All­er­gi­en durch Kunst­stoff im Mund

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as ha­ben Heft­plas­ter mit ei­ner Zahn­sa­nie­rung zu tun? Ganz ein­fach: Wer den Kle­ber von Pflas­tern nicht ver­trägt, könn­te auch all­er­gisch auf Kunst­stof­fe wie Fül­lun­gen und Kle­ber re­agie­ren, die der Zahn­arzt ver­wen­det. Meist fällt dies erst nach ei­ner Be­hand­lung auf – durch Aus­schlag rund um den Mund, Ent­zün­dun­gen oder durch un­spe­zi­fi­sche Be­schwer­den wie z. B. Kopf­schmer­zen oder Mü­dig­keit. Be­trof­fe­ne su­chen oft lan­ge nach der Ur­sa­che. Das liegt auch dar­an, dass vie­le Zahn­ärz­te das The­ma All­er­gi­en nicht pa­rat ha­ben und Tests falsch aus­ge­führt wer­den. Ein Ex­per­te auf dem Ge­biet der Gif­tig­keit und Ver­träg­lich­keit von Zahn­fül­lungs­ma­te­ria­li­en ist Pro­fes­sor Franz-Xa­ver Reichl von der LMU in Mün­chen. Je­de Wo­che er­rei­chen ihn Brie­fe von Pa­ti­en­ten aus ganz Deutsch­land, die Hil­fe su­chen.

Beim tz- Be­such im In­ter­na­tio­na­len Be­ra­tungs­zen­trum für die Ver­träg­lich­keit von Zahn­ma­te­ria­li­en (BZVZ) in Mün­chen war Pro­fes­sor Reichl ge­ra­de da­bei, ei­ner ver­zwei­fel­ten Brief­schrei­be­rin aus der Nä­he von Würz­burg zu ant­wor­ten. Pro­fes­sor Reichl: „Wenn die­se Frau gleich zu uns ge­schickt wor­den wä­re, wä­re ihr ver­mut­lich viel Leid er­spart ge­blie­ben.“Der Fall der jun­gen Leh­re­rin, de­ren Pro­ble­me nach ei­ner Zahn­sa­nie­rung mit Kom­po­sit-Ma­te­ria­li­en be­gan­nen, zeigt ex­em­pla­risch, was al­les schief­lau­fen kann. Ih­re Be­schwer­den be­gan­nen nicht so­fort nach der Be­hand­lung, son­dern ei­ni­ge Mo­na­te spä­ter. Das ist nicht un­ge­wöhn­lich, denn ei­ni­ge In­halts­stof­fe z. B. aus Fül­lun­gen wer­den nichtso­fort, son­der­nerst­nach ei­ner Zeit­span­ne von bis zu sechs Mo­na­ten frei­ge­setzt.

Das liegt an der che­mi­schenZu­sam­men­set­zungvon Kunst­stof­fen. Sie be­ste­hen aus Mo­le­kü­len, die Mo­no­me­re ge­nannt wer­den. Die Fül­lung wird schicht­wei­se wäh­rend der Be­hand­lung durch Licht und Wär­me ge­här­tet. Die Mo­no­me­re ver­bin­den sich da­bei zu Po­ly­me­ren. Doch­die­seP­o­ly­me­ri­sa­tio­nist nicht voll­stän­dig, et­wa 50 Pro­zent der Mo­no­me­re blei­ben er­hal­ten und wer­den mit der Zeit aus der Fül­lung, dem Kle­ber oder der Pro­the­se her­aus­ge­löst. Dar­un­ter sind ei­ne Viel­zahl von all­er­ge­nen Stof­fen, die wich­tigs­ten sind so­ge­nann­te Metha­cryla­te.

Gut mög­lich, dass die ge­plag­te Schrei­be­rin auf ei­nes die­ser Metha­cryla­te­all­er­gi­schist. Auss­kan­di­na­vi­schen Stu­di­en weiß man, dass drei bis vier Pro­zent

Wder All­er­gi­ker auch auf Be­stand­tei­le in Zahn­kunst­stof­fen re­agie­ren. Nach­dem sich ih­re Be­schwer­den ver­schlim­mert hat­ten, wur­de der zwei­fa­chen Mut­ter zu ei­nem Blut­test, ei­nem Lym­pho­zy­ten­trans­for­ma­ti­ons­test (LTT) ge­ra­ten. Er blieb oh­ne Er­folg. Auch dies hät­te Pro­fes­sor Reichl vor­her­sa­gen kön­nen: „Der Test funk­tio­niert noch ei­ni­ger­ma­ßen bei Me­tal­len, aber für die Te­s­tung von Metha­cryla­ten ist er un­ge­eig­net. Er lie­fert ein­fach zu vie­le fal­sche Er­geb­nis­se.“Auch ei­ne Spei­chel­drü­sen-Bi­op­sie im Be­reich der Zun­ge­wa­r­er­geb­nis­los. Al­sPro­fes­sor Reichl dies liest, be­kommt er wirk­lich Mit­leid: „Die ar­me Frau, was für ein Auf­wand.“

Wo­chen spä­ter ver­mu­te­ten an­de­re Ärz­te bei der Pa­ti­en­tin wie­der ei­ne All­er­gie, in ei­ner Haut­kli­nik wur­de ein so­ge­nann­ter Epi­ku­tan­test durch­ge­führt.

