Dra­ma um Fa­mi­li­en­grab

tz - - ERSTE SEITE - ANDREA STINGLWAGNER

Ir­gend­wann macht man sich Ge­dan­ken: Wo wer­de ich ein­mal mei­ne letz­te Ru­he fin­den? Für Inge M. aus Send­ling stand das schon lan­ge fest. Ih­re Fa­mi­lie hat seit 1950 ein Gr­ab auf dem Send­lin­ger Fried­hof am Har­ras. Dort, bei ih­ren ge­lieb­ten Ver­wand­ten, woll­te auch die 77-Jäh­ri­ge ein­mal be­gra­ben wer­den. Doch ein Schrei­ben der Fried­hofs­ver­wal­tung brach­te die al­te Da­me völ­lig aus der Fas­sung: Dort sind nun kei­ne Sarg­be­stat­tun­gen mehr er­laubt! Wenn Inge M. nach ih­rem Tod in das Fa­mi­li­en­grab will, muss sie sich ver­bren­nen las­sen…

„Los­ge­gan­gen ist das Gan­ze schon 2015“, er­zählt die Münch­ne­rin der tz. Das Nut­zungs­recht für das Gr­ab, um das sie sich küm­mert, war ab­ge­lau­fen. Inge M. will es ver­län­gern las­sen. Nach ei­ni­gen Mo­na­ten erst kommt das Schrei­ben der Städ­ti­schen Fried­hö­fe: Ger­ne kön­ne sie das Nut­zungs­recht ver­län­gern – so­gar mit ge­rin­ge­ren Ge­büh­ren. Die Er­klä­rung kam in ei­nem ex­tra Schrei­ben: Ih­re Gr­ab­stät­te sei „nur noch für Ur­nen­bei­set­zung ge­eig­net“.

„Ich war scho­ckiert. Das hat mir vie­le schlaf­lo­se Näch­te be­schert“, sagt Inge M. Ver­brannt zu wer­den, selbst als Lei­che – die­se Vor­stel­lung ge­fällt ihr nicht. Die 77-Jäh­ri­ge fragt noch ein­mal bei der Fried­hofs­ver­wal­tung nach. „Ich hät­te dann so­gar die Mög­lich­keit ge­kriegt, ein an­de­res Gr­ab zu be­kom­men. Aber ich will hier nicht weg. In dem Gr­ab wur­den mein Groß­va­ti, Gruß­mut­ti, Mut­ti und Va­ter be­er­digt. Mit ih­nen möch­te ich auch nach mei­nem Tod ver­bun­den sein.“

Doch das wird – zu­min­dest im Sarg – nicht mehr mög­lich sein. Grund: „Die Ver­kehrs­si­cher­heit am Fried­hof ist sonst nicht mehr ge­währ­leis­tet“, er­klärt Alois Ma­der­spa­cher vom für die Fried­hö­fe zu­stän­di­gen Re­fe­rat für Ge­sund­heit und Um­welt. Ei­ner­seits wür­den die Sär­ge heut­zu­ta­ge im­mer grö­ßer, an­de­rer­seits sei ge­ra­de der Send­lin­ger Fried­hof sehr „dicht be­legt“. Sprich: Die Grä­ber lie­gen teils ex­trem na­he bei­ein­an­der. Da­durch gibt das Erd­reich zwi­schen frisch aus­ge­ho­be­nen und be­nach­bar­ten Grä­bern im­mer häu­fi­ger nach, bre­che so­gar­ein, Gr­ab­stei­nesei­en­nicht­mehr ge­nü­gend ge­si­chert. Zu­dem kön­ne we­gen der En­ge ein Sarg teils nur noch un­ter­halb des Fun­da­ments bei­ge­setzt wer­den. „Das ist nach den Vor­ga­ben der Be­rufs­ge­nos­sen­schaft von Be­stat­tern nicht er­laubt.“

In den letz­ten Jah­ren sei das Pro­blem im­mer deut­li­cher ge­wor­den, des­halb ha­be sich die Fried­hofs­ver­wal­tung nun da­zu ent­schlos­sen, die Sarg­be­stat­tung in ei­ni­gen Gr­ab­fel­dern am Send­lin­ger, aber auch am Ost­fried­hof nicht mehr zu er­lau­ben. „Das sind si­cher bis zu 500 be­trof­fe­ne Gr­ab­stät­ten“, so Ma­der­spa­cher.

Mit­ar­bei­ter der städ­ti­schen Fried­hö­fe wol­len mit al­len Be­trof­fe­nen re­den und „aus­lo­ten, ob man ei­ne Lö­sung des Pro­blems fin­den kann“. Denn: „Wir ver­ste­hen na­tür­lich, dass das für vie­le nicht leicht ist.“Inge M. sagt heu­te: „Ich ha­be mich mit dem Ge­dan­ken ei­ner Feu­er­be­stat­tung ab­ge­fun­den. Ich kann es ja doch nicht än­dern.“

Fo­to: Achim Schmidt

Inge M. woll­te ei­gent­lich im Sarg be­stat­tet wer­den

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