Mu­sik­bran­che

Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen - - | Inhalt - VON GRE­GOR KESS­LER

Vi­nyl ist tot? Un­sinn! Wie ein Start-up aus der Nä­he von Aachen vom welt­wei­ten Schall­plat­ten­boom pro­fi­tiert.

Der welt­wei­te Vi­nyl­boom wird zum Pro­blem für die Mu­sik­bran­che: Al­te Plat­ten­pres­sen sind kaum mehr auf­zu­trei­ben, neue wur­den jahr­zehn­te­lang nicht ge­baut. Ein klei­nes Start-up aus der Nä­he von Aachen hat

den Man­gel zum Ge­schäft ge­macht.

Der Hei­land ei­ner gan­zen Bran­che lebt ver­steckt im tiefs­ten Wes­ten der Re­pu­blik, kurz vor der hol­län­di­schen Gren­ze. Er­win Neu­bau­er, 55 und von kräf­ti­ger Sta­tur, steht in ei­ner un­auf­fäl­li­gen Hal­le in Als­dorf bei Aachen und in­spi­ziert je­ne Schöp­fun­gen, mit de­nen er an­ge­tre­ten ist, die Schall­plat­ten­in­dus­trie zu er­lö­sen. Sie sind blau, manns­hoch und hö­ren auf den Namen New­bilt Du­plex. Es sind die welt­weit ers­ten neu­en Vi­nyl­pres­sen seit Jahr­zehn­ten.

Neu­bau­ers Fir­ma ist klein, doch ih­re Strahl­kraft ist ge­wal­tig. Im Wo­chen­takt emp­fängt er Be­su­cher von Plat­ten­fir­men und Press­wer­ken. Sie kom­men aus Asi­en und den USA, aus Griech­land und Bra­si­li­en, und sie al­le be­schäf­tigt ei­ne Fra­ge: Wie ver­grö­ßert man die Ka­pa­zi­tä­ten für die Pro­duk­ti­on von LPs so schnell, dass die Her­stel­ler den Auf­trä­gen wie­der hin­ter­her­kom­men? Neu­bau­er er­läu­tert ih­nen dann in sei­ner wei­chen rhei­ni­schen Dik­ti­on die Vor­zü­ge der New­bilt Du­plex.

Ei­nen bes­se­ren Zeit­punkt für die Grün­dung sei­ner Fir­ma hät­te er kaum fin­den kön­nen. Denn un­ter dem Trau­er­flor ei­ner ge­beu­tel­ten Mu­sik­bran­che ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ein un­wahr­schein­li­ches Pf­länz­chen her­an­ge­wach­sen. Das über­ra­schen­de Come­back der Schall­plat­ten – zu­nächst nicht viel mehr als Stoff für rand­stän­di­ge Re­por­ta­gen: wie ver­blüff­ten En­keln die Blue-No­te-Samm­lung des ver­stor­be­nen Opas aus den Hän­den ge­ris­sen wird; wo zau­se­li­ge Plat­ten­händ­ler ir­ri­tiert von Kun­den un­ter 30 be­rich­ten; in de­nen so­zi­al de­pri­vier­te Samm­ler die ana­lo­ge Wär­me des Vi­nyls be­schwö­ren.

Doch nach neun Jah­ren, in de­nen die Meldungen über stei­gen­de Vi­nyl­ver­käu­fe sich wie­der­hol­ten wie ei­ne Plat­te mit Sprung, hat sich die schwar­ze Schei­be aus der Ni­sche her­aus­ge­ar­bei­tet. Wo­mit al­ler­dings ein ganz neu­es Pro­blem auf­ge­taucht ist: Wo sol­len die ste­tig wach­sen­den Men­gen pro­du­ziert wer­den?