Da­bei wer­den auf der Haut klei­ne Area­le leicht an­ge­ritzt und Stof­fe zur All­er­gie­te­s­tung auf­ge­bracht. Die Le­se­rin schreibt: „Die Ma­te­ria­li­en stell­te der Zahn­arzt zur Ver­fü­gung.“Auch die­ser Test über drei Ta­ge, brach­te kein Er­geb­nis. Der Grund ist für den Den­tal-To­xi­ko­lo­gen klar: „Ei­ni­ge Stof­fe tre­ten, wie ge­sagt, erst nach Mo­na­ten­aus­de­mKom­po­sit­aus. Die­se Haut­test­smüs­sen­im­mer­mit­den Rein­stof­fen aus­ge­führt wer­den. So ma­chen wir es. Nur dann wis­sen wir wirk­lich, ob und wor­auf die Pa­ti­en­ten re­agie­ren.“

Un­zäh­li­ge Kunst­stoff­ver­bin­dun­gen wer­den in deut­schen Zäh­nen ein­ge­baut. Je­de Fir­ma hat ih­re ei­ge­nen Mi­schun­gen, hält die ge­nau­en Zu­sam­men­set­zun­gen ge­heim.

In müh­sa­mer Klein­ar­beit und mit teu­ren Test­ver­fah­ren ha­ben Pro­fes­sor Reichl und sein Team ver­füg­ba­re Ma­te­ria­li­en ge­sam­melt, die in Pra­xen ver­wen­det wer­den, und ana­ly­siert. Reichl: „Wir wis­sen jetzt, wel­cheChe­mi­ka­li­en­in­wel­chem Zahn­ma­te­ri­al ent­hal­ten sind. Und fast noch wich­ti­ger: Mit um­fang­rei­chen Ana­ly­sen ha­ben wir her­aus­ge­fun­den, wel­che In­halts­stof­fe aus­tre­ten. Wenn ein Stoff fest in der Fül­lung ge­bun­den bleibt, wird er kei­ne Pro­ble­me ver­ur­sa­chen. Nur die Ma­te­ria­li­en, die aus­tre­ten, kön­nen ei­ne Re­ak­ti­on her­vor­ru­fen.“

Pro­fes­sor Reichl wird die ver­zwei­fel­te Schrei­be­rin ein­la­den, zu neu­en Tests bei ihm vor­bei­zu­kom­men: „Wenn wir den Na­men des ver­wen­de­ten Zahn­ma­te­ri­als ken­nen, kann ich in un­se­rer Da­ten­bank nach­schau­en, wel­che Stof­fe dort ent­hal­ten sind und wel­che Che­mi­ka­li­en aus­tre­ten. Dann kön­nen wir sehr ge­zielt tes­ten.“Und höchst­wahr­schein­lich wer­den die All­er­go­lo­gen dies­mal fün­dig wer­den. Was al­ler­dings auch be­deu­tet, dass der Pa­ti­en­tin die al­ten Kom­po­sit­fül­lun­gen oder Kle­ber even­tu­ell kom­plett ent­fernt wer­den und durch neue er­setzt wer­den müs­sen, auf die ihr Kör­per nicht reagiert. Auch­da­sist­mög­lich. Pro­fes­sor Reichl: „Es gibt so vie­le Her­stel­ler­und­ver­schie­de­neMa­te­ria­li­en, dass wir in un­se­rer Da­ten­bank fast im­mer ei­nes fin­den, das nur Stof­fe ent­hält, die für die­sen Pa­ti­en­ten all­er­gisch un­be­denk­lich

sind.“ Über 51 Mil­lio­nen Fül­lun­gen (o.) wer­den je­des Jahr von Zahn­ärz­ten in Deutsch­land ge­macht, da­zu kom­men meh­re­re Hun­dert­tau­send Kro­nen (re.) und Brü­cken, so­wie et­wa 150 000 Im­plan­ta­te (li.) – und im­mer sind Kunst­stoff­ma­te­ria­li­en im Spiel. Auch das Ke­ra­mik-In­lay wird mit ei­nem künst­li­chen Kle­ber ein­ge­baut.

Wei­te­re In­fos un­ter: www.den­tal­tox.

F(4): pa

Wer auf Heft­plas­ter all­er­gisch ist, hat ein hö­he­res Ri­si­ko, dass ihn die Kunst­stof­fe des Zahn­arz­tes krank ma­chen

Pro­fes­sor Franz-Xa­ver Reichl

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