Ge­fäng­nis­wirt­schaft

Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen - - | Inhalt - VON CHRIS­TI­AN SCHWERDTFEGER

Ar­bei­ten­de Häft­lin­ge in NRW er­wirt­schaf­ten Mil­lio­nen – be­kom­men selbst aber weit we­ni­ger als den drau­ßen gel­ten­den Min­dest­lohn.

Häft­lin­ge in nord­rhein-west­fä­li­schen Ge­fäng­nis­sen er­wirt­schaf­ten Mil­lio­nen­um­sät­ze und er­hal­ten we­ni­ger als zwei Eu­ro St­un­den­lohn. Ei­ni­ge wol­len sich das nicht län­ger ge­fal­len las­sen.

Um 6.40 Uhr je­den Mor­gen ist Di­enst­be­ginn. Für die meis­ten Ge­fan­ge­nen der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Wil­lich I be­ginnt dann der Ar­beits­tag in den ge­fäng­nis­ei­ge­nen Be­trie­ben: Map­pen fer­ti­gen in der Buch­bin­de­rei, ver­schie­de­ne Brot­sor­ten ba­cken in der Bä­cke­rei oder Bro­schü­ren und Fest­schrif­ten her­stel­len in der Dru­cke­rei. Ei­ne Schlos­se­rei gibt es auch, ei­ne Schrei­ne­rei, ei­nen Ma­ler­be­trieb. Fei­er­abend ist um 15.40 Uhr – ein Acht­stun­den­tag.

„Ein­ge­teilt wer­den die Ge­fan­ge­nen nach ih­ren Fä­hig­kei­ten“, sagt ein Mit­glied der An­stalts­lei­tung. „Der Ar­beits­lohn, den sie er­hal­ten, dient den Ge­fan­ge­nen zum Ein­kauf in der An­stalt und zur Bil­dung von Rück­la­gen für die Zeit nach der Ent­las­sung.“

Viel ist es je­doch nicht, was die Ge­fan­ge­nen für ih­re Tä­tig­keit hin­ter Git­tern er­hal­ten. Vie­le Be­trof­fe­ne fin­den: Es ist un­zu­mut­bar we­nig. Zwi­schen 9,41 und 15,69 Eu­ro am Tag be­kom­men Häft­lin­ge in deut­schen Straf­an­stal­ten – der ge­setz­li­che Min­dest­lohn liegt bei 8,50 Eu­ro die St­un­de. Für Straf­ge­fan­ge­ne gilt die Lohn­un­ter­gren­ze je­doch nicht.

Laut Straf­voll­zugs­ge­setz ist je­der Sträf­ling in Deutsch­land ver­pflich­tet, ei­ne ihm zu­ge­wie­se­ne, sei­nen kör­per­li­chen Fä­hig­kei­ten an­ge­mes­se­ne Ar­beit aus­zu­üben, so­lang kei­ne ge­sund­heit­li­chen Grün­de da­ge­gen­spre­chen. Die Ab­neh­mer der Pro­duk­te, die die Häft­lin­ge her­stel­len, sind zum gro­ßen Teil Un­ter­neh­men au­ßer­halb der JVA, die auf die­se Wei­se güns­tig ein­kau­fen. Nur we­ni­ge Gü­ter blei­ben in der Haft­an­stalt – et­wa die Back­wa­ren zur Selbst­ver­sor­gung.

Rund 26 Mil­lio­nen Eu­ro Um­satz ma­chen die Ei­gen­be­trie­be der Jus­tiz­voll­zugs­an­stal­ten pro Jahr. Über die In­ter­net­platt­form Knast­la­den.de wer­den vie­le der Pro­duk­te ver­mark­tet und ver­trie­ben. Et­wa 1000 ver­schie­de­ne Ar­ti­kel stel­len Häft­lin­ge in den Werk­stät­ten der 37 nord­rhein-west­fä­li­schen An­stal­ten her, vom Ak­ten­gurt bis zur Ein­bau­kü­che aus der Ge­fäng­nis­schrei­ne­rei. Im On­li­ne­shop kön­nen In­ter­es­sier­te zum Bei­spiel Ba­de­schlap­pen mit NRW-Lo­go für 15 Eu­ro er­ste­hen, ei­ne Back­form als Lan­des­sil­hou­et­te für 8,50 Eu­ro oder ei­ne Hals­ket­te mit Wür­feln in den weiß-rot-grü­nen Lan­des­far­ben für 35 Eu­ro, die auch Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Han­ne­lo­re Kraft (SPD) schon ge­tra­gen hat. In Sieg­burg wer­den Ro­ben für Rich­ter ge­schnei­dert, der Schreib­tisch von Fi­nanz­mi­nis­ter Nor­bert Wal­ter-Bor­jans (SPD) wur­de in der JVA Münster ge­schrei­nert.

