Por­trät

Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen - - | Inhalt - VON REIN­HARD KOWALEWSKY

Nach mehr als drei Jahr­zehn­ten im Kon­zern hat Hans van By­len im Mai den Chef­pos­ten bei Hen­kel über­nom­men. Was treibt den 55-Jäh­ri­gen an?

Seit 32 Jah­ren ar­bei­tet Hans van By­len schon für Hen­kel, er ist bes­tens ver­drah­tet und all­seits be­liebt. Man un­ter­schätzt den neu­en Vor­stands­chef leicht. Aber Vor­sicht! Der 55-Jäh­ri­ge liebt den Wan­del. Dem Düs­sel­dor­fer Dax-Kon­zern könn­te Un­ru­he be­vor­ste­hen.

Auf zwei Termine freut sich Hans van By­len ganz be­son­ders: Am 7. Au­gust er­öff­net der neue Hen­kel-Chef ge­mein­sam mit Auf­sichts­rats­che­fin Si­mo­ne Ba­gel-Trah das tra­di­tio­nel­le, von Hen­kel ge­spon­ser­te Pfer­de­ren­nen „Gro­ßer Preis der Dia­na“. Hier tritt der wort­ge­wand­te 55-Jäh­ri­ge erst­mals als Num­mer eins des Dax-Kon­zerns vor die brei­te Öf­fent­lich­keit – und al­le war­ten ge­spannt, wel­che un­er­war­te­ten Be­mer­kun­gen und Hin­wei­se er wohl in sei­ne Re­de ein­bau­en wird. Am 17. No­vem­ber dann stellt der Bel­gi­er Fi­nanz­pro­fis und Jour­na­lis­ten die neue Vier­jah­res­pla­nung vor. Bis da­hin darf ge­rät­selt wer­den: Wie wird der Nach­fol­ger des eher zah­len­fi­xier­ten Kas­per Ror­sted den Kon­zern um­ge­stal­ten? Wie tickt der neue Hen­kel-Chef?

Es liegt in sei­ner zu­rück­hal­ten­den Na­tur, dass er ver­sucht, die Be­deu­tung des Ter­mins und des

Wech­sels her­un­ter­zu­spie­len: „Wir sind gut auf­ge­stellt und ha­ben ei­ne lang­fris­ti­ge Stra­te­gie. Im No­vem­ber le­gen wir un­se­re Prio­ri­tä­ten fest, um die Wei­chen für die nächs­ten Jah­re zu stel­len.“

Bes­ser vor­be­rei­tet als die meis­ten hat Hans van By­len am 1. Mai sein neu­es Amt an­ge­tre­ten. Er ist ein Hen­kel-Mann durch und durch, kennt Stär­ken und Schwä­chen, ist bes­tens ver­netzt. Vor 32 Jah­ren fing er nach dem Stu­di­um bei Hen­kel Bel­gi­en im Wasch­mit­tel­ver­trieb ab. Er war da­mals ge­ra­de 23 und sei­ne Ent­schei­dung für den deut­schen Kon­sum­gü­ter­kon­zern eher Zu­fall. Ur­sprüng­lich hat­te es ihn in die Ban­ken­bran­che ge­zo­gen.

Zehn Jah­re spä­ter war er be­reits Mar­ke­ting­chef für die Kos­me­tik­spar­te in den Be­ne­lux­staa­ten, ging an­schlie­ßend für ein Jahr nach Pa­ris und lei­te­te spä­ter den stra­te­gi­schen Ver­trieb für Haar­wasch­mit­tel in den Be­ne­lux­län­dern. 2005 be­reits wur­de er Lei­ter der ge­sam­ten Kos­me­tik­spar­te – ak­tu­el­ler Um­satz: mehr als 3,8 Mil­li­ar­den Eu­ro – und zog in den Vor­stand ein. „Van By­len kennt den Kon­zern gut, er ist in al­len Spar­ten hoch an­ge­se­hen“, sagt ein Auf­sichts­rat. „Dar­um war schon früh klar, dass wir ihn zum neu­en Chef ma­chen, falls Kas­per Ror­sted ir­gend­wann wirk­lich geht.“Die Zu­sam­men­ar­beit mit dem er­folg­rei­chen, aber eben­so selbst­be­wuss­ten Dä­nen hat­te zu­letzt ge­knirscht. Im Ja­nu­ar gab Ror­sted sei­nen Wech­sel zu Adi­das be­kannt.

Van By­len sagt, er ha­be sei­nen Auf­stieg nie ge­plant: „Mir war im­mer wich­tig, ei­ne in­ter­es­san­te Auf­ga­be zu ha­ben, stets die bes­te Leis­tung ab­zu­lie­fern und mich wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Dass ich nun CEO wur­de, ist ei­ne gro­ße Eh­re. Aber vor­aus­pla­nen lässt sich so et­was nicht.“

Was an ihm auf­fällt, sind sei­ne gro­ße Neu­gier, sein ge­schick­ter Um­gang mit Men­schen und sein Un­der­state­ment. „Nun ja, mei­ne Gram­ma­tik­kennt­nis­se sind zwar nicht per­fekt, aber nach 32 Jah­ren im Kon­zern ha­be ich ganz or­dent­lich Deutsch ge­lernt“, sagt er im Ge­spräch. In Wahr­heit spricht er prak­tisch per­fekt Deutsch, nur ein leich­ter flä- misch-an­gel­säch­si­scher Ak­zent ist zu hö­ren. Seit Jah­ren schon lebt er so­wohl in Nord­rhein-West­fa­len als auch in Bel­gi­en.

