Glanz­vol­le Namen

Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen - - Vorderseite - VON GE­ORG WINTERS

Ve­ba, Viag, Her­statt, Hor­ten:

Auf der Su­che nach den ver­schwun­de­nen

NRW-Kon­zer­nen

Wge­stell­ten enn der Ham­bur­ger Han­dels­rie­se Ede­ka die von Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el

Be­din­gun­gen er­füllt, dann steht der Über­nah­me der Kai­ser’s-Ten­gel­mann-Su­per­märk­te nichts mehr im We­ge. Die Ver­hand­lun­gen mit den Ge­werk­schaf­ten NGG und Ver­di sind zwar längst nicht ab­ge­schlos­sen, aber wenn Ede­ka-Chef Mar­kus Mo­sa ei­ne Ei­ni­gung mit den Ar­beit­neh­mer­ver­tre­tern ge­lingt, wer­den ver­mut­lich schnel­ler Fi­lia­len ge­schlos­sen und Jobs ab­ge­baut, als man­cher ge­dacht hät­te. Und dann, so mut­ma­ßen Ex­per­ten, wird auch der Na­me Kai­ser’s ver­schwin­den. Je­nes Tra­di­ti­ons­un­ter­neh­men aus Vier­sen, das vor 135 Jah­ren ge­grün­det wur­de.

Die Lis­te der ver­schwun­den Fir­men aus NRW wird da­mit wie­der ein Stück län­ger. Auf ihr fin­den sich Un­ter­neh­men wie Her­statt oder Man­nes­mann, Bab­cock oder die Wes­tLB. Namen, die das Le­ben und Den­ken der Men­schen in NRW zum Teil über Jahr­zehn­te ge­prägt ha­ben. Die für die Wirt­schafts­ge­schich­te die­ses Bun­des­lands ste­hen. Und die nun ein­fach fort sind.

Denn Tra­diti­on und Ge­schich­te al­lein ga­ran­tie­ren eben kei­nen Er­folg. Kai­ser’s schreibt seit Jah­ren ro­te Zah­len, die der Ei­gen­tü­mer Ten­gel­mann nicht mehr be­wäl­ti­gen mag. Der Ver­kauf an Ede­ka ist nicht der ers­te Ver­such, die Su­per­märk­te los­zu­wer­den. Vor gut ein­ein­halb Jahr­zehn­ten soll­te Ede­ka mehr als 1300 Kai­ser’s- und Ten­gel­mann-Su­per­märk­te über­neh­men. Doch die Ham­bur­ger woll­ten sei­ner­zeit nur die pro­fi­ta­blen Stand­or­te, der De­al schei­ter­te.

Da­nach sa­nier­te Ten­gel­mann-Chef Karl-Eri­van Haub Kai­ser’s Ten­gel­mann. Hun­der­te Fi­lia­len wur­den ge­schlos­sen oder ver­kauft. Aus den ro­ten Zah­len fand Kai­ser’s den­noch nicht her­aus. Der Ver­kauf an Ede­ka war die Not­brem­se, ehe Haub ei­ne Zer­schla­gung als un­ver­meid­lich an­ge­se­hen hät­te. Ei­ne Lö­sung mit Per­spek­ti­ve für den Namen Kai­ser’s war da­bei nicht im Plan.

Aber nicht im­mer ist das Aus ei­nes Un­ter­neh­mens ei­ne Fol­ge von Er­folg­lo­sig­keit. Der Fall Man­nes­mann ist das ein­drucks­vol­le Ge­gen­bei­spiel da­für. Mehr als 16 Jah­re ist es her, dass der Misch­kon­zern in ei­nem bei­spiel­lo- sen Du­ell vom bri­ti­schen Mo­bil­funk­kon­zern Vo­da­fo­ne ge­schluckt wur­de – ein De­al, der da­mals un­fass­ba­re 178 Mil­li­ar­den Eu­ro aus­mach­te und we­gen der ho­hen Ab­fin­dun­gen für den da­ma­li­gen Kon­zern­chef Klaus Es­ser zwei Straf­pro­zes­se ge­gen pro­mi­nen­te Ma­na­ger deut­scher Kon­zer­ne nach sich zog. Man­nes­mann wur­de auf­ge­spal­ten, von ei­nem Kon­zern mit mehr als 20 Mil­li­ar­den Eu­ro Um­satz und über 130 000 Be­schäf­tig­ten blie­ben ein Mar­ken­na­me und die Man­nes­mann­röh­ren-Wer­ke.