„Je­de der heu­te lau­fen­den Vi­nyl­pres­sen ist 30 bis 40 Jah­re alt – min­des­tens“, er­klärt Neu­bau­er. Und da­zu hat er selbst bei­ge­tra­gen. Vor ziem­lich ge­nau 30 Jah­ren heu­er­te er ein paar Hun­dert Me­ter von sei­ner heu­ti­gen Fir­ma bei Re­cord Ser­vice an. Im da­mals fun­kel­na­gel­neu­en CD-Werk des in­zwi­schen als als Cin­ram fir­mie­ren­den Un­ter­neh­mens, küm­mer­te der ge­lern­te Mecha­tro­ni­ker und Ma­schi­nen­bau­er sich um die Tech­nik. Es war die Zeit des ra­san­ten Auf­stiegs der CD, die da­mals die LP zu ver­drän­gen be­gann – und da­mit auch die Her­stel­ler der Plat­ten­pres­sen ver­schwin­den ließ. Seit den 80ern wur­den kei­ne neu­en Ma­schi­nen mehr ge­baut. Ent­spre­chend schwer sind sie heu­te zu be­kom­men.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren

hat Neu­bau­er gut von der Ver­wal­tung die­ses Man­gels ge­lebt. Zu­sam­men mit al­ten Weg­ge­fähr­ten kauf­te er in die Jah­re ge­kom­me­ne Ma­schi­nen an, mach­te sie in Als­dorf wie­der flott und ver­kauf­te sie dann in al­le Welt wei­ter. Für er­fah­re­ne Leu­te wie ihn war das bis vor Kur­zem ein ein­fa­ches Ge­schäft. Noch vor drei Jah­ren bau­te Neu­bau­ers Kom­pa­gnon ein klei­nes LP-Werk in Ita­li­en ab, um die Pres­sen zu über­ho­len und wei­ter­zu­ver­kau­fen. „100 000 Eu­ro ha­ben wir da­mals ge­zahlt, für sechs Ma­schi­nen“, er­in­nert sich Neu­bau­er. „Heu­te“, fügt er mit dra­ma­tur­gisch ge­schickt ge­senk­ter Stim­me hin­zu, „be­kommt man da­für nicht mal mehr ei­ne Ma­schi­ne.“Wenn man über­haupt ei­ne be­kommt.

Die Not ist groß. „Die meis­ten Press­wer­ke hat­ten zu­letzt War­te­zei­ten von acht bis zehn Mo­na­ten. Vie­le neh­men gar kei­ne neu­en Kun­den mehr an“, sagt Neu­bau­er. In der Fol­ge kön­nen Plat­ten­fir­men ih­re Ver­öf­fent­li­chungs­da­ten nicht mehr ein­hal­ten, den Press­wer­ken ent­ge­hen vie­le Um­sät­ze – al­le sind ge­nervt. Die pas­sen­de Ge­le­gen­heit für das zu­vor Un­denk­ba­re, dach­te sich Neu­bau­er, als er sei­ne ers­te neue Pres­se bau­en ließ. Die Tei­le pro­du­zie­ren Zu­lie­fe­rer aus der Re­gi­on, bei New­bilt wird nur mon­tiert und ent­wi­ckelt. Das hält das Un­ter­neh­men klein und die lau­fen­den Kos­ten über­schau­bar.

160 000 Eu­ro kos­tet ei­ne New­bilt Du­plex. Noch vor we­ni­gen Jah­ren wä­re das ei­ne viel zu ho­he In­ves­ti­ti­on für ei­ne ver­meint­li­che Mo­de­er­schei­nung wie das Vi­nyl­re­vi­val ge­we­sen. Doch in­zwi­schen sind schon neun Ma­schi­nen ver­kauft und auch be­zahlt. „Nach Jah­ren ste­ti­gen Wachs­tums glau­ben nun auch die Press­wer­ke, dass die an­zie­hen­den Vi­nyl­ver­käu­fe kein Stroh­feu­er sind. Und sie mer­ken, dass ge­brauch­te Pres­sen nach al­len Re­pa­ra­tu­ren und Nach­jus­tie­run­gen bei den heu­ti­gen Prei­sen nicht mehr viel bil­li­ger sind als un­se­re New­bilt“, sagt Neu­bau­er.

Wo­bei die New­bilt trotz ih­res Na­mens so neu gar nicht ist.

