Ha­ni­el

Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen - - | Inhalt - VON GE­ORG WINTERS

Der Fa­mi­li­en­kon­zern aus Duis­burg steht vor ei­ner Neu­aus­rich­tung. Das be­trifft die Be­tei­li­gung an Me­tro – aber nicht nur.

Wie so vie­le Ge­schich­ten gro­ßer Un­ter­neh­men fängt auch die des Duis­bur­ger Fa­mi­li­en­clans Ha­ni­el klein an. Und wie so oft ha­ben des­sen heu­ti­ge Ge­schäf­te so gut wie nichts mit dem zu tun, was am An­fang stand. Die Ha­ni­el-His­to­rie be­ginnt 1756 mit dem Ruhr­or­ter Bür­ger­meis­ter Jan Wil­lem Noot, der ein „Pack­haus“er­öff­net – ein La­ger­haus für ei­nen Ko­lo­ni­al­wa­ren­la­den.

Die Ge­schäfts­idee von Franz Ha­ni­els Groß­va­ter muss man nicht span­nend fin­den. Aber die­ses La­ger­haus ist die Keim­zel­le ei­ner Fir­men­grup­pe, die heu­te nicht nur zu den größ­ten in Fa­mi­li­en­be­sitz be­find­li­chen Kon­zer­nen Eu­ro­pas zählt, son­dern die auch schon so vie­le ver­schie­de­ne Ge­schäfts­fel­der be­ackert hat wie kaum ei­ne an­de­re.

Ha­ni­el war Koh­le­händ­ler und Ree­der, Schiffs- und Ma­schi­nen­bau­er, Tank­stel­len- und Schacht­be­trei­ber, ehe sich das Un­ter­neh­men An­fang des 21. Jahr­hun­derts in der Form auf­stell­te, die noch heu­te gilt: als Be­tei­li­gungs­kon­zern, der un­ter an­de­rem Groß­ak­tio­när bei Me­tro ist, Al­lein­ei­gen­tü­mer des Be­klei­dungs­spe­zia­lis­ten CWS-bo­co, des Re­cy­cling­un­ter­neh­mens ELG und von Be­ka­ert Tex­ti­les, ei­nem Her­stel­ler von Ma­trat­zen­be­zü­gen. Auch ei­ne Mehr­heits­be­tei­li­gung am Ver­sand­händ­ler Takkt ge­hört zum Port­fo­lio.

Die Ge­schäfts­fel­der mö­gen we­nig auf­re­gend sein, und doch ist Ha­ni­el et­was Be­son­de­res. Wie vie­le Un­ter­neh­men gibt es sonst noch, die mehr als 250 Jah­re alt sind? Die ih­ren Fir­men­sitz noch dort ha­ben, wo schon die Ur­vä­ter re­si­dier­ten? Und die über ein Vier­tel­jahr­tau­send im­mer wie­der be­wie­sen ha­ben, dass es ge­ra­de der ste­ti­ge Wan­del ist, der ein Un­ter­neh­men fit macht für die nächs­te Etap­pe?

Von Ge­schich­te al­lein kann al­ler­dings kein Kon­zern le­ben, das gilt mehr denn je im Zeit­al­ter der Di­gi­ta­li­sie­rung. Ha­ni­el geht aber auch die­se Me­ga­her­aus­for­de­rung mit Ge­schichts­be­wusst­sein an. „Schacht One“heißt das jüngst an­ge­lau­fe­ne Pro­jekt des Kon­zerns da­zu. Es ist der Ver­such, ei­ne Di­gi­tal­schmie­de auf­zu­bau­en – und das auf der Ze­che Zoll­ver­ein in Essen, wo Ha­ni­el vor 165 Jah­ren erst­mals Fett­koh­le ge­för­dert hat.

Drei Jahr­zehn­te hat es da­mals ge­dau­ert, bis die ers­te Koh­le nach oben kam. So viel Zeit bleibt dies­mal na­tür­lich nicht. So rasch wie mög­lich wol­len Ha­ni­el und die Be­ra­tungs­gs­ell­schaft Et­ven­ture in ih­rem Ge­mein­schafts­pro­jekt neue di­gi­ta­le Ge­schäfts­mo­del­le um das bis­he­ri­ge Kern­ge­schäft her­um ent­wi­ckeln. „Schacht One“soll nicht we­ni­ger als ei­ne „di­gi­ta­le Werk­bank“für den ge­sam­ten Kon­zern sein. „Wir wol­len die Ar­beits­wei­se von Star­tups bes­ser ken­nen­ler­nen, wol­len ver­ste­hen, wie die Sze­ne tickt“, sag­te Ha­ni­el-Chef Ste­phan Gem­kow in ei­nem In­ter­view. Und bei dem neu­en Ha­ni­el-Ab­le­ger selbst heißt es klang­voll, man ste­he für „Auf­bruch, Aus­dau­er und Au­then­ti­zi­tät“.

