In­dus­trie- und Han­dels­kam­mern

Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen - - | Inhalt - VON MICHA­EL BRÖ­CKER UND ANT­JE HÖNING

Ko­ope­ra­tio­nen zwi­schen Düs­sel­dor­fern und Köl­nern kön­nen nicht funk­tio­nie­ren. Oder doch? Die Chefs der ört­li­chen IHKs im Dop­pe­l­in­ter­view.

Düsseldorf und Köln lie­gen im Dau­er­clinch. Zwei Groß­städ­te so eng bei­ein­an­der – mal herrscht ge­sun­der Wett­be­werb, mal läh­men­des Ge­gen­ein­an­der. Mit wem lässt sich dar­über bes­ser re­den, als mit bei­den IHK-Chefs? Gre­gor Berg­hau­sen ist Haupt­ge­schäfts­füh­rer der In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer (IHK) Düsseldorf. Ulf Reichardt ist sein Ge­gen­part bei der IHK Köln.

Köln hat den Dom und Düsseldorf die bes­se­ren Kar­ne­vals­wa­gen. Was kön­nen die Städ­te von­ein­an­der ler­nen?

Gre­gor Berg­hau­sen: Köln steht für Krea­ti­vi­tät, Ju­gend­lich­keit und Flip­pig­keit. Düsseldorf ist ge­prägt von In­ter­na­tio­na­li­tät und ei­nem po­li­ti­schen Um­feld. Je­de Stadt hat ih­re Ei­gen­ar­ten, wir soll­ten sie nicht ge­gen­ein­an­der aus­spie­len. Köln kann von Düsseldorf ler­nen, wie man gro­ße Bau­pro­jek­te ma­nagt. Düsseldorf hat mit der neu­en U-Bahn „Wehr­hahn-Li­nie“ge­zeigt, wie man ein Groß­pro­jekt pünkt­lich und oh­ne Skan­da­le stemmt. Da­mit hat es die Stadt so­gar in die in­ter­na­tio­na­len Me­di­en ge­schafft.

Ulf Reichardt: ... und Köln zeigt mit der Oper, wie es nicht ge­hen soll­te. Pla­nung funk­tio­niert in Düsseldorf tat­säch­lich oft bes­ser. Das hat viel­leicht da­mit zu tun, dass Düsseldorf Lan­des­haupt­stadt ist. Hier sind Po­li­tik und Ver­wal­tung trai­nier­ter bei gro­ßen Pro­jek­ten.

Was ge­nau macht Düsseldorf an­ders? Berg­hau­sen: Bei der U-Bahn hat­te die Stadt ei­nen groß­ar­ti­gen Pro­jekt­lei­ter. Es gab kla­re Ver­ant­wort­lich­kei­ten, kla­re Struk­tu­ren und klar de­fi­nier­te Frei­hei­ten. So konn­ten Pro­ble­me rasch be­sei­tigt wer­den. Zeit und Geld blie­ben im Rah­men.

Oper, U-Bahn, Mes­se­hal­len – im­mer wie­der hat Köln Är­ger mit Neu­bau­ten. Scha­det der Köl­ner Klün­gel?

Reichardt: Ich glau­be nicht, dass das ein spe­zi­fi­sches Köl­ner The­ma ist. Nur heißt das in an­de­ren Städ­ten Netz­wer­ken. Grund­sätz­lich gilt: Netz­wer­ke zwi­schen Wirt­schaft und Po­li­tik schaf­fen Ver­trau­en und er­leich­tern Ent­schei­dun­gen. Wenn sich al­le an die Spiel­re­geln hal­ten, sind sie zum Se­gen ei­ner Stadt. Gin­ge es bei­den Städ­ten bes­ser, wenn sie ko­ope­rier­ten, statt ge­gen­ein­an­der zu ar­bei­ten?

Berg­hau­sen: In der Tat – und die Ver­kehrs­pla­nung ist da­für das bes­te Bei­spiel. Jah­re­lang ha­ben die ein­zel­nen Städ­te ver­sucht, je­weils das meis­te für sich aus Bun­de­stöp­fen zu ho­len. Da­bei sind vie­le Ver­kehrs­pro­ble­me Pro­ble­me der ge­sam­ten Re­gi­on. Neh­men wir die ma­ro­de A1-Rhein­brü­cke bei Leverkusen.