Bei­de ge­hö­ren heu­te dem Stahl­kon­zern Salz­git­ter. Was fort­lebt, ist die Er­in­ne­rung an ei­nen gro­ßen Ver­tre­ter der Old Eco­no­my. Man­nes­mann – das war nicht nur Stahl, das war auch St­ein­koh­le­berg­bau, das war das be­rühm­te Erd­gas­röh­ren­ge­schäft mit der So­wjet­uni­on, das war D2: das ers­te pri­vat be­trie­be­ne deut­sche Mo­bil­funk­netz zu Be­ginn der 90er-Jah­re.

Grö­ße be­wahrt nicht vor dem Aus

Ge­schich­te sind auch die Namen zwei­er an­de­rer NRW-Gi­gan­ten. Den Ener­gie­kon­zern Eon kennt heu­te je­der, aber wer hat noch die Vor­läu­fer Ve­ba und Viag im Ge­dächt­nis – zwei in­dus­tri­el­le Groß­kon­glo­me­ra­te, de­ren Fu­si­on zu ei­nem füh­ren­den Ener­gie­kon­zern feind­li­che Über­nah­men ver­hin­dern soll­te? Ve­ba al­lein war schon ein Rie­sen­klotz. Nach dem Krieg ge­hör­te sie zu­nächst dem Bund, in den 60er-Jah­ren ging sie an die Bör­se. Vor der Fu­si­on mit Viag im Jahr 2000 war sie ein Kon­zern mit 130 000 Mit­ar­bei­tern und ei­nem Um­satz von mehr als 40 Mil­li­ar­den Eu­ro. Aber das war noch nicht groß ge­nug. Es soll­te in Deutsch­land ein Glo­bal Play­er ge­schaf­fen wer­den. Heu­te steht das so ent­stan­de­ne Kunst­werk Eon wie­der vor der Spal­tung. Was An­fang und En­de die­ses Kon­zerns üb­ri­gens eint: Da­mals wie heu­te war der Aus­stieg aus der Atom­ener­gie ein gro­ßes The­ma.

Ge­hö­ren Sie schon zu den äl­te­ren Zeit­ge­nos­sen? Er­in­nern Sie sich noch an den Kauf­haus­kon­zern Hor­ten, des­sen Fi­li­al­fas­sa­den die­se un­ver­wech­sel­ba­ren Wa­ben hat­ten? Hor­ten war mal das viert­größ­te Wa­ren­haus in Deutsch­land, das Kon­zept war Vor­läu­fer für die Ga­le­ria-Kauf­hof-Stra­te­gie. Kauf­hof über­nahm die von meh­re­ren In­ter­es­sen­ten be­gehr­te Ket­te 1994. Der Na­me Hor­ten ist auch längst Ver­gan­gen­heit.

Das Wa­ren­haus lie­fert üb­ri­gens auch die Ver­bin­dung zu ei­nem Zu­sam­men­bruch, der viel Auf­merk­sam­keit auf sich zog: den der Wes­tLB, die in den 80er-Jah­ren vor­über­ge­hend die Mehr­heit an Hor­ten hielt. Der Un­ter­gang der Bank ist in­des nicht die Fol­ge ei­ner Über­nah­me oder Plei­te, son­dern ei­ner von der EU-Kom­mis­si­on er­zwun­ge­nen Auf­lö­sung. Die Wes­tLB hat mit der EU um Bei­hil­fen ge­strit­ten, sie hat mit ris­kan­ten De­als Mil­li­ar­den­ver­lus­te ge­macht, sie hat nach dem En­de der Ära Neu­ber Vor­stands­chefs en mas­se ge­schasst.

