Der hal­be Brück­ner

Volks­thea­ter: So ist Ib­sens „Sol­ness“in Stückls Ins­ze­nie­rung

tz - - KULTUR + TV - ALEX­AN­DER ALTMANN

Ja, er ist ein „kran­kes Ar­sch­loch“, die­ser Hal­vard Sol­ness, wie sei­ne Gat­tin tref­fend fest­stellt. Das steht­so­z­war­nicht­beiHen­rik Ib­sen, aber es passt auf den Ti­tel­hel­den sei­nes Künst­ler­dra­mas Bau­meis­ter Sol­ness (1892), das Haus­herr Chris­ti­an Stückl jetzt mit et­li­chen Text-Ak­tua­li­sie­run­gen im Volks­thea­ter­in­sze­nier­te. Für die Haupt­rol­le kehr­te der 38-jäh­ri­ge Film- und Fern­seh­star Ma­xi­mi­li­an Brück­ner wie­der ein­mal an den Ort zu­rück, wo sei­ne Kar­rie­re einst star­te­te.

Da sieht man ihn al­so zu Be­ginn als Star-Ar­chi­tek­ten Sol­ness in Fein­ripp-Un­ter­wä­sche auf dem Bo­den fla­cken und Pom­mes aus der Papp­schach­tel fres­sen, da­mit er gleich als prol­li­ger Auf­stei­ger er­kenn­bar ist. In gro­ßen wei­ßen Leucht­buch­sta­ben steht SOL­NESS an dem schi­cken Stahl-Glas-Pent­house sei­nes Bü­ros, wo er mit ei­ser­ner Hand re­giert: Die Mit­ar­bei­ter wer­den klein­ge­hal­ten, da­mit kei­ner ihn über­flü­gelt.

Selt­sam nur, dass ein so gu­ter, un­ge­heu­er prä­sen­ter Schau­spie­ler wie Brück­ner in die­ser Rol­le und Ins­ze­nie­rung wie ei­ne hal­be Fehl­be­set­zung wirkt. Sein Bau­meis­ter ist ein hy­per­mo­to­ri­scher, ein fie­ser, zwi­schen­durch lar­mo­yan­terC­ho­le­ri­ker. So­wird er zwar als rück­sichts­lo­ser Ell­bo­gen­kar­rie­rist halb­wegs glaub­haft, aber die Ge­bro­chen­heit des Cha­rak­ters bleibt lee­re Be­haup­tung. Die in­ne­ren Fa­cet­ten, die Ge­trie­ben­heit des an sich Lei­den­den kauft man die­sem rus­ti­ka­len Kraft­lackl nicht ab.

Stückl hat sich dies­mal wohl­tu­end im Zaum ge­hal­ten: Statt sei­ner Nei­gung zum saf­tig­ber­ser­kern­denBau­ern­thea­ter­zu frö­nen, in­sze­niert er ein für sei­ne Ver­hält­nis­se fast stren­ges Kam­mer­spiel – so klar und struk­tu­riert­wie­einBau­hausBun­ga­low. Das Er­geb­nis ist kei­ne hoch­sym­bo­lis­ti­sche Tra­gö­die über Schöp­fer­tum und Schuld, als die der Sol­ness­ger­ne­ge­ge­ben­wird, son­dern ein psy­cho­lo­gi­sches Be­zie­hungs­dra­ma, das durch leich­te Ten­den­zen zur Kla­mot­te so­gar von sei­ner all­zu tief­grün­deln­den Schwe­re be­freit scheint.

So folgt man ge­spannt ei­ner an­ge­nehm ver­knapp­ten Auf­füh­rung von gut 100 Mi­nu­ten, an der vor al­lem die prä­zi­se­ge­zeich­ne­tenMit­glie­der der Sol­ness-„Fac­to­ry“fas­zi­nie­ren: Mag­da­le­na Wie­den­ho­fer als ket­ten­rau­chen­de Ar­chi­tek­ten­gat­tin stakst im haut­engen schwar­zen Ganz­kör­per­dress da­her, und ih­re Prinz-Ei­sen­herz-Fri­sur deu­tet schon an, wie er­starrt ihr Herz sein muss.

Da­ge­gen trip­pelt Sol­ness’ Se­kre­tä­rin Ka­ja (wun­der­bar ko­misch: Lui­se Kin­ner) als durch­trie­be­nes Bü­ro-Mäu­schen auf su­per­ho­hen Ab­sät­zen durchs Stahl-Glas-La­by­rinth, als wan­deln­de Män­ner­fan­ta­sie. „Stö­re ich?“, fragt dar­um auch die coo­le Frau Sol­ness, als sie ih­ren Gat­ten in fla­gran­ti er­wischt, wie er Ka­ja an die Wä­sche geht. Das steht so na­tür­lich auch nicht bei Ib­sen, ist aber so ge­meint – und sorgt au­ßer­dem für Hei­ter­keit im Pu­bli­kum –, wie auch Ti­mo­cin Zieg­ler als be­tu­li­cher Arzt und Meh­met Sö­zer als Mus­ter­bild ei­nes streb­sa­men Jung­ar­chi­tek­ten. Und dann ist da noch Fräu­lein Wan­gel, die un­ver­se­hens her­ein­schneit, weil ihr der Bau­meis­ter vor zehn Jah­ren, als sie zwölf war, ein Kö­nig­reich ver­spro­chen hat, das sie jetzt ein­for­dert. In Stückls Fas­sung hat er sie da­mals auch noch se­xu­ell miss­braucht – ei­ne durch­aus plau­si­ble Zu­spit­zung der gan­zen Kon­stel­la­ti­on. Als rot­zig-zar­te Punk-Gö­re mit Tat­toos und Ka­pu­zen­pul­li spielt Po­la Ja­ne O’Ma­ra die­se klug-nai­ve Kind­frau, die­sen un­schul­di­gen To­des­en­gel, der wie ein Ka­ta­ly­sa­tor die gan­ze ver­fah­re­ne Si­tua­ti­on ins Rut­schen bringt: Ganz hin­ten an der Brand­mau­er sieht man Sol­ness am En­de in den Tod stür­zen. Be­geis­ter­ter Bei­fall.

■ Wei­te­re Auf­füh­run­gen am 5., 6., 12., 21. und 22. April, Tel. 55 23 46 55.

Die Zer­ris­sen­heit kauft man­die­sem Kraft­lackl nicht ab.

Fo­tos: Ar­no De­clair

Brück­ner als Sol­ness mit Po­la Ja­ne O’Ma­ra als Fräu­lein Wan­gel in Punk­ver­si­on

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