Mit sei­ner Ent­schei­dung für den Stand­ort Essen hat Ha­ni­el auch Lan­des­wirt­schafts­mi­nis­ter Gar­relt Du­in (SPD) be­geis­tert. „Die Ma­na­ger ha­ben sich im Si­li­con Val­ley, in Tel Aviv und Ber­lin um­ge­schaut – und sich am En­de für Essen ent­schie­den. Und es gibt ja nicht nur Ha­ni­el, auch an­de­re Un­ter­neh­men ent­schei­den sich jetzt für NRW.“

Der Kon­zern will sich mit sei­ner di­gi­ta­len Ide­en­schmie­de ein Stück un­ab­hän­gi­ger von Ri­si­ken in an­de­ren Be­rei­chen ma­chen. Die Han­dels­grup­pe Me­tro war in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ei­nes, eben­so der längst ver­kauf­te Phar­ma­groß­händ­ler Ce­le­sio. Bei­de hat­ten im Ha­ni­el-Port­fo­lio ein der­ar­ti­ges Ge­wicht, dass sie mehr als Klum­pen­ri­si­ken denn als gro­ße Er­trags­brin­ger wahr­ge­nom­men wur­den.

Von Ce­le­sio hat sich Ha­ni­el be­freit, bei Me­tro ist der An­teils­be­sitz auf we­ni­ger als 20 Pro­zent zu­sam­men­ge­schmol­zen. Und al­len Treue­schwü­ren zum Trotz glau­ben vie­le Be­ob­ach­ter, dass Ha­ni­el die Me­tro-Be­tei­li­gung am liebs­ten kom­plett los­wer­den wür­de.

Das ver­bot sich lan­ge Zeit von selbst, weil die Duis­bur­ger vor Jah­ren Me­tro-Ak­ti­en auf Pump ge­kauft hat­ten, die da­nach deut­lich an Wert ver­lo­ren. Bei ei­nem Ver­kauf grö­ße­rer Pa­ke­te hät­te Ha­ni­el Wert­kor­rek­tu­ren in ei­nem Aus­maß vor­neh­men müs­sen, das sich die mehr als 600 Fa­mi­li­en­ge­sell­schaf­ter gern er­spa­ren möch­ten.

Wenn Me­tro al­ler­dings in den Groß­han­del und die Re­al-Ket­te auf der ei­nen Sei­te und die Me­dia-Sa­turn-Grup­pe auf der an­de­ren auf­ge­spal­ten wird, könn­ten sich die Per­spek­ti­ven än­dern. Ex- per­ten er­war­ten da­nach für die Ein­zel­tei­le deut­lich hö­he­re Be­wer­tun­gen als für das Ge­samt­un­ter­neh­men. Als Me­tro-Chef Olaf Koch im März ent­spre­chen­de Plä­ne an­kün­dig­te, re­agier­ten An­le­ger be­geis­tert, die Ak­tie schoss um mehr als zehn Pro­zent in die Hö­he.

Auch das ge­hört zu ei­nem Un­ter­neh­men, das als Be­tei­li­gungs­kon­zern per­ma­nent dar­auf ach­ten muss, dass das Port­fo­lio ge­nug Mu­sik für die Zu­kunft hat. „En­kel­fä­hig“muss man sein – der Ti­tel, mit dem Ha­ni­el sein Un­ter­neh­mens­ma­ga­zin über­schrie­ben hat, ist ein Im­pe­ra­tiv für den Vor­stand. Dar­auf wer­den die mehr als 600 Mit­glie­der des Fa­mi­li­en­clans ein wa­ches Au­ge ha­ben.

Der Fa­mi­li­en­kon­zern Ha­ni­el steht vor ei­ner Neu­aus­rich­tung — wie­der mal. Die Be­tei­li­gung an Me­tro soll sin­ken, Ge­schäfts­ide­en für die Di­gi­ta­li­sie­rung müs­sen her. Schließ­lich war­ten 680 Clan­mit­glie­der auf ih­re Aus­schüt­tung.

Franz Ha­ni­el (1779 bis 1868) ist der Na­mens­ge­ber des Kon­zerns, der sei­nen Un­ter­neh­mens­sitz noch im­mer am Grün­dungs­ort Duis­burg hat. Heu­te ist Fanz Mar­kus Ha­ni­el das Fa­mi­li­en­ober­haupt.

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