Bau­män­gel

Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen - - | Inhalt - VON KATHINKA BURKHARDT

Pe­ter Knüp­pels Ge­schäft ist Pfusch: Im In­ter­view er­klärt der Bau­sach­ver­stän­di­ge, war­um er trotz al­lem zu ei­nem Haus­bau rät.

Pe­ter Knüp­pel ist öf­fent­lich be­stell­ter Bau­sach­ver­stän­di­ger der Ar­chi­tek­ten­kam­mer NRW. Ihm sind schon vie­le ver­zwei­fel­te Haus­be­sit­zer be­geg­net. Zum Bau ei­nes Ei­gen­heims rät er trotz­dem. Un­ter ei­ner Vor­aus­set­zung.

Herr Knüp­pel, Sie ha­ben vie­le Bau­ka­ta­stro­phen ge­se­hen. Kön­nen Sie über­haupt noch ir­gend­wem emp­feh­len, selbst zu bau­en? Pe­ter Knüp­pel: Auf je­den Fall. Ich wür­de mo­men­tan so­gar da­von ab­ra­ten, ei­ne ge­brauch­te Im­mo­bi­lie zu kau­fen. Das liegt nicht dar­an, dass ein Alt­bau un­be­dingt schlech­ter ist. Aber die Prei­se für Häu­ser sind re­gio­nal ein­fach völ­lig über­teu­ert: Bis vor ei­ni­gen Jah­ren wur­den Im­mo­bi­li­en mit un­ge­fähr dem Zwölf- bis 14-Fa­chen des Jah­res­roh­er­trags be­wer­tet, mitt­ler­wei­le sind sie beim 20- bis 24-Fa­chen. Das liegt an der der­zei­ti­gen psy­cho­lo­gisch be­grün­de­ten Flucht in Be­ton­gold. Und bei den mo­men­ta­nen Zins­sät­zen ist es ei­gent­lich egal, was der Haus­kauf kos­tet – er wird fi­nan­ziert.

Ir­gend­ein Käu­fer fin­det sich im­mer? Knüp­pel: Ge­nau. Re­gel­mä­ßig ru­fen mich Men­schen mit der Bit­te an, für sie ein Haus zu be­gut­ach­ten, das sie kau­fen möch­ten. In letz­ter Zeit soll so ein Ter­min mög­lichst so­fort statt­fin­den, was aber meist erst mit ei­ni­gen Stun­den Ver­zö­ge­rung geht. Dann kommt oft ei­ne St­un­de spä­ter der An­ruf, ein an­de­rer Käu­fer ha­be 50 000 Eu­ro mehr ge­bo­ten und des­halb den Zu­schlag be­kom­men. Sol­che Kauf­prei­se spie­geln den ei­gent­li­chen Wert der Im­mo­bi­lie sel­ten wi­der. Da kann man lieber ein Grund­stück in gu­ter La­ge kau­fen und ein mo­der­nes Haus dar­auf bau­en.

Ein Grund­stück be­kommt man al­ler­dings nicht so ein­fach.

Knüp­pel: Das stimmt, auch die sind mo­men­tan rar und eben­so über­teu­ert. Aber trotz­dem kön­nen Sie mit dem Kauf ei­nes Grund­stücks und dem Haus­bau dar­auf bei wirt­schaft­li­cher Pla­nung oft un­ter dem Preis für ein ge­brauch­tes Haus blei­ben. Ein wei­te­rer Vor­teil: Der Ei­gen­bau ent­spricht mo­der­nen Stan­dards, wäh­rend Sie beim Alt­bau noch Geld in die Sa­nie­rung ste­cken.

Aber vom feuch­ten Fun­da­ment bis zur falsch mon­tier­ten Trep­pe war­ten doch un­zäh­li­ge Fal­len beim Ei­gen­bau. Ei­ne ge­brauch­te Im­mo­bi­lie steht im­mer­hin schon mal. Knüp­pel: Das schützt aber nicht vor Bau­män­geln. Vie­le Leu­te kau­fen Häu­ser mit we­ni­ger Sorg­falt als ei­ne Wasch­ma­schi­ne. Wer oh­ne Ah­nung ei­nen Alt­bau kauft, der kann sein blau­es Wun­der er­le­ben. Das pas­siert im­mer öf­ter.

Woran liegt das?

Knüp­pel: Frü­her kann­te man oft ei­nen Hand­wer­ker im Freun­des­kreis oder man hat­te ei­nen On­kel, der hand­werk­lich gut drauf war und mit­guck­te, ob das Haus in Ord­nung ist. Aber das Bau­wis­sen der Leu­te nimmt ab, und da­durch kommt es im­mer häu­fi­ger zu Ent­täu­schun­gen nach dem Haus­kauf.