An­ge­sichts der enor­men Pro­duk­ti­vi­tät und Krea­ti­vi­tät in den Haft­an­stal­ten wol­len man­che In­sas­sen die Mi­ni­löh­ne nicht län­ger ak­zep­tie­ren. Sie sei­en im Ge­fäng­nis, um ei­ne Frei­heits­stra­fe ab­zu­bü­ßen, nicht um für ei­nen Hun­ger­lohn für Fremd­fir­men und das Land zu ar­bei­ten, sagt et­wa André Bor­ris M. à Mous­sa Schmitz (48), NRW-Spre­cher des Ver­eins „Ge­fan­ge­nen-Ge­werk­schaft/Bun­des­wei­te Or­ga­ni­sa­ti­on“(GGBO).

Die GGBO wur­de im Mai 2014 von ei­nem Häft­ling der JVA Te­gel (Ber­lin) ge­grün­det. Von Rechts we­gen ist sie kei­ne Ge­werk­schaft, son­dern ein nicht rechts­fä­hi­ger Ver­ein, be­ruft sich aber auf das­sel­be Grund­recht. Ne­ben dem Min­dest­lohn for­dert sie auch ei­ne Ren­ten­ver­si­che­rung für Ge­fan­ge­ne. Denn in die­se zah­len sie wäh­rend ih­re Haft­zeit nicht ein. Vie­len dro­he des­halb spä­ter Al­ters­ar­mut, ar­gu­men­tiert die GGBO.

Doch die Ge­fan­ge­nen ste­hen mit ih­rer For­de­rung nach ge­rech­te­ren Löh­nen zu­dem ziem­lich al­lein. Für Po­li­tik und Ge­fäng­nis­lei­tun­gen ist die „Knast­ge­werk­schaft“ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on von eher zwei­fel­haf­tem Ruf. Die ge­rin­ge Be­zah­lung der Häft­lin­ge hält das nord­rhein-west­fä­li­sche Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um für ge­recht­fer­tigt. „Die Ar­beit, die sie ver­rich­ten, ist kei­ne Aus­beu­tung. Die Tä­tig­keit ist auch ei­ne Re­so­zia­li­sie­rungs­maß­nah­me“, ar­gu­men­tiert die JVA Wil­lich I. Die an die Häft­lin­ge ge­stell­ten An­for­de­run­gen sei­en nicht hoch. „Weil sie ja auch kei­ne Fach­ar­bei­ter auf den Ge­bie­ten sind, müs­sen wir ih­re Ar­beit an­schlie­ßend von meh­re­ren Be­am­ten prü­fen las­sen“, so die An­stalts­lei­tung. Rech­nen wür­de sich das für die Ge­fäng­nis­se nicht.

In der Dru­cke­rei der JVA Wil­lich I ar­bei­ten täg­lich rund 40 Häft­lin­ge. Der Be­trieb ha­be die Grö­ße ei­nes mit­tel­stän­di­schen Un­ter­neh­mens, sagt Dru­cke­rei­lei­ter Jo­chen Net­hö­vel. Her­ge­stellt wer­den un­ter an­de­rem Brief­um­schlä­ge, Bro­schü­ren, Fest­schrif­ten, Pla­ka­ten und Wer­be­zet­tel. Nach Schich­ten­de um 15.40 Uhr ha­ben die Ge­fan­ge­nen frei.

GGBO-Ak­ti­vist Mous­sa Schmitz, der eben­falls in Wil­lich ein­saß, wur­de ver­gan­ge­nen Sep­tem­ber aus der Haft ent­las­sen. Seit­her ist es in NRW ru­hig um die Ge­fan­ge­nen­or­ga­ni­sa­ti­on ge­wor­den.

for­dert ei­ne bes­se­re Be­zah­lung für Häft­lin­ge. Schweiß­ar­beit: Et­wa 1000 ver­schie­de­ne Ar­ti­kel stel­len Ge­fan­ge­ne der 37 Straf­an­stal­ten in NRW her.

André Bor­ris M. à Mous­sa Schmitz

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