta­gen be­la­gert und könn­ten nun „nicht viel län­ger“über­le­ben.

Ei­ne Feu­er­pau­se zur hu­ma­ni­tä­ren Ver­fol­gung schei­ter­te ein wei­te­res Mal am Ve­to Russ­lands, dem wich­tigs­ten Ver­bün­de­ten des sy­ri­schen Staats­chefs Ba­schar al-As­sad. Man kön­ne nicht auf die Hil­fe­ru­fe aus Aleppo re­agie­ren, „weil Russ­land es nicht will“, so der bit­te­re Kom­men­tar der US-Bot­schaf­te­rin bei den UN, Sa­man­tha Po­wer.

As­sad will den ge­schätzt 200 000 ver­blie­be­nen Un­ter­ta­nen in Ost-Aleppo gar kei- ne Hil­fe zu­kom­men las­sen, son­dern sie ver­trei­ben. Laut Zeit On­line for­der­te er die Bür­ger mit Flug­blät­tern auf: „Wenn Ihr die­se Ge­bie­te nicht so­fort ver­lasst, wer­det Ihr ver­nich­tet. Wir ha­ben Kor­ri­do­re ge­öff­net. Ent­schei­det Euch und ret­tet Euch“.

Im No­vem­ber sind Hilfs­lie­fe­run­gen fast kom­plett ge­schei­tert. Nach An­ga­ben der UN ha­ben nur acht Pro­zent der Ein­ge­schlos­se­nen Nah­rung, Me­di­ka­men­te und Was­ser er­hal­ten. „Die Ver­zweif­lung war noch nie so groß. Die Men­schen sind mü­de, un­ter­ernährt und oh­ne je­de Hoff­nung.“

Aus Ost-Aleppo ist das ers­te Flucht­ziel der re­gime­treue West­teil der Stadt – der al­ler­dings re­gel­mä­ßig von Re­bel­len an­ge­grif­fen wird. Ins­ge­samt be­her­ber­gen die Vier­tel im Wes­ten Alep­pos 400 000 Flücht­lin­ge. 700 000 Ein­woh­ner ha­ben sich fürs Ers­te in an­de­re Städ­te im Land ge­ret­tet.

Unicef-Chef Chris­ti­an Schnei­der be­rich­tet, ei­ne hal­be Mil­li­on Kin­der leb­ten in 16 be­la­ger­ten Or­ten in Sy­ri­en un­ter stän­di­gem Be­schuss oder un­ter schwie­rigs­ten hu­ma­ni­tä­ren Be­din­gun­gen. Der Weg in die Tür­kei bleibt den Men­schen, die ihr Heil dort oder gar in Eu­ro­pa su­chen wol­len, aber ver­wehrt. Ankara hat an der Gren­ze längst Zäu­ne er­rich­tet und im Früh­jahr so­gar Selbst­schuss­an­la­gen. Der­zeit ist ei­ne Mau­er im Bau.

Grenz­be­fes­ti­gun­gen der Tür­kei, der im­mer noch funk­tio­nie­ren­de EU-Flücht­lings­de­al, wei­te­re Grenz­zäu­ne ent­lang der Bal­kan­rou­te, die ei­ne fak­ti­sche Schlie­ßung be­deu­ten – zu­sätz­li­che na­tio­na­le Grenz­kon­trol­len: Mer­kels Wei­ge­rung, das Wort Ober­gren­ze aus­zu­spre­chen, scheint im Lich­te all die­ser Ge­gen­maß­nah­men nicht mehr gar so ge­fähr­lich. Dass sich ein Zustrom von Hil­fe­su­chen­den nach Deutsch­land wie in der zwei­ten Jah­res­hälf­te 2015 wie­der­holt, ist we­nig wahr­schein­lich.

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