Bü­ro­de­sign

Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen - - | Inhalt - VON DAG­MAR HAAS-PILWAT − −

Die Kä­fig­hal­tung von Schreib­tisch­an­ge­stell­ten hat aus­ge­dient. Das Bü­ro von mor­gen ist of­fen, fle­xi­bel und ver­netzt – und schafft trotz­dem Rück­zugs­mög­lich­kei­ten.

Im Schnitt 70 000 Stun­den sei­nes Le­bens ver­bringt der Mensch am Schreib­tisch – rund acht Jah­re. Je­der zweite Ar­beit­neh­mer ist nach An­ga­ben der Bun­des­an­stalt für Ar­beits­schutz und Ar­beits­me­di­zin (Baua) im Bü­ro tä­tig. Und in­zwi­schen wis­sen auch die meis­ten Un­ter­neh­men, wie wich­tig das rich­ti­ge Um­feld ist. „Ar­beit ist heu­te kom­ple­xer als die Wahl zwi­schen Zel­len- und Groß­raum­bü­ro“, sagt Ger­hard G. Feld­mey­er, Ar­chi­tekt und ei­ner der ge­schäfts­füh­ren­den Ge­sell­schaf­ter bei Hentrich-Pet­sch­nigg & Part­ner (HPP) im Düs­sel­dor­fer Me­di­en­ha­fen.

Wie aber muss das Bü­ro der Zu­kunft be­schaf­fen sein, das ne­ben Kom­mu­ni­ka­ti­on auch Kon­zen­tra­ti­on er­mög­li­chen kann? Was zeich­net ei­ne gu­te, zu­dem funk­tio­na­le In­nen­raum­ge­stal­tung aus? „Ar­beit ist heu­te viel­schich­tig, je­der tut ein biss­chen von al­lem Mög­li­chen und sel­ten lan­ge das Glei­che. Ent­spre­chend viel­fäl­tig müs­sen wir die Or­te ge­stal­ten“, sagt Wolf­gang Miaz­gow­ski, Ar­chi­tekt und In­nen­ar­chi­tekt bei HPP, der in den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren Zehn­tau­sen­de Ar­beits­plät­ze ge­stal­tet hat für Un­ter­neh­men wie Al­li­anz, Er­go, Vo­da­fo­ne, Santan­der Bank, Lan­xess und BASF. Da­her brau­che es für je­den Ein­zel­fall ei­ne maß­ge­schnei­der­te Lö­sung.

Spit­zen­be­din­gun­gen für Spit­zen­kräf­te

Bei HPP geht die Gestal­tung der neu­en Deutsch­land­zen­tra­le von Mi­cro­soft in Mün­chens Park­stadt Schwa­bing in die End­pha­se, die Pla­nung für das Head­quar­ter des Kos­me­tik­kon­zerns L’Oréal in Düsseldorf läuft auf Hoch­tou­ren. Bei­de Pro­jek­te ste­hen für Pa­ra­dig­men­wech­sel in der mo­der­nen Ar­beits­welt. Denn die Bü­ro­wel­ten von heu­te gel­ten als Mi­kro­kos­mos des Ar­beits­all­tags – sie spie­geln tech­ni­sche, ge­sell­schaft­li­che und wirt­schaft­li­che Trends. So braucht die di­gi­ta­le Welt von Mi­cro­soft ein Bü­ro fürs Zu­sam­men­kom­men, für die Kom­mu­ni­ka­ti­on. „Und weil das Bü­ro je­dem Mit­ar­bei­ter je­der­zeit das ge­ben muss, was er ge­ra­de braucht, sind dort vier ver­schie­de­ne, in den Mi­cro­soft-Far­ben ge­stal­te­te Raum­kon­zep­te ent­stan­den: zum krea­ti­ven Dis­ku­tie­ren, zum Nach­den­ken, zum kon­zen­trier­ten Ar­bei­ten und zum Be­spre­chen in Grup­pen“, sagt Feld­mey­er.

