Men­ta­li­tät

Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen - - | Inhalt - VON GE­ORG WINTERS

Rhein­län­der und West­fa­len – ein Herz und ei­ne See­le? Von we­gen. War­um die bei­den gro­ßen Lan­des­tei­le auch nach 70 Jah­ren ih­re Pro­blem­chen mit­ein­an­der ha­ben.

Trifft ein Rhein­län­der ei­nen West­fa­len mit ei­nem Pa­pa­gei auf der Schul­ter. Fragt der Rhein­län­der: „Kann der auch spre­chen?“Sagt der Pa­pa­gei: „Kei­ne Ah­nung.“Halt! Mo­ment! Be­vor Sie jetzt den­ken, wir sei­en par­tei­isch, hier ein Sprich­wort zur Be­frie­dung: „Die West­fa­len hal­ten, was die Rhein­län­der ver­spre­chen.“

Bei­de Volks­weis­hei­ten le­gen den Schluss na­he, dass es auch 70 Jah­re nach dem Zu­sam­men­schluss nicht weit her ist mit der Lan­desi­den­ti­tät Nord­rhein-West­fa­lens. Die Rhein­län­der neh­men die West­fa­len nicht ernst, die­se wie­der­um hal­ten die an­de­ren für Groß­mäu­ler, die we­nig mehr als hei­ße Luft pro­du­zie­ren, so lie­ßen sich die Zi­ta­te le­sen. Das wä­ren nicht wirk­lich gu­te Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne ge­deih­li­che Zu­sam­men­ar­beit. Und bei al­lem Au­gen­zwin­kern: Es scheint et­was dran zu sein, dass al­te Vor­ur­tei­le bis heu­te Aus­wir­kun­gen auf wirt­schaft­li­che Rea­li­tä­ten ha­ben. Zum Bei­spiel, dass Fu­sio­nen zwi­schen Rhein­län­dern und West­fa­len ein­fach nicht klap­pen.

Es ist schon ku­ri­os: Im­mer dann, wenn es im Bin­de­strich-Bun­des­land um das öko­no­mi­sche Gan­ze geht, funk­tio­niert das Mit­ein­an­der nicht. Das Pa­ra­de­bei­spiel ist der mehr­fach ge­schei­ter­te Ver­such, die bei­den Pro­vin­zi­al-Ver­si­che­rungs­grup­pen in Düsseldorf und Münster zu­sam­men­zu­brin­gen. Der bis­lang letz­te An­lauf schlug vor drei­ein­halb Jah­ren fehl, weil sich bei­de nicht auf ei­ne ge­mein­sa­me Ge­sell­schafts­form ver­stän­di­gen konn­ten. Die Rhein­län­der woll­ten ei­ne An­stalt öf­fent­li­chen Rechts, der Land­schafts­ver­band West­fa­len/ Lip­pe lieber an der in Münster schon vor­han­de­nen AG fest­hal­ten.

Vier Jah­re zu­vor war die Fu­si­on an der Feh­de um Stand­or­te und Füh­rungs­fra­ge ge­schei­tert. Am En­de stand je­weils die Er­kennt­nis, dass die lo­ka­len Pf­rün­de wich­ti­ger wa­ren als die öko­no­mi­sche Ver­nunft. Beim vor­erst letz­ten Ver­such ent­stand zu­dem noch öf­fent­li­che Auf­re­gung um ei­nen ver­meint­li­chen An­griff auf den da­ma­li­gen Müns­te­ra­ner Pro­vin­zi­al-Chef Ul­rich Rüt­her. Das Gan­ze ent­pupp­te sich spä­ter als Selbstat­ta­cke Rüt­hers, de­ren Mo­ti­ve nie of­fi­zi­ell auf­ge­klärt wur­den. Vie­le ge­hen da­von aus, dass Rüt­her dem Druck nicht ge­wach­sen war.