Un­ter ihr lei­det die Wirt­schaft in Leverkusen, Köln und Düsseldorf glei­cher­ma­ßen. Wir müs­sen ge­mein­sam dar­auf drin­gen, dass der Bund rasch die neue Brü­cke baut.

War­um ar­bei­ten nicht Mes­sen, Stadt­wer­ke und Flug­hä­fen bei­der Städ­te zu­sam­men? Reichardt: Flug­hä­fen und Mes­sen sind be­triebs­wirt­schaft­lich ent­schei­den­de Un­ter­neh­men. Wenn sich ei­ne stär­ke­re Ko­ope­ra­ti­on rech­net, wer­den sie en­ger zu­sam­men­ar­bei­ten, sonst nicht. Bei den Stadt­wer­ken und Hä­fen gibt es ja be­reits Ko­ope­ra­tio­nen.

Na ja, die Düs­sel­dor­fer ha­ben dan­kend ab­ge­winkt, als die Rhei­n­ener­gie Köln der En BW an­ge­bo­ten hat, de­ren An­tei­le an den Stadt­wer­ken Düsseldorf zu über­neh­men. Berg­hau­sen: Noch will En BW gar nicht kon­kret ver­kau­fen. Grund­sätz­lich gilt: Strom ist we­gen der Fra­ge der Ver­sor­gungs­si­cher­heit ein be­son­de­res Gut. Da sind vie­le Städ­te ei­gen. Was ist mit den Flug­hä­fen? Die bei­den Air­port-Chefs schei­nen sich nicht zu mö­gen. Reichardt: Wie ge­sagt: Ko­ope­ra­tio­nen sind Sa­che der Un­ter­neh­men, da mi­schen wir uns als IHK nicht ein.

Nun wol­len die Grü­nen, dass der Ka­pa­zi­täts­aus­bau in Düsseldorf ge­stoppt wird und die Pas­sa­gie­re nach Wee­ze oder Köln um­lei­ten. Was hal­ten Sie da­von?

Berg­hau­sen: We­nig. Die IHK Düsseldorf hat die Un­ter­neh­men in Stadt und Um­kreis zum Flug­ha­fen be­fragt, das Vo­tum ist ein­deu­tig: Drei­vier­tel der Un­ter­neh­men sa­gen, dass der Aus­bau des Düs­sel­dor­fer Flug­ha­fens wich­tig oder sehr wich­tig ist. Der Flug­ha­fen ist ein Wachs­tums- und Job­mo­tor. Die gu­te An­bin­dung ist für vie­le Fir­men ein wich­ti­ger Stand­ort­fak­tor.

Der Flug­ha­fen Köln lebt da­von, dass er auch nachts an­ge­flo­gen wer­den darf. Was, wenn die­se Re­ge­lung aus­läuft?

Reichardt: Die Nacht­flug­er­laub­nis läuft 2030 aus – und muss un­be­dingt ver­län­gert wer­den. Sie ist ein gro­ßer Stand­ort­vor­teil für Köln. Al­so kei­ne Ko­ope­ra­ti­on beim Flug­ha­fen. Wo denn dann?

Berg­hau­sen: Das Rhein­land muss sich als Re­gi­on ver­mark­ten – das hilft beim welt­wei­ten Rin­gen um Ar­beits­kräf­te, In­ves­to­ren und Tou­ris­ten. Es är­gert mich, dass im Köl­ner Haupt­bahn­hof Ham­burg als Uni­stand­ort um Stu­die­ren­de wirbt, das Rhein­land aber nichts Ver­gleich­ba­res zu­stan­de bringt. Da­bei er­gän­zen sich Köln und Bonn mit den Schwer­punk­ten Ju­ra und Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, Aachen mit den In­ge­nieur­wis­sen­schaf­ten so­wie Düsseldorf mit der Me­di­zin her­vor­ra­gend. Kei­ne Re­gi­on in Eu­ro­pa hat ei­ne sol­che Dich­te an Uni­ver­si­tä­ten und Hoch­schu­len wie das Rhein­land, aber es macht zu we­nig dar­aus.