Wie soll­te der Laie beim Haus­kauf oder Haus­bau vor­ge­hen?

Knüp­pel: Nie al­lein. Man soll­te im­mer ei­nen Sach­ver­stän­di­gen oder Ar­chi­tek­ten da­bei­ha­ben. Das sa­ge ich nicht, weil ich für mich und mei­ne Kol­le­gen Wer­bung ma­chen möch­te. Son­dern weil so­wohl der Sach­ver­stän­di­ge als auch der Ar­chi­tekt für sei­ne Leis­tung um­fas­send aus­ge­bil­det sind und da­für haf­ten. Wenn so ein Pro­fi Feh­ler macht, kann der Bau­herr des­sen vor­ge­schrie­be­ne Be­rufs­haft­pflicht in An­spruch neh­men. Schließ­lich wird der Ar­chi­tekt da­für an­ge­mes­sen be­zahlt, dass er die nö­ti­ge Sorg­falt beim Bau auf­bringt. Aber man will sich ja hin­ter­her nicht ge­richt­lich strei­ten, son­dern ein­fach in sei­nen vier Wän­den glück­lich wer­den. War­um ist Bau­en so schwer?

Knüp­pel: Weil es hoch­kom­plex ist. Je­des Haus soll so in­di­vi­du­ell wie mög­lich sein, aber min­des­tens hun­dert Jah­re hal­ten. Von der Tür­klin­ke über die Aus­wahl ir­gend­ei­ner Schrau­be gibt es Tau­sen­de Ma­te­ria­li­en, die aus­ge­wählt wer­den müs­sen. Dann sind mehr als 30 ver­schie­de­ne Hand­werks­ge­wer­ke be­tei­ligt, da be­steht ein un­glaub­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­darf: zwi­schen dem­je­ni­gen, der baut, dem, der den Bau plant, und den Hand­wer­kern und dann auch noch un­ter den ver­schie­de­nen Hand­wer­kern selbst. Das al­les an­zu­lei­ten, die­se Schnitt­stel­len­ko­or­di­na­ti­on, das ist der klas­si­sche Job des Ar­chi­tek­ten.

Und war­um kommt es auch beim Bau mit ei­nem Ar­chi­tek­ten zu Män­geln und Strei­te­rei­en?

Knüp­pel: Das kann vie­le Grün­de ha­ben. Un­ter an­de­rem spielt der Preis­druck ei­ne Rol­le. Da­mit ein Ar­chi­tekt Bau­werks­pla­nung und -auf­sicht wirt­schaft­lich be­trei­ben kann, gibt es ei­ne staat­lich fest­ge­leg­te Ho­no­rar­ord­nung. Die­se Ver­gü­tun­gen fin­den vie­le Bau­her­ren aber zu teu­er. Um den Zu­schlag zu be­kom­men, bie­ten ei­ni­ge Kol­le­gen ih­re Di­ens­te des­halb un­ter­halb die­ser Sät­ze an. Da­mit kann der Ar­chi­tekt aber nun ein­mal nicht wirt­schaft­lich ar­bei­ten und muss des­halb mehr Auf­trä­ge an­neh­men, als er un­be­dingt zeit­lich be­auf­sich­ti­gen kann. Da­durch kann er nicht – wie vor­ge­se­hen – je­den Tag auf dem Bau sein, son­dern viel­leicht nur ein- oder zwei­mal in der Wo­che. Aber in­ner­halb ei­ner Wo­che kann auf ei­ner Bau­stel­le viel pas­sie­ren. Und schief­ge­hen.

Al­so nicht am Ar­chi­tek­ten spa­ren? Knüp­pel: Auf kei­nen Fall. Ein wei­te­res Pro­blem be­steht dar­in, dass es in Deutsch­land im­mer we­ni­ger er­fah­re­nes, fach­kun­di­ges Per­so­nal un­ter den Bau­aus­füh­ren­den gibt – auch im­mer we­ni­ger deutsch­spra­chi­ges Per­so­nal. Das muss man ein­fach so sa­gen. Zu­dem ist aus mei­ner Sicht die Hand­werk­s­eh­re, das Stolz­sein auf sei­ne hand­werk­li­chen Fä­hig­kei­ten, weit­ge­hend ver­lo­ren ge­gan­gen. Vie­le se­hen ih­re Ar­beit als Job an, den man mal mit mehr oder mit we­ni­ger Sorg­falt aus­übt. Da wird dann ein Bau­plan auch schon mal falsch ge­le­sen.

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