Ih­re Ba­sis ist ein Klas­si­ker aus den

USA, den Neu­bau­er von sei­nen Se­cond­hand-Ge­schäf­ten gut kennt: die Fi­ne­bilt, ein Hal­b­au­to­mat, der zwi­schen den frü­hen 50er- und 60er-Jah­ren in Los An­ge­les ge­baut wur­de und im­mer noch in fast je­dem ame­ri­ka­ni­schen Werk steht. „Die ist so ver­läss­lich und leicht zu be­die­nen, dass dar­auf bis heu­te na­he­zu al­le Test­pres­sun­gen ge­macht wer­den“, sagt Neu­bau­er. War­um neu er­fin­den, was gut funk­tio­niert? Nach die­sem Mot­to bau­en Neu­bau­er und sei­ne Leu­te die Fi­ne­bilt nach.

Da­hin­ter steckt auch Re­spekt. Denn Vi­nyl ist ein schwie­ri­ger Stoff, zäh und ei­gen­wil­lig. Ganz an­ders als das Po­ly­car­bo­nat der CD, das sich flüs­sig in For­men sprit­zen lässt, wan­dert Po­ly­vi­nyl­chlo­rid als war­mer Klum­pen von et­wa 150 Gramm in die Ma­schi­ne. Mit der dampf­be­trie­be­nen Kraft von 150 Ton­nen wird die schwar­ze Mas­se zwi­schen den hei­ßen Mut­ter­plat­ten zu ei­ner ge­rill­ten Schei­be ge­presst. Die Her­aus­for­de­rung ist, in die­sem Pro­zess kei­ne Span­nun­gen im Vi­nyl

ent­ste­hen zu las­sen, durch die die Plat­ten ver­bie­gen. Da­bei kann die neue Steu­er­soft­ware, die Neu­bau­er für die New­bilt hat schrei­ben las­sen, nur be­dingt hel­fen. Ent­schei­dend ist die Mecha­nik – und die un­ter­schei­det sich nicht zwi­schen der al­ten Fi­ne­bilt und der neu­en New­bilt Du­plex.

An­de­re sind ex­pe­ri­men­tier­freu­di­ger. Et­wa die­ser Ita­lie­ner, von dem Neu­bau­er er­zählt. „Der woll­te ei­ne voll­elek­tri­sche Pres­se bau­en, mit In­duk­ti­on statt Dampf.“Hat er dann aber wie­der ver­wor­fen, „nach­dem er viel Geld in die Ent­wick­lung ge­steckt hat­te“. Oder die Fir­ma Vi­ryl aus To­ron­to, die ei­ne völ­lig neue Ma­schi­ne ent­wor­fen hat, da­mit aber noch nicht auf dem Markt ist. „Man­che nen­nen uns gars­tig die Clo­ne-Com­pa­ny, weil wir ei­ne al­te Ma­schi­ne ko­piert ha­ben“, räumt Neu­bau­er ein. „Aber so­lang wir welt­weit die ein­zi­gen Her­stel­ler sind, die auch wirk­lich neue Ma­schi­nen lie­fern kön­nen, stört uns das über­haupt nicht.“

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Wer­bung brauch­te sich New­bilt da­bei bis­lang nicht zu küm­mern. Das hat ein

Kun­de wirk­sa­mer als je­de

Kam­pa­gne er­le­digt: En­de ver­gan­ge­nen Jah­res, Neu­bau­ers Ma­schi­nen wa­ren ge­ra­de erst auf dem Markt, da or­der­te

Third Man Re­cor­ds, das Plat­ten­la­bel von Whi­te-Stri­pes-Sän­ger Jack Whi­te, gleich vier Ma­schi­nen. „Je­der sag­te uns: Nie­mand baut mehr neue Vi­nyl­pres­sen“, sagt Ben Black­well, der Third Man zu­sam­men mit Whi­te ge­grün­det hat. „Aber die­se Ty­pen hier bau­en sie, und sie ver­kau­fen sie auch.“Neu­bau­er durf­te zu­nächst nichts ver­ra­ten, aber im No­vem­ber letz­ten Jah­res fing Black­well selbst an, über die Ma­schi­nen aus Deutsch­land zu spre­chen. „Da­nach war hier Hell’s Bells – das Te­le­fon stand nicht mehr still“, er­in­nert sich Neu­bau­er.