Der Va­ter von zwei Söh­nen und ei­ner Toch­ter wirkt noch im­mer ju­gend­lich. Er joggt re­gel­mä­ßig und pro­biert neue Sham­poos und Cre­mes am liebs­ten zu Hau­se aus, was manch­mal zu Dis­kus­sio­nen mit sei­ner Ehe­frau füh­re. „Wenn wie­der zu vie­le Do­sen und Tu­ben im Ba­de­zim­mer ste­hen“, sagt er amü­siert und sei­ne grau-blau­en Au­gen fun­keln.

In­tern hat der frü­he­re Pfad­fin­der sich ei­nen gu­ten Ruf als Zu­sam­men­stel­ler von Teams und de­ren An­trei­ber er­wor­ben. „Van By­len for­dert sei­ne Leu­te schon“, sagt der frü­he­re Hen­kel-Ma­na­ger Ernst Pri­mosch, „aber er för­dert sie auch.“So hat er sich ein brei­tes Netz­werk auf­ge­baut: Zwei der an­de­ren fünf Vor­stän­de, dar­un­ter Fi­nanz­chef Cars­ten Kno­bel, wa­ren einst sei­ne engs­ten Mit­ar­bei­ter. Van By­len hat al­so ei­ne so­li­de Haus­macht und duzt wie Vor­gän­ger Ror­sted al­le Vor­stands­kol­le­gen.

Zur Ei­gen­tü­mer­fa­mi­lie pflegt er en­ge Kon­tak­te, und ob­wohl er schon ei­ni­ge Fa­b­ri­ken ge­schlos­sen hat und streng auf Kos­ten­dis­zi­plin ach­tet, be­grüßt auch die Ge­werk­schaft IG BCE van By­lens Wahl: „Ein gu­ter Mar­ke­ting­mann“, sag­te ihr Chef Micha­el Vas­si­lia­dis. Be­triebs­rats­chef Win­fried Zan­der hofft aber auch auf we­ni­ger Druck auf die Mit­ar­bei­ter.

Im Ge­spräch mit Kun­den fragt van By­len akri­bisch, was Hen­kel bes­ser ma­chen sol­le – Mar­ke­ting und Ent­wick­lung neu­er Pro­duk­te sind sei­ne Lei­den­schaft. Vie­le Jah­re reis­te er als Chef der Schön­heits­spar­te rund um den Glo­bus, um das Ge­schäft in ins­ge­samt 80 Län­dern ken­nen­zu­ler­nen. „Ich will im­mer wie­der et­was Neu­es ma­chen, das ist auch das Reiz­vol­le an die­ser Auf­ga­be“, sagt van By­len.

So plant van By­len ei­ne brei­te Di­gi­ta­lof­fen­si­ve. Doch er über­legt nicht nur, Ab­le­ger im deut­schen Grün­der­mek­ka Ber­lin auf­zu­bau­en, die di­gi­ta­le Ide­en ent­wi­ckeln, er möch­te das gan­ze Un­ter­neh­men um­ge­stal­ten und da­für das Wis­sen der Län­der­ge­sell­schaf­ten nut­zen. „Wir schau­en uns die Ar­beit un­se­res Teams in Schang­hai ge­nau an“, sagt er. Hen­kel ha­be in Chi­na am so­ge­nann­ten Singles-Day vier Mil­lio­nen Kos­me­tik­pro­duk­te an ei­nem Tag ver­kauft. Viel­leicht könn­te der Va­len­tins­tag in Deutsch­land und Eu­ro­pa ja ähn­li­che Ver­kaufs­er­fol­ge brin­gen? Auch der Ge­dan­ken­aus­tausch mit sei­nem 25-jäh­ri­gen Sohn, der in San Francisco ar­bei­tet, ist ihm wich­tig: „Der hat kein Au­to und kauft fast nur on­li­ne ein. Das ist schon fas­zi­nie­rend, und ich ler­ne, wenn wir mit­ein­an­der spre­chen.“

Sei­ne Gier nach Neu­em könn­te auch be­deu­ten, dass Hen­kel sich an gro­ße Über­nah­men wagt. Den letz­ten im­po­san­ten De­al schloss Ex-Kon­zern­chef Ul­rich Leh­ner 2008 ab: Für 3,7 Mil­li­ar­den Eu­ro kauf­te er den US-Kleb­stoff­her­stel­ler Na­tio­nal St­arch. Nach­fol­ger Ror­sted kon­zen­trier­te sich vor al­lem auf die Ren­di­te, es gab nur klei­ne­re Zu­käu­fe.

De­tails zu mög­li­chen Ak­qui­si­tio­nen lässt sich der neue Chef nicht ent­lo­cken, der Spiel­raum für De­als bis zu sechs oder sie­ben Mil­li­ar­den Eu­ro wä­re al­ler­dings da. „Die schau­en sich schon sehr in­ten­siv rund um den Glo­bus um“, sagt ein Kon­zern­ken­ner. „Und weil van By­len viel Ver­trau­en ge­nießt, wür­de ein gro­ßer Zu­kauf vom Auf­sichts­rat wohl nicht ab­ge­lehnt.“

Hans van By­len, neu­er Chef von Hen­kel Sei­te 8

Ich will im­mer wie­der et­was Neu­es ma­chen. Das ist das Reiz­vol­le an die­ser Auf­ga­be

Hans van By­len stammt aus ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen. Er ist das jüngs­te von vier Kin­dern, muss­te sich sein Stu­di­um selbst fi­nan­zie­ren. „Das hat mich zum Op­ti­mis­ten ge­macht“, sagt er heu­te.

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