Lok­füh­rer ver­gisst Fahr­gäs­te

tz - - MÜNCHEN+REGION - AR­MIN GEI­ER

Ver­zwei­felt tippt An­ge­lo B. in sein Han­dy. „Wie komm ich jetzt nach Mün­chen?“, fragt er im­mer wie­der. Ja, der Ita­lie­ner, der seit über 30 Jah­ren in Bay­ern wohnt, ging ges­tern Vor­mit­tag durch die Pend­ler-Höl­le – wie vie­le Hun­der­te an­de­re auch. Nicht nur, dass er we­gen ei­ner Wei­chen­stö­rung gut zwei­ein­halb St­un­den für die Stre­cke von Markt Schwa­ben nach Mün­chen brauch­te. Nein – der Zug fuhr ihm bei ei­nem Zwi­schen­stopp in Grub (Kreis Ebers­berg) auch noch vor der Na­se weg. „Mit mei­ner Ta­sche. Dar­in sind mein Pass, all mei­ne Pa­pie­re und auch mei­ne Mes­ser!“Denn der Koch (47) hät­te ges­tern sei­nen ers­ten Ar­beits­tag in ei­nem Lo­kal ge­habt. Ja, hät­te…

Der ganz nor­ma­le Bahn­sinn be­ginnt um 9.12 Uhr in Markt Schwa­ben. Der Zug aus Mühl­dorf steht am Gleis. Ei­ne kur­ze Durch­sa­ge in­for­miert die Fahr­gäs­te: „Ei­ne Wei­chen­stö­rung bei Feld­kir­chen hat den Bahn- und S-Bahn-Ver­kehr völ­lig lahm­ge­legt.“Auch bei der S2 geht nix. Über ei­ne St­un­de har­ren die Pend­ler in dem rap­pel­vol­len Zug aus. Dann be­wegt er sich plötz­lich – rollt bis nach Grub. Dort am Bahn­hof stoppt der Zug­füh­rer au­ßer­plan­mä­ßig und sagt durch: „Es dau­ert min­des­tens noch ei­ne hal­be St­un­de. Ich weiß nicht, wann’s wei­ter­geht.“Ei­ni­ge Fahr­gäs­te stei­gen aus, um sich die Fü­ße zu ver­tre­ten, an­de­re schau­en am Ta­xi­stand, ob schon Er­satz­ver­kehr or­ga­ni­siert wur­de. Dann pas­siert es: Der Zug fährt plötz­lich los. Kei­ne Durch­sa­ge, kei­ne Zug­be­glei­te­rin steigt aus, um vor­her das Gleis zu prü­fen. An­ge­lo läuft noch nach, winkt – ver­ge­bens. „Mei­ne Ta­sche!“, ruft er. „War­um fährt der oh­ne uns los?“

Auch Ha­rald M. ist sau­er. Der To­n­in­ge­nieur war ei­ne der Per­so­nen, die schnell am Ta­xi­stand nach­schau­en woll­ten, ob es ei­ne Fahr­mög­lich­keit gibt: „Jetzt ste­hen wir hier bei mi­nus 10 Grad und der Lok­füh­rer hat uns ein­fach ver­ges- sen. Das gibt es doch nicht!“Gut 20 Mi­nu­ten dau­ert es, bis Ta­xis kom­men, um zu­min­dest bis Riem zu fah­ren. Dort geht es – nach wei­te­ren zwölf Mi­nu­ten War­ten – per S-Bahn zum Ost­bahn­hof. Um 11.45 Uhr steigt An­ge­lo dort aus und has­tet Rich­tung In­fo-Stel­le. „Hof­fent­lich hat je­mand mei­ne Ta­sche ab­ge­ge­ben.“Zwei­ein­halb St­un­den dau­ert nun schon sei­ne Odys­see. Was sagt die Bahn zu der Ak­ti­on? Man be­daue­re, dass in der Hek­tik Feh­ler ge­macht wur­den und die Rei­sen­den nicht gut in­for­miert wur­den, so Chris­toph Kral­ler, Ge­schäfts­füh­rer der Süd­ost­bay­ern­bahn. „Wir ent­schul­di­gen uns bei den be­trof­fe­nen Fahr­gäs­ten, die in Grub zu­rück­blie­ben und bit­ten sie, sich bei un­se­rem Kun­den­dia­log zu mel­den, da­mit wir al­les mit ih­nen re­geln kön­nen.“An­ge­lo will nur sei­ne Ta­sche wie­der. Im­mer­hin: Sein neu­er Ar­beit­ge­ber zeig­te Ver­ständ­nis fürs Zu­spät­kom­men.

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