„Smart Works­pace“nennt der oh­ne Pa­pier funk­tio­nie­ren­de Di­gi­tal­rie­se sei­ne Ar­beits­welt, in der kein Mit­ar­bei­ter mehr ei­nen ei­ge­nen Schreib­tisch hat. Es geht um Raum statt um ei­nen fes­ten Platz, um ei­nen Ort, an dem man un­ter­wegs ist beim Ar­bei­ten. Das funk­tio­niert – schließ­lich ist man di­gi­tal, per­ma­nent on­li­ne und hat von der Tief­ga­ra­ge bis zum haus­ei­ge­nen Fit­ness­cen­ter WLAN. Wer ei­nen Ar­beits­platz mit Com­pu­ter braucht, der setzt sich an ei­nen. Die per­sön­li­chen Din­ge ste­cken in ei­nem schma­len Spind. Ein­zel­bü­ros sucht man hier ver­geb­lich. Selbst die Vor­stän­de sit­zen mit­ten­drin.

„Der Trend geht zu fle­xi­bel nutz­ba­ren Bü­ro­land­schaf­ten, aus­ge­stat­tet mit mo­derns­ter Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gie und au­to­ma­ti­sier­ter Licht- und Kli­ma­tech­nik“, er­klärt Rik­lef Ram­bow, Pro­fes­sor für Ar­beits­psy­cho­lo­gie am Karls­ru­her In­sti­tut für Tech­no­lo­gie (KIT). Denn die Di­gi­ta­li­sie­rung hat vie­le neue Frei­hei­ten in der Bü­ro­ge­stal­tung ge­schaf­fen. Die­se Mög­lich­kei­ten will auch L’Oréal in sei­nem im Bau be­find­li­chen Fir­men­sitz „Ho­ri­zon“aus­schöp­fen.

Un­ter dem Ti­tel „My new of­fice“ge­stal­ten dort Wolf­gang Miaz­gow­ski und sein Team „Wohl­fühl­bü­ros“. Denn die heu­te heiß be­gehr­te Ge­ne­ra­ti­on Y der 25- bis 35-Jäh­ri­gen er­war­tet von ih­rem Ar­beits­um­feld, das es ih­ren Vor­stel­lun­gen vom Le­ben ent­spricht: in­spi­rie­rend, fle­xi­bel, pro­duk­tiv, in­di­vi­du­ell und at­mo­sphä­risch stark. „Wenn ich als Un­ter­neh­mer die Bes­ten der Bes­ten ak­qui­rie­ren möch­te, dann muss ich ho­he Auf­ent­halts­qua­li­tät für die Mit­ar­bei­ter und op­ti­ma­le Ef­fi­zi­enz bie­ten – eben Spit­zen­be­din­gun­gen für Spit­zen­kräf­te“, be­tont der Lei­ter der In­nen­ar­chi­tek­tur bei HPP.

„Ein gu­tes Bü­ro“, sagt Feld­mey­er, „fängt bei der ein­la­den­den Ge­bäu­de­ar­chi­tek­tur an, die ei­ne si­gni­fi­kan­te Spra­che si­gna­li­siert, da­mit der Mit­ar­bei­ter sich stark mit dem Ort und dem Un­ter­neh­men iden­ti­fi­zie­ren kann“. So wer­den bei L’Oréal mit sei­nen zahl­rei­chen un­ter ei­nem Dach ver­ein­ten Mar­ken im neu­en Hoch­haus auf ei­ner Ge­samt­flä­che von fast 20 000 Qu­d­rat­me­tern bis zu 100 Per­so­nen auf den ge­schoss­hoch ver­glas­ten Eta­gen be­schäf­tigt sein. Der Groß­raum ist flie­ßend als of­fe­nes Ge­fü­ge ge­stal­tet mit im Raum ver­teil­ten Glas­wän­den für klei­ne­re Be­spre­chungs­räu­me und Thinktanks. Doch die Ak­zep­tanz von Open Space funk­tio­niert dem 60-Jäh­ri­gen zu­fol­ge nur dann, wenn höchs­ter akus­ti­scher Kom­fort er­reicht wird. Da­bei ge­he es nicht nur ums Wohl­füh­len als Selbst­zweck. Un­ter schlecht kon­zi­pier­ten Groß­raum­bü­ros lei­de auch die Ar­beits­leis­tung, zum Bei­spiel, weil man sich auf­grund des Ge­räusch­pe­gels schlecht kon­zen­trie­ren kön­ne, weiß Ar­beits­psy­cho­lo­ge Ram­bow.