Es dau­er­te ei­ne gan­ze Wei­le, bis die ehe­ma­li­ge Tief­ga­ra­ge un­ter dem neu­en Third-Man-Plat­ten­la­bel in Chicago so weit her­ge­rich­tet war, dass die Ma­schi­nen auch an­ge­schlos­sen wer­den kön­nen. Aber in­zwi­schen ist das Press­quar­tett – nach Jack Whi­tes per­sön­li­chem Wunsch gelb statt blau la­ckiert – auf dem Weg in die USA. Sie wer­den ih­re Ar­beit in ei­nem gut aus­ge­leuch­te­ten und stil­si­cher ge­stal­te­ten Pro­duk­ti­ons­raum auf­neh­men, der durch raum­ho­he Schei­ben ein­seh­bar ist für al­le Be­su­cher. Da­zu zäh­len aus­drück­lich auch po­ten­zi­el­le New­bilt Kun­den, be­rich­tet Neu­bau­er stolz. „Das wird der geils­te Show­room, den es je für Plat­ten­pres­sen gab.“

An­ders als vie­len ma­ni­schen Samm­lern sind Neu­bau­er Plat­ten ei­gent­lich egal. Eher aus be­ruf­li­chem Pflicht­be­wusst­sein hat er sei­nen al­ten Plat­ten­spie­ler zu Weih­nach­ten wie­der an­ge­schlos­sen – um ein paar Mal „Jing­le Bells“zu spie­len, ge­folgt von „Se­ven Na­ti­on Ar­my“von den Whi­te Stri­pes, der mit Ab­stand jüngs­ten Plat­te im Haus­halt Neu­bau­er. Ja, na­tür­lich mö­ge er Mu­sik, aber ob die jetzt von ei­ner LP, ei­ner CD oder aus dem Ra­dio kom­me, sei ihm ei­gent­lich egal.

Weit kon­kre­te­re Vor­stel­lun­gen hat er von der Zu­kunft des Un­ter­neh­mens. Hal­b­au­to­ma­ten, bei de­nen ein Mensch zwei Pres­sen be­dient, sol­len da­bei nur der An­fang ge­we­sen sein. Als Nächs­tes wird New­bilt auch Voll­au­to­ma­ten an­bie­ten. Schon bis zum Herbst soll es so weit sein.

Neu­bau­er ist im Her­zen Ma­schi­nen­bau­er. Ihn rei­zen die tech­ni­schen Ab­läu­fe. Er be­wun­dert die al­ten Pres­sen, von de­nen vie­le im­mer noch gut lau­fen. Gleich­zei­tig ist er Un­ter­neh­mer. Er weiß: Der klei­ne, über­schau­ba­re Ku­chen, für den sich New­bilt in­ter­es­siert, wird jetzt ver­teilt. Wer vom nächs­ten Weih­nachts­ge­schäft pro­fi­tie­ren will, muss sehr bald Pres­sen be­stel­len. Ei­ne gu­te Aus­gangs­la­ge, wenn man als

Ein­zi­ger lie­fern kann.

Ei­gent­lich ist es Er­win Neu­bau­er (links) egal, ob er Songs von ei­ner Plat­te oder ei­ner CD hört. Sei­ne Lei­den­schaft gilt mehr den Ma­schi­nen als der Mu­sik — et­wa der re­stau­rier­ten al­ten Pres­se, vor der er auf dem Fo­to po­siert. Seit Jack Whi­te, Grün­der der US-Band Whi­te Stri­pes, vier neue Vi­nyl­pres­sen bei Neu­bau­er ge­or­dert hat, ist des­sen Fir­ma New­bilt Ma­chine­ry bei Plat­ten­la­bels welt­weit ein Be­griff.

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