Reichardt: Auch bei der Di­gi­ta­li­sie­rung kön­nen die Städ­te en­ger zu­sam­men­ar­bei­ten. Die Lan­des­re­gie­rung will fünf Hubs zur Un­ter­stüt­zung des di­gi­ta­len Wan­dels er­rich­ten – Köln und Düsseldorf ha­ben sich je­der für sich be­wor­ben. Bonn hat eben­falls ei­nen ei­ge­nen An­trag ein­ge­reicht. Hier gibt es be­stimmt noch Po­ten­zi­al zur Zu­sam­men­ar­beit.

Klingt nicht nach ei­ner gro­ßen Vision ... Reichardt: Hier muss ich selbst­kri­tisch ein­ge­ste­hen: Die gro­ße Vision mag uns ab­han­den­ge­kom­men sein. Es wird Zeit, dass wir sie be­le­ben. Der Ge­dan­ke der Me­tro­pol­re­gi­on muss wie­der emo­tio­na­li­siert wer­den.

Den Un­ter­neh­men wol­len Sie nicht rein­re­den, aber ha­ben die IHKs denn kei­ne ei­ge­ne Vision für das Rhein­land der Zu­kunft? Reichardt: Doch. Ge­mein­sam ma­chen sich die IHKs für die Me­tro­pol­re­gi­on Rhein­land stark. Ich ge­be zu: Zu­nächst ha­be ich das für ein „to­tes Pferd“ge­hal­ten, doch in­zwi­schen se­he ich, wel­che Chan­cen in­sti­tu­tio­na­li­sier­te Zu­sam­men­ar­beit bie­tet – in der Au­ßen­dar­stel­lung, beim Kampf um För­der­mit­tel der EU und bei prak­ti­schen Din­gen wie dem öf­fent­li­chen Nah­ver­kehr über die Gren­zen der ein­zel­nen Ver­kehrs­ver­bün­de hin­weg. Er­klä­ren Sie uns, was die Me­tro­pol­re­gi­on Rhein­land ma­chen soll.

Berg­hau­sen: Hier schlie­ßen sich die Städ­te und Krei­se zu­sam­men, um ge­mein­sam auf­zu­tre­ten und das Bes­te für die Re­gi­on her­aus­zu­ho­len. Der frü­he­re Grey-Chef Bernd Micha­el hat­te schon vor Jah­ren vor­ge­schla­gen, das Gan­ze „Rhine­ci­ty“zu nen­nen – ein Kunst­na­me, der sich nicht durch­set­zen konn­te. Doch er mar­kiert den An­spruch: Die Re­gi­on hat acht Mil­lio­nen Bür­ger und Kun­den, sie ist da­mit ei­ne der gro­ßen Me­tro­pol­re­gio­nen der Welt. Sie ist mäch­ti­ger, als ihr oft be­wusst ist. Und, wo liegt die Zen­tra­le?

Reichardt: Klar, das ist ein schwie­ri­ger Punkt, aber wir ha­ben ei­ne rhei­ni­sche Lö­sung ge­fun­den. Der Sitz der Me­tro­pol­re­gi­on mit der Ge­schäfts­stel­le ist wahr­schein­lich Köln, die Lei­tung liegt zu­nächst bei Düsseldorf. Die end­gül­ti­ge Ent­schei­dung liegt na­tür­lich bei der Mit­glie­der­ver­samm­lung, wenn der Ver­ein ge­grün­det ist.

Hört sich eher nach fau­lem Kom­pro­miss mit Ef­fi­zi­enz­ver­lus­ten an.

Berg­hau­sen: Viel­leicht wirkt hier das his­to­ri­sche Trau­ma nach, denn Ver­wal­tungs­sit­ze ha­ben im Rhein­land ei­ne be­son­de­re Ge­schich­te: Sitz des Par­la­ments der frü­he­ren Rhein­pro­vinz wur­de 1822 das ver­gleichs­wei­se klei­ne Düsseldorf, nicht das gro­ße Köln. Da­her darf die gro­ße Idee nicht an der Ver­wal­tung schei­tern. Im Herbst 2016 ent­schei­den 6500 Man­dats­trä­ger in Rä­ten und Kreis­ta­gen, ob ih­re Städ­te und Krei­se die Me­tro­pol­re­gi­on ge­mein­sam grün­den. Da­für wer­ben wir!

