Sei­ne Ges­te pro­vo­zier­te Deutsch­land

Trai­ner Ro­nald Koeman soll die Nie­der­lan­de wie­der kon­kur­renz­fä­hig ma­chen. Für den größ­ten Skan­dal sei­ner Kar­rie­re sorg­te er als Spie­ler – nach dem Ab­pfiff

Wertinger Zeitung - - Meinung & Dialog - Ste­pha­nie Lo­renz

Schwer vor­stell­bar, dass die­ser Mann ein­mal ein gan­zes Land scho­ckier­te, so freund­lich, wie Ro­nald Koeman in Mi­kros spricht. Zum Bei­spiel auf der Pres­se­kon­fe­renz An­fang Fe­bru­ar die­ses Jah­res, als er sich als neu­er Trai­ner der nie­der­län­di­schen Na­tio­nal­mann­schaft vor­stellt. Ein ehe­ma­li­ger Spie­ler, der sagt: „Ich lie­be Fuß­ball. Ich den­ke, das ist das Bes­te im Le­ben.“Bonds­coach woll­te er schon im­mer wer­den. „Es ist für mich ei­ne ab­so­lu­te Eh­re“, sagt der 55-Jäh­ri­ge. Wenn er lä­chelt, hat er Grüb­chen. Wenn er spricht, be­wegt sich oft nur der Kopf. Ges­ti­ku­lie­ren ist nicht sein Ding.

Um­so über­ra­schen­der die Ges­te 1988. EM-Halb­fi­na­le. Deutsch­land ver­liert 1:2 ge­gen die Nie­der­lan­de. Ein dra­ma­ti­sches Spiel. Noch emo­tio­na­ler wird es nach Ab­pfiff. Ro­nald Koeman, ein Star sei­ner Mann­schaft, gießt mit ei­ner Ak­ti­on so viel Öl ins Feu­er der deutsch-nie­der­län­di­schen Fuß­ball­ri­va­li­tät, dass es zu Fan-Tu­mul­ten kommt: Nach Spie­len­de tauscht er das Tri­kot mit Olaf Thon und wischt sich da­mit sym­bo­lisch den Hin­tern ab.

Am Sams­tag trifft Koeman in der neu­en Ue­fa Na­ti­ons Le­ague um 20.45 Uhr nun wie­der auf Deutsch­land. Dies­mal als Trai­ner. Für die Ges­te von da­mals hat er sich längst ent­schul­digt. Heu­te prä­sen­tiert sich der ver­hei­ra­te­te Va­ter von drei Kin­dern als fai­rer Sports­mann – Sha­ke­hands am Spiel­feld­rand auch mit Fein­den, wie mit Lou­is van Gaal, mit dem er sich 2004 bei Ajax Ams­ter­dam zer­stritt. Koeman war dort Trai­ner, van Gaal Sport­chef. Trai­niert hat er auch Ben­fi­ca Lis­s­a­bon, den FC Va­len­cia, FC Sout­hamp­ton und FC Ever­ton. Auf letz­te­re Sta­tio­nen wä­re vor al­lem Va­ter Mar­tin, einst selbst Fuß­bal­ler, stolz. Er träum­te da­von, sei­ne Söh­ne Ro­nald und den zwei Jah­re äl­te­ren Er­win als Trai­ner­team in En­g­lands Pre­mier Le­ague zu se­hen. Doch 2013 stirbt er und sieht nicht mehr, wie Ro­nald 2014 Trai­ner in Sout­hamp­ton und Er­win sein As­sis­tent wird. Ge­mein­sam spiel­ten sie in den 80er Jah­ren für die Na­tio­nal­mann­schaft. Als Trai­ner ge­wann Koeman meh­re­re Ti­tel, noch er­folg­rei­cher war er als Spie­ler: Vier­mal nie­der­län­di­scher und spa­ni­scher Meis­ter, mehr­fach Po­kal­sie­ger und Eu­ro­pa­meis­ter 1988. Koeman war zwei­kampf­stark, sein Spiel schnör­kel­los und sei­ne Frei­stö­ße scharf ge­schos­sen. Fast 200 To­re er­ziel­te er in knapp 500 Spie­len – als Li­be­ro. „Ich hat­te Glück, ich ha­be bei gro­ßen Klubs ge­spielt“, sagt er, und meint da­mit Ver­ei­ne wie Ajax Ams­ter­dam, PSV Eind­ho­ven oder FC Bar­ce­lo­na.

Her­aus­ra­gen­de Spie­ler, wie Koeman sei­ner­zeit, gibt es im Oran­jeKa­der ge­ra­de nicht. Das weiß der Nach­fol­ger von Dick Ad­vo­caat. Der war zu­rück­ge­tre­ten, nach­dem sich das Team nicht für die Welt­meis­ter­schaft in Russ­land qua­li­fi­ziert hat­te. Auch bei der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft 2016 schau­te es nur zu. Doch Koeman ist zu­ver­sicht­lich: „Wir ha­ben viel­leicht nicht mehr die al­ler­bes­ten Spie­ler, aber das heißt ja nicht, dass wir kein gu­tes Team auf­stel­len kön­nen.“

Fo­to: Wit­ters

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