Dass es heu­te nur noch ei­ne Bad Bank für die Be­wäl­ti­gung der Alt­las­ten und ei­ne Rest­ge­sell­schaft na­mens Por­ti­gon gibt, regt kaum noch je­man­den auf. Aber es bleibt ein Fas­zi­no­sum, dass dies die Über­res­te ei­nes Un­ter­neh­mens sind, das ein­mal zu den drei größ­ten Ban­ken Deutsch­lands ge­hör­te und lan­ge Zeit ei­ne wich­ti­ge Rol­le in der Deutsch­land AG spiel­te – mit Be­tei­li­gun­gen an Preus­sag, Ruhr­koh­le, Bab­cock und Krupp. Die Ruhr­ba­ro­ne ga­ben sich in Düsseldorf die Klin­ke in die Hand.

Mag die Wes­tLB ei­ner der nach­hal­tigs­ten Zu­sam­men­brü­che der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit sein – der spek­ta­ku­lärs­te Ban­ken­kol­laps bleibt wohl im­mer noch je­ner der Köl­ner Pri­vat­bank Her­statt. Fehl­spe­ku­la­tio­nen von Händ­lern brach­ten die Bank in den 70er-Jah­ren in so gro­ße Not, dass das Un­ter­neh­men ei­nen Ver­gleich mit sei­nen Gläu­bi­gern be­an­trag­te. Der ge­lang schließ­lich un­ter gro­ßen Mü­hen, vie­le Pri­vat­kun­den be­ka­men am En­de ihr Er­spar­tes oder zu­min­dest gro­ße Tei­le da­von zu­rück. Es gab Ge­richts­pro­zes­se, Fern­seh­bil­der von Gläu­bi­ger­ver­samm­lun­gen, dra­ma­ti­sche Sze­nen auf Köl­ner Stra­ßen. Was von Her­statt blieb, ist die Re­ak­ti­on des pri­va­ten Ban­ken­ge­wer­bes dar­auf. Die In­sti­tu­te grün­de­ten den Ein­la­gen­si­che­rungs­fonds, um das Er­spar­te der Kun­den im Plei­te­fall zu schüt­zen.

Ve­ba, Man­nes­mann, Hor­ten, Wes­tLB, Her­statt – fünf von vie­len gro­ßen Fir­men­na­men, die der Nach­kriegs­wirt­schaft nicht nur in Nord­rhein-West­fa­len ih­ren Stem­pel auf­ge­drückt ha­ben. Al­le sind sie ver­schwun­den. Wie auch die Ober­hau­se­ner Bab­cock, ei­ner der pro­mi­nen­ten Plei­te­fäl­le der jün­ge­ren Bun­des­re­pu­blik. Im Jahr 2002 muss­te der In­dus­trie­kon­zern In­sol­venz an­mel­den, und we­der die In­ter­ven­ti­on des da­ma­li­gen Bun­des­kanz­lers Ger­hard Schrö­der noch die von des­sen Par­tei­freund, dem nord­rhein-west­fä­li­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Wolf­gang Cle­ment, konn­ten Bab­cock vor dem Un­ter­gang be­wah­ren.

Der Kes­sel­bau­er von einst, der in den 80er-Jah­ren zu ei­ner rei­nen Hol­ding mit Hun­der­ten von Be­tei­li­gungs­ge­sell­schaf­ten ge­wor­den war, ging un­ter. Gro­ße Tei­le wur­den ver­kauft, ein Teil des Un­ter­neh­mens exis­tiert heu­te in­des noch in Duis­burg. Dort fir­miert die ehe­ma­li­ge Bab­cock-Ener­gie­tech­nik als Hit­a­chi Po­wer Eu­ro­pe.

Aber die­sen Namen ken­nen ver­mut­lich nur noch Ein­ge­weih­te.

Viag und Ve­ba, Her­statt und Hor­ten, Man­nes­mann oder Wes­tLB: Vie­le klang­vol­le Namen der NRW-Wirt­schaft exis­tie­ren nur noch in der Er­in­ne­rung. Man­che Fir­men sind in Kon­zer­nen auf­ge­gan­gen, an­de­re ha­ben sich auf­ge­löst. Ei­ne Spu­ren­su­che.

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