Nur woran liegt das schwie­ri­ge Mit­ein­an­der der Lands­mann­schaf­ten? Wol­len Rhein­län­der und West­fa­len nicht mit­ein­an­der – oder kön­nen sie nicht? Man könn­te jetzt die Spar­kas­sen­ver­bän­de auf bei­den Sei­ten fra­gen. Aber soll­te man in Sa­chen Fu­si­ons­be­mü­hun­gen aus­ge­rech­net ih­nen trau­en? Der Zu­sam­men­schluss der Ver­bän­de im Rhein­land und in West­fa­len-Lip­pe ist so­gar im nord­rhein-west­fä­li­schen Spar­kas­sen­ge­setz ver­an­kert, und trotz­dem ha­ben es bei­de bis­her ge­schafft, das Bünd­nis zu um­ge­hen. Da der Lan­des­fi­nanz­mi­nis­ter nicht von sei­nem Recht Ge­brauch macht, die Fu­si­on zu er­zwin­gen, herrscht Still­stand. Die Spar­kas­sen po­chen dar­auf, dass es gut sei, wenn ein so gro­ßes Land wie NRW im Bund mit zwei Stim­men ver­tre­ten sei. Aber das über­zeugt längst nicht je­den.

Auch die Wes­tLB hat­te bis zu ih­rem En­de aus his­to­ri­schen Grün­den Stand­or­te in Düsseldorf und Münster, ob­wohl die be­triebs­wirt­schaft­li­chen Not­wen­dig­keit da­für äu­ßerst fra­ge­wür­dig war. Ge­kratzt hat dar­an den­noch nie­mand. Eben­so we­nig wie an den Land­schafts­ver­bän­den, die es eben­falls par­al­lel im Rhein­land und in West­fa­len-Lip­pe gibt.

Im Mai hat Pro­vin­zi­al-Rhein­land-Chef Wal­ter Tes­arc­zyk üb­ri­gens auf ei­ne ent­spre­chen­de Fra­ge ge­sagt, man ste­he ei­ner Fu­si­on prin­zi­pi­ell po­si­tiv ge­gen­über, aber die Rah­men­be­din­gun­gen müss­ten stim­men. Das hät­te man so auch 2001 und 2004 be­reits sa­gen kön­nen. Und Tes­arc­zyks Amts­kol­le­ge in Münster, Wolf­gang Breu­er, er­klär­te jüngst: „Das The­ma Fu­si­on wird nicht vom Ra­dar ver­schwin­den.“Ob es der­zeit kon­kre­te Ge­sprä­che ge­be, ließ er of­fen. Das sei Sa­che der Ei­gen­tü­mer.

So läuft es dies­seits und jen­seits der nicht mehr vor­han­de­nen Gren­ze an­dau­ernd: Al­le be­kun­den öf­fent­lich ihr ge­gen­sei­ti­ges Wohl­wol­len und ih­re Be­reit­schaft – und al­le sind froh, wenn am En­de doch nichts pas­siert. Dann be­lo­bigt man ein­an­der für die woh­li­ge Ver­hand­lungs­at­mo­sphä­re, und al­les bleibt beim Al­ten, Gott sei Dank. „Et hätt noch em­mer jot je­jan­ge“, wür­de der Rhein­län­der sa­gen. Ein ver­gleich­ba­res Sprich­wort gibt es in West­fa­len un­se­ren Re­cher­chen zu­fol­ge nicht. Lei­der, denn dann wä­ren sich bei­de Sei­ten viel­leicht aus­nahms­wei­se mal ei­nig.

Seit 70 Jah­ren sind das nörd­li­che Rhein­land und West­fa­len in ei­nem Land ver­eint. Zu ei­ner Ein­heit ge­wor­den sind sie bis heu­te nicht — wie ei­ni­ge wirt­schaft­li­che Ku­rio­si­tä­ten be­le­gen.

70. Ge­burts­tag: Am 23. Au­gust 1946 leg­te die bri­ti­sche Be­sat­zungs­macht den nörd­li­chen Teil der Rhein­pro­vinz mit West­fa­len zu­sam­men. Das Land Lip­pe kam erst ein Jahr spä­ter hin­zu.

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