Tis­sot

Tis­sot bie­tet mehr als Schwei­zer Mar­ken­uh­ren zu güns­ti­gen Prei­sen. Das er­gibt ein Blick in die 165 Jah­re wäh­ren­de His­to­rie und auf die Uh­ren der jün­ge­ren Ge­schich­te.

Uhren-Magazin - - Inhalt - Text — Me­lis­sa Göß­ling Fo­tos — Her­stel­ler, Me­lis­sa Göß­ling

ist be­kannt für in­no­va­ti­ve Quarz- und Au­to­ma­tik­uh­ren im Ein­stei­ger­seg­ment. We­ni­ger be­kannt ist die durch­aus glanz­vol­le His­to­rie der Fir­ma aus Le Lo­cle.

——— Als die Fürs­tin von Mo­na­co Gra­cia Patri­cia, bes­ser be­kannt als Gra­ce Kel­ly, ih­ren Auf­ent­halt im No­vem­ber 1960 in der Schweiz plan­te, woll­te sie min­des­tens zwei ech­te Schwei­zer Ma­nu­fak­tu­ren se­hen. So be­such­te sie ge­mein­sam mit ih­rem Mann die Scho­ko­la­den-ma­nu­fak­tur Suchard und den Schwei­zer Uh­ren­her­stel­ler Tis­sot. Ein Ein­trag im gol­de­nen Gäs­te­buch von Tis­sot und zahl­rei­che Bil­der be­le­gen den ho­hen Be­such, auf den man bei Tis­sot sehr stolz ist. Auch dass Sa­rah Bern­hardt (ei­ne fran­zö­si­sche Schau­spie­le­rin der zwan­zi­ger Jah­re) und die por­tu­gie­sisch-bra­si­lia­ni­sche Sän­ge­rin Car­men Mi­ran­da Tis­sot-uh­ren tru­gen, wird be­rich­tet. In der Öf­fent­lich­keit be­kann­ter ist Tis­sots En­ga­ge­ment im Sport. 2017 war die Mar­ke an 338 Ta­gen bei Sport­events ak­tiv. Die Part­ner­schaf­ten rei­chen von der NBA im Bas­ket­ball, der Mo­togp im Mo­tor- sport bis hin zur Tour de Fran­ce. Aus dem Sport kom­men schließ­lich auch die wich­tigs­ten Mar­ken­bot­schaf­ter. Na­men wie To­ny Par­ker (Bas­ket­ball), Vi­rat Koh­li (Cri­cket) oder Marc Mar­quez (Mo­togp) sind viel­leicht nicht je­dem ein Be­griff, aber in ih­rer Sport­art zäh­len sie zu den Bes­ten. Welch ho­hen Stel­len­wert die­se Part­ner­schaf­ten bei Tis­sot ha­ben, zeigt sich auch an den zahl­rei­chen Son­der­edi­tio­nen, die zu die­sem Zweck er­sch­ei-

nen. 165 Jah­re Fir­men­be­ste­hen kön­nen da schon ein­mal in den Hin­ter­grund tre­ten. François Thié­baud, CEO der Mar­ke, be­tont aber: »Mit al­len Part­ner­schaf­ten, an de­nen wir be­tei­ligt sind, fei­ern wir all­täg­lich die Ent­wick­lung und Pro­duk­ti­on von in­no­va­ti­ven und qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­gen Uh­ren.«

Von Ta­schen­uh­ren bis hin zu ge­bo­ge­nen Arm­band­uh­ren

Den Grund­stein für die Fir­ma Tis­sot leg­te die 1853 von Va­ter Charles-fé­li­ci­en und Sohn Charles-emi­le Tis­sot ge­grün­de­te Uh­ren­werk­statt. Schon im glei­chen Jahr ver­kauf­ten die bei­den un­ter an­de­rem ei­ne gol­de­ne Ta­schen­uhr mit Schlüs­selauf­zug, die auf zwei Hilfs­zif­fer­blät­tern zwei Uhr­zei­ten aus­wies. Das Be­son­de­re da­ran: je­de Uhr­zeit hat­te auch ih­re ei­ge­ne Se­kun­den­an­zei­ge. Die Ta­schen- und Ket­ten­uh­ren je­ner Zeit wa­ren häu­fig reich ver­ziert und dien­ten be­son­ders den Da­men als Schmuck­stü­cke. So er­ober­te Tis­sot zu­nächst den ame­ri­ka­ni­schen und rus­si­schen Markt. Ame­ri­ka und Asi­en sind bis heu­te die wich­tigs­ten Märkte der Mar­ke.