Bei L’Oréal wird die kleins­te Zel­le im Open Space als Vie­rer­block („In­sel“) ent­lang der

Maus­graue Amts­stu­ben ha­ben aus­ge­dient, un­kom­mu­ni­ka­ti­ve Ein­zel­zel­len eben­so. Das Bü­ro der Zu­kunft wird bunt, fle­xi­bel und ver­netzt — und lässt trotz­dem Raum für Pri­vat­sphä­re.

Glas­front an­ge­legt. Statt auf ex­tra­va­gan­te Gestal­tungs­ele­men­te setzt der Be­au­ty­kon­zern auf zeit­lo­ses De­sign. „Der Mit­ar­bei­ter hat die Gestal­tungs­ho­heit, je­der kann selbst ent­schei­den, ob er lieber im Sit­zen oder im Ste­hen ar­bei­tet oder sich le­ger plat­zie­ren möch­te“, er­klärt Miaz­gow­ski. Er­go­no­mi­sche Stüh­le und gro­ße Mo­ni­to­re sei­en „Sta­te of the Art“. Der Bild­schirm wird an ei­nem Rück­grat be­fes­tigt und lässt sich in der Hö­he ver­stel­len. Ei­ne Mon­ta­ge­leis­te kann in­di­vi­du­ell mit Ar­beitsu­ten­si­li­en be­stückt wer­den, so­dass der Tisch bis auf die Tas­ta­tur und dem schwe­ben­den Bild­schirm frei und auf­ge­räumt ist. Fa­mi­li­en­fo­tos und pri­va­te Ge­gen­stän­de müs­sen nicht sein, he­ben je­doch wie Un­ter­su­chun­gen ge­zeigt ha­ben – die Mo­ti­va­ti­on.

Mo­der­ne Groß­raum­bü­ros müss­sen ne­ben akus­tisch op­ti­mal aus­ge­rüs­te­ten Ar­beits­plät­zen vor al­lem Rück­zugs­or­te be­reit­stel­len. So sind bei L’Oréal Te­le­fon­bo­xen für pri­va­te Ge­sprä­che und na­he­zu für je­den Mit­ar­bei­ter ein al­ter­na­ti­ver Be­spre­chungs­ort vor­ge­se­hen: et­wa an se­pa­ra­ten Ar­beits­ti­schen in der mul­ti­funk­tio­nal ein­ge­rich­te­ten Raum­mit­te oder im groß­zü­gi­gen Re­stau­rant mit zen­tra­ler Ca­fe­te­ria, die viel­fäl­ti­ge und au­ßer­ge­wöhn­li­che Be­spre­chungs­or­te in Form von run­den Sit­zin­seln, Steh­ben­ches und Loun­ges be­reit­hält.

Schlum­mer­zo­nen fürs Ni­cker­chen

„Wenn der Ar­beits­platz Bü­ro und neu­es Zu­hau­se sein soll, soll­te er das bie­ten, was der Mit­ar­bei­ter auch in sei­ner Frei­zeit gern lebt“, sagt Feld­mey­er. Das fängt bei der Rü­cken­mas­sa­ge an und hört bei frisch zu­be­rei­te­ten Smoot­hies nicht auf. Sich wohl­zu­füh­len sei für die An­ge­hö­ri­gen der Ge­ne­ra­ti­on Z, die mehr­heit­lich nach 1990 ge­bo­ren sind, die Be­din­gung für Leis­tung. Wie at­trak­tiv ein Un­ter­neh­men als Ar­beit­ge­ber ist, ent­schei­det dem­nach auch die Aus­stat­tungs­qua­li­tät. Der rich­ti­ge Ar­beits­platz wird als Wert­schät­zung der ei­ge­nen Per­son emp­fun­den. Vi­deo­kon­fe­ren­zen oder Sky­pe an je­dem Ar­beits­platz ge­hö­ren zum selbst­ver­ständ­li­chen In­ven­tar. „Das In­ter­net ver­netzt al­le über al­le Hier­ar­chie­ebe­nen hin­weg, da spielt der Ort kei­ne Rol­le mehr“, be­tont Miaz­gow­ski. Da­bei wird sich nach Ein­schät­zung der Ex­per­ten der Ar­beits­platz in den kom­men­den Jah­ren in­halt­lich noch dy­na­mi­scher ver­än­dern. Selbst Schlum­mer­zo­nen für ein Ni­cker­chen zwi­schen­durch gel­ten nicht län­ger als exo­tisch.

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