Auch die Ruhr­ge­biets­städ­te ver­su­chen seit Jahr­zehn­ten, ge­mein­sam auf­zu­tre­ten. Was kön­nen Sie von den Nach­barn ler­nen? Berg­hau­sen: Das Ruhr­ge­biet hat ei­ne lang­jäh­ri­ge Er­fah­rung in der Ge­win­nung von För­der­gel­dern et­wa von der EU und der Ko­ope­ra­ti­on auf Au­gen­hö­he. Da­von kön­nen wir si­cher ler­nen. An­sons­ten gilt: Wir wer­den selbst­be­wusst-freund­lich ge­gen­über dem Ruhr­ge­biet auf­tre­ten.

Wel­che IHK ist ei­gent­lich günstiger – Köln oder Düsseldorf?

Reichardt: Die Bei­trä­ge sind in Köln et­was hö­her – aber die Bei­trä­ge sind auch ein Spie­gel des Leis­tungs­an­spruchs und -um­fangs ei­ner IHK. Sie wer­den vom Eh­ren­amt, von der Voll­ver­samm­lung be­schlos­sen.

Berg­hau­sen: Die Bei­trags­fra­ge darf man auch nicht über­be­wer­ten. Die Düs­sel­dor­fer Wirt­schaft ist seit vie­len Jah­ren sehr er­folg­reich und da­mit ver­tei­len sich die Kos­ten der IHK auf vie­le Schul­tern.

Zum Schluss ei­ne per­sön­li­che Fra­ge: Wo liegt für Sie je­weils der schöns­te Ort in der an­de­ren Stadt?

Reichardt: Mein liebs­ter Ort ist die Nord­stra­ße, sie ist quir­lig und au­then­tisch, ein schö­ner Ort zum Bum­meln und Aus­ge­hen. Berg­hau­sen: Mein liebs­ter Ort in Köln ist der Rhein­bou­le­vard – die neue gro­ße Frei­trep­pe in Deutz. Dort hat man von der rech­ten Rhein­sei­te ei­nen wun­der­ba­ren Blick auf die Stadt.

KÖLN-DÜS­SEL­DOR­FER DOP­PEL

Gre­gor Berg­hau­sen, ge­bo­ren 1968 in Porz am Rhein, ist seit An­fang des Jah­res Haupt­ge­schäfts­füh­rer der IHK in der Lan­des­haupt­stadt. Zu sei­nen Hob­bys zählt er Jazz­kla­vier­spie­len und sei­ne Fa­mi­lie – Berg­hau­sen ist ver­hei­ra­tet und hat drei Kin­der. Ak­tu­el­le Buch­tipps des stu­dier­ten Volks­wirt­schaft­lers und His­to­ri­kers: Die Bio­gra­fie „Wie Elon Musk die Welt ver­än­dert“und der Ro­man „Brea­king News“von Frank Schät­zing.

Ulf Reichardt, ge­bo­ren 1965 in Na­gold, über­nahm 2012 des Chef­pos­ten bei der IHK

Köln. Sei­ne Frei­zeit ver­bringt auch Reichardt am liebs­ten mit sei­ner Frau und den bei­den Kin­dern, vor­zugs­wei­se im drau­ßen im Frei­en.

Der In­dus­trie­kauf­mann und Be­triebs­wirt­schaft­ler emp­fiehlt ak­tu­ell den Ro­man „Al­les LI cht, das wir nicht se­hen“des US-Schrift­stel­lers Ant­ho­ny Do­err.

Na bit­te, geht doch: Im In­ter­view tre­ten der Düs­sel­dor­fer IHK-Chef Gre­gor Berg­hau­sen (links) und sein Köl­ner Kol­le­ge Ulf Reichardt den Be­weis an, dass es zwi­schen Ver­tre­tern der bei­den gro­ßen Rhein-Me­tro­po­len ab und zu so­gar lus­tig zu­ge­hen kann.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.