Beim Uh­ren­de­sign ließ sich Tis­sot im­mer auch von der ak­tu­el­len Mo­de in­spi­rie­ren. Zum Bei­spiel war die 1916 erst­mals vor­ge­stell­te Bana­na ein Re­prä­sen­tant des Art-dé­co-stils. Die recht­ecki­ge Arm­band­uhr ist leicht ge­wölbt, so dass sie sich bes­ser ans Hand­ge­lenk an­schmiegt. Die un­ter­schied­lich gro­ßen ara­bi­schen Zah­len auf dem Zif­fer­blatt un­ter­strei­chen die un­ge­wöhn­li­che Form. Die Uhr war so er­folg­reich, dass Tis­sot die Bana­na in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten mehr­mals neu auf­leg­te. Ein Ori­gi­nal­stück aus dem frü­hen 20. Jahr­hun­dert be­fin­det sich heu­te im Tis­sot-mu­se­um: Es wur­de ur­sprüng­lich nach Russ­land ver­kauft und kam für ei­ne Re­vi­si­on nach Le Lo­cle zu­rück. Auf­grund der da­ma­li­gen po­li­ti­schen Un­ru­hen in Russ­land ging die Uhr je­doch nie zu­rück an ih­ren Be­sit­zer.

Die krea­ti­ven Köp­fe von Tis­sot hat­ten je­doch nicht nur ein gu­tes Ge­spür für den ak­tu­el­len Ge­schmack, sie wa­ren mit ih­ren Krea­tio­nen auch oft ih­rer Zeit vor­aus. So stell­te der Uhr­ma­cher Jac­ques-frédé­ric Hou­riet zwar be­reits 1828 ei­ne an­tima­gne­ti­sche Uhr vor. Doch es war die Fir­ma Tis­sot, der die welt­weit ers­te se­ri­en­mä­ßi­ge Fer­ti­gung ei­ner Arm­band­uhr mit an­tima­gne­ti­schem Schwing- und Hem­mungs­sys­tem ge­lang. Das Mo­dell trug den pas­sen­den Na­men An­tima­gné­tique und kam 1930 auf den Markt. An­fang die­sen Jah­res wur­de die He­ri­ta­ge Pe­ti­te Se- con­de 2018 als Hom­mage an die­sen Mei­len­stein vor­ge­stellt. Eben­falls Teil der He­ri­ta­ge-kol­lek­ti­on ist die Welt­zeit­uhr Na­vi­ga­tor. Die­ses Mo­dell kam an­läss­lich des 100. Ge­burts­ta­ges von Tis­sot 1953 her­aus. Neu im Ver­gleich zu an­de­ren Her­stel­lern war die Darstel­lung der Welt­zeit­in­di­ka­ti­on: Im Zif­fer­blatt­zen­trum be­fin­det sich ei­ne Schei­be mit 24 Städ­te­na­men, die je­den Tag ei­ne kom­plet­te Um­dre­hung voll­zieht. Ei­ne ei­gen­stän­di­ge Kol­lek­ti­on, die es bis heu­te noch gibt, er­wuchs aus der PR 516 von 1956. PR – das steht für »par­ti­cu­liè­re­ment ro­bus­te«, al­so be­son­ders ro­bust. Die

ho­he Wi­der­stands­fä­hig­keit er­gab sich aus ei­ner spe­zi­el­len Auf­hän­gung für das Au­to­ma­tik­werk im Stahl­ge­häu­se. Zu­nächst blieb die PR 516 aber re­la­tiv er­folg­los. Erst als ei­ne Wer­be­kam­pa­gne in Ver­bin­dung mit Mo­tor­sport ge­star­tet wur­de, er­ziel­te die Uhr die er­hoff­ten Ver­käu­fe.

Da­her gibt Tis­sot selbst auch das Jahr 1965 als Ge­burts­jahr der PR an. In je­nem Jahr kam ein Mo­dell her­aus, das vie­le De­si­gnele­men­te dem Renn­sport ent­nom­men hat­te. Am auf­fäl­ligs­ten war da­bei das pa­ten­tier­te ge­loch­te Edel­stahl­arm­band. Bis heu­te gibt es das ge­loch­te Band (al­ler­dings aus Le­der) zum Bei­spiel bei der PRS 516 Po­wer­ma­tic 80 (830 Eu­ro).

Der Bei­na­me Po­wer­ma­tic 80 weist auf ei­nen wei­te­ren Mei­len­stein in Tis­sots Fir­men­ge­schich­te hin. Das Po­wer­ma­tic 80 ist ein wei­ter­ent­wi­ckel­tes Eta-au­to­ma­tik­ka­li­ber 2824. Der Wer­ke­her­stel­ler ETA, der wie Tis­sot zur Swatch Group ge­hört, und der Hem­mungs­lie­fe­rant Ni­varox ha­ben zum ei­nen in das Werk ein klei­ne­res Fe­der­haus ein­ge­setzt.

Mit neu­en Uhr­wer­ken im­mer am Puls der Zeit

Dank ei­ner deut­lich län­ge­ren Zug­fe­der konn­te die Gang­dau­er von 38 auf 80 St­un­den er­höht wer­den. Zum an­de­ren kommt nun ei­ne frei­schwin­gen­de Un­ruh mit va­ria­blem Träg­heits­mo­ment zum Ein­satz. Die­ses Po­wer­ma­tic 80 ar­bei­te­te erst­mals 2014 in der chro­no­me­ter­zer­ti­fi­zier­ten Lu­xu­ry Au­to­ma­tic (ab 645 Eu­ro). Mitt­ler­wei­le ver­baut Tis­sot den Dau­er­läu­fer auch in an­de­ren Mo­del­len.

Das ist aber nicht die ers­te Werk­ent­wick­lung, die Tis­sot vor­an­trieb. Be­reits Mit­te des 20. Jahr­hun­derts ar­bei­te­ten die Kon­struk­teu­re von Tis- sot an ei­nem schmier­frei lau­fen­den Uhr­werk. Das ers­te Pa­tent hier­zu mel­de­te die Fir­ma 1956 an.

1971 schließ­lich konn­te das Er­geb­nis prä­sen­tiert wer­den. Die Uhr hieß Sy­tal (in Ita­li­en Idea 2001) und be­stand bis auf we­ni­ge Tei­le kom­plett aus Kunst­stoff. Der Markt war wohl noch nicht reif für solch ei­ne Uhr, denn erst die Swatch von der gleich­na­mi­gen Kon­zern­schwes­ter hat­te durschla­gen­den Er­folg. Swatch stell­te 2014 auch als ers­ter Uh­ren­her­stel­ler mit der Sis­tem51 ei­ne Uhr vor, die ein voll­au­to­ma­tisch pro­du­zier­tes und re­gu­lier­tes Uhr­werk in sich trug. Ei­ne Wei­ter­ent­wick­lung des Ka­li­bers kommt seit kur­zem in der neu­en Tis­sot Ever­y­ti­me Swiss­ma­tic zum Ein­satz. Statt ei­nes Kunst­stoff­ro­tors dreht sich nun in dem Swiss­ma­tic ge­tauf­ten Ka­li­ber ein Stahl­ro­tor, und auch das Zei­ger­spiel wur­de ver­bes-

sert. Tis­sot-uh­ren lie­gen zwi­schen 250 und cir­ca 1000 Eu­ro, wo­bei im un­te­ren Preis­be­reich bis­lang nur Quarz­mo­del­le zu fin­den wa­ren. Die Ever­y­ti­me star­tet bei 390 Eu­ro und könn­te Quarz­uh­ren-käu­fer an Mecha­nik her­an­füh­ren.

Am obe­ren En­de der Preis­span­ne ran­giert un­ter an­de­rem die 2017 ein­ge­führ­te Bal­la­de (ab 890 Eu­ro). In die­ser Uhr tickt das Po­wer­ma­tic 80 mit Si­li­zi­um­spi­ra­le. Die Ver­wen­dung von Si­li­zi­um ist in der Uh­ren­bran­che nichts Neu­es, aber Tis­sot war die ers­te Mar­ke im Preis­seg­ment bis 1000 Eu­ro, die sich das ama­gne­ti­sche Ver­hal­ten von Si­li­zi­um zu­nut­ze mach­te. Mitt­ler­wei­le sind die Swatch- Group- Mar­ken Mi­do, Ha­mil­ton und Lon­gi­nes nach­ge­zo­gen.

Die Lis­te der In­no­va­tio­nen, die Tis­sot in sei­ner 165-jäh­ri­gen Fir­men­ge­schich­te voll­bracht hat, könn­te noch wei­ter ge­führt wer­den. Nicht zu ver­ges­sen, dass Per­sön­lich­kei­ten wie Gra­ce Kel­ly, Ja­mes Ste­wart und vie­le er­folg­rei­che Sport­ler Tis­sot in der Welt be­kannt ma­chen. Ein »be­son­de­res Au­gen­merk«, so be­tont es François Thié­baud, »legt Tis­sot im­mer auf die Er­war­tun­gen der Kun­den.« Und die­se Stra­te­gie hat sich be­währt: Mit vier Mil­lio­nen ver­kauf­ten Uh­ren im Jahr liegt Tis­sot nicht um­sonst auf dem fünf­ten Platz der größ­ten Schwei­zer Uh­ren­mar­ken. [5905] ———

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